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11. Februar 2019, 08:23 Uhr

City-Gala gegen Chelsea

Die gnadenlosesten 25 Minuten dieser Premier-League-Saison

Von , Manchester

Manchester City zeigte beim rauschenden Sieg gegen Chelsea vor allem in den ersten 25 Minuten, was einen Meister ausmacht. Entscheidend im Titelrennen dürften aber andere Spiele sein.

Die Fans von Manchester City wollten nicht mehr hinsehen. Eine knappe halbe Stunde war vorbei im Heimspiel gegen den FC Chelsea, das nur in der Theorie das Treffen zweier ähnlich starker Mannschaften war, als sich viele Zuschauer in den Blöcken hinter Chelseas Tor und auf der Gegentribüne vom Spielfeld abwandten. Sie drehten sich um, hakten sich mit den Armen ein und hüpften auf und ab. Aus einiger Entfernung sah das Geschehen aus wie Wellengang auf den Rängen.

Was in Deutschland vermutlich als zynischer Protest des Publikums gegen die eigene Mannschaft gewertet worden wäre, ist für Citys Anhänger ein Ritual der Freude. Der Legende nach haben sie sich den Tanz mit dem Rücken zum Spielfeld von den Fans des polnischen Klubs Lech Posen abgeschaut, als dieser im Herbst 2010 in der Europa League in der alten Industriestadt im Norden Englands zu Gast war.

Der Grund für den Überschwang beim Spiel gegen Chelsea waren die vielleicht bemerkenswertesten 25 Minuten der laufenden Premier-League-Saison. Genau so lange hatte Manchester City nach dem Anpfiff dafür gebraucht, um ein 4:0 herauszuschießen. Raheem Sterling, zweimal der überragende Sergio Agüero und der deutsche Nationalspieler Ilkay Gündogan waren die Torschützen.

City spielt gnadenlos

Es sollten noch zwei weitere Treffer fallen im Laufe der Partie, am Ende hieß es 6:0 für den amtierenden Meister, der den FC Liverpool dank der besseren Tordifferenz (und bei einem Spiel mehr) wieder von der Tabellenspitze stieß. Es genügen allerdings die ersten 25 Minuten, um zu erklären, warum Manchester City darauf hoffen darf, als erster Klub seit zehn Jahren erfolgreich den Titel in England zu verteidigen.

Die Mannschaft von Trainer Pep Guardiola zeigte da, dass sie den Gegner filetieren kann wie kein anderes Team der Liga. Sie zerlegte Chelsea im Schnellverfahren und mit großer Präzision. Sie bewies eine Gnadenlosigkeit, die unabdingbar ist im Titelrennen. Für die ersten vier Treffer waren nur fünf Schüsse nötig. Sie zeigte, dass sie variabel ist. Citys typischer Spielzug mit einem steilen Ball auf den Flügel, der flachen Hereingabe und dem Abschluss aus wenigen Metern hat in den ersten 25 Minuten ebenso zum Erfolg geführt (Sterlings 1:0), wie Schüsse von außerhalb des Strafraums (Agüeros 2:0 und Gündogans 4:0).

Wenn man so will, bewies Guardiolas Team in den ersten 25 Minuten auch die wichtige Eigenschaft, sich von Rückschlägen zu erholen. Kurz vor seinem ersten Treffer war Agüero jämmerlich gescheitert. Er hatte den Ball aus weniger als drei Metern am leeren Tor vorbei geschoben. In seinem Gesicht war der Schock über das eigene Versagen zu erkennen. Doch Agüero schüttelte den Fehlversuch ab, traf nur fünf Minuten später mit einem sehenswerten Fernschuss in den oberen Torwinkel und nutzte dann auch noch einen Aussetzer von Chelseas Mittelfeldmann Ross Barkley, der ihm den Ball per Kopf servierte.

Schalke wird genau hingesehen haben

Überhaupt, Agüero: Nach seinen beiden Treffern in der ersten Halbzeit gelang ihm in der zweiten Hälfte per Elfmeter ein drittes Tor. Es war sein insgesamt elfter Dreierpack in der Premier League. Damit zog er mit Alan Shearer gleich, dem Rekordhalter in dieser Disziplin. Als er nach etwas mehr als einer Stunde ausgewechselt wurde, erhob sich das komplette Publikum, um dem Angreifer zu applaudieren. Er ist eine Waffe im Titelkampf mit seiner Verlässlichkeit vor dem Tor - und dürfte auch die Abwehr des FC Schalke 04 in Aufruhr versetzen im Achtelfinale der Champions League (20. Februar, 21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Trainer Guardiola war nach dem 6:0 so gut gelaunt wie zuletzt selten. Er stufte den Vortrag gegen Chelsea als beste Leistung in einem Heimspiel seit seiner Ankunft in Manchester im Sommer 2016 ein und pries den Hunger seiner Mannschaft auf Erfolg. "Das Verlangen, immer das Beste zu geben, ist unglaublich", sagte er. Und auf genau dieses Verlangen könnte es ankommen in der Frage, ob der Pokal für Englands Meister am Ende der Saison in Manchester oder Liverpool landet.

Denn dass City auch gegen Spitzenteams wie Chelsea zu großem Fußball in der Lage ist, hat die Mannschaft in der jüngeren Vergangenheit mehrfach bewiesen. Entscheidend ist, dass sie gegen vermeintlich schwächere Gegner konzentriert bleibt. Gegen Gegner, gegen die sich schnell Leichtsinn und Überheblichkeit einschleichen können, gegen die ein bisschen mehr Verlangen nötig ist.

Drei der vier Niederlagen in dieser Spielzeit hat Manchester City gegen Crystal Palace, Leicester und Newcastle kassiert. Solche Ausrutscher sollte die Mannschaft in den verbleibenden Partien vermeiden. Dann wenden sich die Fans am Ende der Saison vielleicht wieder vom Spielfeld ab. Aus Freude über die Meisterschaft.

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