Lebensgefährlich verletzter Manchester-Anhänger Schalke-Fan wegen versuchten Mordes angeklagt

Beim Champions-League-Spiel des FC Schalke war ein Manchester-City-Anhänger schwer verletzt worden. Nun erhob die Staatsanwaltschaft gegen mutmaßliche Mitglieder der Schalker Ultras Anklage - die Vorwürfe wiegen schwer.

Die Schalker Arena beim Duell gegen Manchester City
Dean Mouhtaropoulos/ Getty Images

Die Schalker Arena beim Duell gegen Manchester City

Von Christian Parth


Im Fall der brutalen Attacke auf mehrere Anhänger des Premier-League-Klubs Manchester City hat die Staatsanwaltschaft Essen Anklage gegen drei mutmaßliche Mitglieder der Schalker Ultra-Gruppierung Hugos erhoben.

Dem 30 Jahre alten Hauptbeschuldigten Jens H. wird versuchter Mord vorgeworfen, der 27-Jährige Ben P. und der 45-Jährige Dieter S. werden sich vor dem Essener Landgericht wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten müssen. Gegen einen vierten Verdächtigen wird noch ermittelt. Das geht aus der elfseitigen Anklageschrift hervor, die dem SPIEGEL vorliegt. Eines der Opfer hatte schwere Kopfverletzungen erlitten und schwebte mehrere Wochen in Lebensgefahr.

Der Vorfall ereignete sich am 20. Februar 2019 während der Champions-League-Partie zwischen Schalke 04 und Manchester City in der Gelsenkirchener Arena. City-Anhänger Paul W. war mit seiner Schwester, seinen Eltern und einigen Freunden zum Auswärtsspiel seines Vereins gereist. Zum Tatzeitpunkt hielt sich die Gruppe laut Anklage in der Umlaufzone hinter dem Gästeblock auf und verfolgte das Spiel an den Bildschirmen.

Offenbar floss reichlich Alkohol. Bei City-Fan W. wurde später ein Wert von 2,8 Promille gemessen. Als Manchester kurz vor Ende der Begegnung den Siegtreffer zum 3:2 erzielte, löste sich W. Zeugenaussagen aus der Gruppe, baute sich breitbeinig auf und zeigte beide Mittelfinger in Richtung Schalke-Block. Auf dem Weg zurück sei er dann von einem der Angeklagten angerempelt worden. Allerdings habe W. auf die Provokation nicht reagiert. Als sich die Lage offenbar wieder beruhigt hatte, soll zunächst einer der Beschuldigten dem Vater mit einem Fausthieb ins Gesicht geschlagen haben.

Attacke offenbar auch gegen die Familie des Opfers

Anschließend, so schildert des die Anklage, ging Jens H. mit den Händen auf dem Rücken auf Paul W. zu, um ihm dann unvermittelt einen Schlag gegen das Kinn zu verpassen. Laut Anklage hatte W. die Faust nicht kommen sehen, er hatte in eine andere Richtung geblickt. Er ging zu Boden, schlug ungebremst mit dem Kopf auf und blieb bewusstlos liegen. Danach habe H. noch den Vater angegriffen und ihn mehrfach geschlagen. Auch die Schwester des Opfers wurde bei dem Angriff verletzt. Sie trug eine Platzwunde an der Lippe davon.

Paul W. dagegen erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma mit Einblutungen ins Gehirn, sein Unterkiefer und das Jochbein waren gebrochen. Die Ärzte hatten den 32-Jährigen notoperiert und ins Koma versetzt. Lange sei nicht klar gewesen, ob er bleibende Schäden davontragen würde - der genaue Gesundheitszustand ist weiterhin unklar. In einem privaten Facebook-Post, der "BBC" vorlag, schrieb W. zuletzt, er könne mittlerweile wieder laufen.

Die Attacke der Schalke-Ultras auf die City-Anhänger hatte auch in England für Bestürzung gesorgt. Manchester City hatte eine Fanbeauftragte nach Gelsenkirchen entsandt, um das Opfer und seine Familie zu unterstützen. Die Polizei hatte eine Mordkommission eingerichtet. Am 25. Februar, fünf Tage nach der Tat, wurde Jens H. festgenommen. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.

Angeklagter ist ein erfahrener Kampfsportler und Mixed-Martial-Arts-Kämpfer

Die Staatsanwaltschaft wirft den drei Beschuldigten vor, die Tat geplant zu haben und stützt sich dabei auf Zeugenaussagen sowie Aufzeichnungen der Überwachungskameras. Demnach hätten sich die drei Schalker bewusst im Bereich der Gästefans aufgehalten, um einen Angriff auf gegnerische Anhänger zu provozieren. Um von den Kameras nicht erkannt zu werden, hätten sie sich ihre Kapuzen über den Kopf gezogen. Vor der Attacke auf W. hätten sie sich kurz besprochen und darauf geeinigt, den Engländer durch eine Rempelei in Rage zu bringen.

Vor allem die Vorwürfe gegen den Hauptbeschuldigten H. wiegen schwer. Er habe beabsichtigt, die "Arg- und Wehrlosigkeit des Geschädigten gezielt zur Tötung auszunutzen", heißt es in der Anklageschrift. Damit hat die Staatsanwaltschaft den Tatvorwurf deutlich verschärft. Im Haftbefehl des Amtsgerichts Gelsenkirchen war noch von gefährlicher Körperverletzung die Rede.

H., Geschäftsführer eines Gelsenkirchener Sportstudios, hätte wissen müssen, was seine Schläge anrichten. Laut Anklage ist er ein erfahrener Kampfsportler und Mixed-Martial-Arts-Kämpfer (MMA). Die Polizei führt ihn nach Angaben der Staatsanwaltschaft als "Gewalttäter Sport". Er nutze "jede Gelegenheit, sich an gewalttätigen Auseinandersetzungen zu beteiligen". H. ist schon mehrfach strafrechtlich in Erscheinung getreten. Zuletzt wurde er im August 2014 unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung zu neun Monaten auf Bewährung verurteilt.

Schalker Spruchband im Revierderby sorgt für Empörung

Nach Erkenntnissen der Behörden gilt H. als "formeller Anführer" der Hugos, die sich nach einer ehemaligen Zeche benannt haben. Viele der Mitglieder haben Stadionverbot. Die Schalker Ultra-Gruppe hat in der Vergangenheit schon häufig für Ärger gesorgt, wenn auch nicht immer nur durch Schlägereien.

Im Revierderby gegen Borussia Dortmund Ende April dieses Jahres hisste der Schalke-Block ein Spruchband mit der Aufschrift: "Immer noch 'ne Bombenidee, Freiheit für Sergej W." Eine Anspielung auf den Sprengstoffanschlag auf den BVB-Bus 2017. Das Banner wurde den Hugos zugerechnet.

Das Landgericht Essen muss nun über die Zulassung der Anklage entscheiden. Die drei Beschuldigten haben sich bislang nicht eingelassen. Für ihre Verteidigung haben sich Jens H. und Ben P. die Kölner Kanzlei Heer und Sturm ausgesucht. Die beiden Anwälte hatten im Verfahren um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) die Rechtsterroristin Beate Zschäpe vertreten.



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