Manchester City Stammplatz auf der Achterbahn

Vom Schmuddelverein zum Glitzerclub: Mit astronomischen Gehältern und neuen Stars will Manchester City an die Spitze der englischen Premier League. Die Fans des Schalker Uefa-Cup-Gegners wissen noch nicht, ob sie das wirklich gut finden.
Von Edgar Klüsener

Manchester City war das Fußball-Aschenputtel im Nordwesten Englands, jahrzehntelang beinahe ein Synonym für die permanente Krise. Aber der Club, der am Donnerstag (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) im Uefa-Cup beim FC Schalke antreten muss, hatte auch immer die treuesten Fans. Deren galliger Humor machte sie inselweit berühmt und beliebt. "Wir sind keine Schönwetter-Shopper", sagt Nigel, "wir haben uns für einen Verein entschieden, meistens schon als Kinder, und dann bleiben wir diesem Verein eben treu. Durch dick und dünn, arm und reich." Nigel bildet in Oxford Gewerkschaftsvertreter aus, kommt aber eigentlich aus Manchester und ist mit Leib und Seele Fan von ManCity. Wie die meisten Anhänger des in den vergangenen beiden Jahrzehnten arg gebeutelten Traditionsclubs muss er sich jetzt daran gewöhnen, dass sein Club plötzlich reich ist. Nicht einfach nur reich, sondern superreich. Der erste Geldregen setzte mit der Übernahme durch den früheren thailändischen Premierminister Thaksin Shinawatra am 6. Juli 2007 ein. Die Herkunft von Shinawatras Vermögen? Nun, die Frage danach bereitete City-Fans durchaus Kopfzerbrechen. Schließlich wird Shinawatra in seiner Heimat wegen Korruption und Machtmissbrauchs verfolgt.

Doch das große Geld schien bestens zur jüngsten Entwicklung des Clubs zu passen, der Anfang des Jahrtausends aus dem baufälligen Maine-Road-Stadion in das neue Commonwealth-Games-Stadium umgesiedelt war. Der Schmuddelverein auf dem Weg zum Glitzerclub?

Sportlich zumindest war es eine Phase der Konsolidierung auf einem Niveau, das noch 1998 undenkbar schien - da hatte City ein kurzfristiges Gastspiel in der dritten Liga gegeben. Aber selbst damals waren im Schnitt rund 30.000 Fans zu den Heimspielen gekommen und hatten sich auch von Fußball auf erschreckend schlechtem Niveau nicht vergraulen lassen. "City ist nicht nur ein Fußballclub, sondern auch eine identitätsstiftende Idee. Als City-Fan hast du einen Stammplatz auf der Achterbahn gebucht. Auf Momente absoluter Brillanz folgen mit tödlicher Sicherheit grottenschlechte Perioden und rasante Abstürze", sagt Nigel.

Dem kann Michael nur zustimmen. Wie für Nigel ist City auch für ihn eine Familien- und Herzensangelegenheit. Der Endzwanziger versucht immer noch mit einer Wirklichkeit klarzukommen, in der sein Verein plötzlich zum reichsten Fußballclub der Welt geworden ist. Denn im September 2008 hat City erneut den Eigentümer gewechselt. Besitzer des Traditionsvereins ist jetzt eine Investorengruppe aus Abu Dhabi um Sulaiman Al Fahim.

Die Ölmilliarden, die nun nach Manchester fließen, lassen selbst die Ressourcen von Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch beschränkt erscheinen. Kurz nach der Übernahme schnappte Al Fahim dem FC Chelsea den brasilianischen Superstar Robinho vor der Nase weg - für eine Ablösesumme von 40 Millionen Euro. Der belgische Nationalspieler Vincent Kompany wechselte vom Hamburger SV nach Manchester. Und das sei erst ein Anfang, erklärte Al Fahim wenig später ungerührt der Presse. Schließlich brauche man noch weitere 18 Spieler in derselben Preisklasse.

Beim traditionellen Erzfeind United hatte 2005 die Übernahme des Vereins durch den amerikanischen Investor Malcolm Glazer eine Fan-Revolte ausgelöst. Ein Beispiel für City-Fans? Mitnichten. Eine Fan-Revolte als Reaktion auf Thaksin Shinawatra und auf die Ölmilliarden aus Abu Dhabi ist bisher ausgeblieben.

Den Fans ist aber die Ambivalenz ihrer Lage bewusst. "Natürlich erkenne ich, dass mein Idealbild vom Club und von Fußball im allgemeinen schon vor Jahren in Scherben gegangen ist", sagt Michael. "Aber als City-Fan ist man sich halt immer bewusst gewesen, dass die Mannschaft in der jüngeren Vergangenheit nie auch nur den Hauch einer Chance gehabt hat, ein wenig vom nationalen oder internationalen Tafelsilber abzuräumen." Das blieb beinahe ausschließlich den vier Spitzenclubs Chelsea, ManU, Arsenal und Liverpool vorbehalten.

Die Anhänger seien derzeit vorsichtig optimistisch, bestätigen Michael und Nigel, und hoffen vor allem auf glorreiche City-Zeiten. Sie seien sich aber auch sehr wohl bewusst, dass in bester City-Manier jederzeit alles fürchterlich schief gehen könne. Eine Finanzkrise hier, eine miese Saison da, und City könne schnell wieder mit Vollgas über die Achterbahn rasen.

Dass die Gefahr durchaus gegeben ist, trotz der sensationell dicken Kapitaldecke und der millionenteuren Neueinkäufe, belegt das aktuelle Abschneiden des Teams in der Premier League. Statt leichtfüßig die Spitze zu erobern und die Liga nach Belieben zu dominieren, stolpert City derzeit eher orientierungslos im Mittelfeld herum. Trotz des 3:0-Sieges gegen den FC Arsenal am vergangenen Samstag belegt man Platz elf der Tabelle.

Manchmal brilliert die Mannschaft, dann wieder erinnert sie an schlechte alte Zeiten, in denen nichts, aber auch gar nichts lief. Noch fehlt dem Team um Stürmer Robinho die Konstanz. So wurde etwa am siebten Spieltag vor eigenem Publikum eine 2:0-Führung gegen Liverpool aus der Hand gegeben.

Das macht es für Schalke jedoch nicht leichter. Was dem Bundesligisten einiges Kopfzerbrechen bereiten sollte, denn es lässt sich kaum vorhersagen, welches Gesicht das Team von Mark Hughes beim Aufeinandertreffen der beiden Clubs im Uefa-Cup zeigen wird. Nur eines ist klar: Sollte sich City von der brillanten Seite zeigen, wird es sehr schwer werden für die Gelsenkirchener.