Entscheidung in der Premier League Guardiolas Tränen, Klopps Tragik

Englands Titelkampf hat ein denkwürdiges Finale erlebt. City-Coach Pep Guardiola überkamen danach die Emotionen. Und Jürgen Klopp haderte: Zweiter zu werden, das sei die Geschichte seines Lebens.
Pep Guardiola: »Man wird sich an uns erinnern«

Pep Guardiola: »Man wird sich an uns erinnern«

Foto: Oli Scarff / AFP

Vor dem Stadion von Manchester City wurde kürzlich eine Statue enthüllt. Zu sehen ist dort Ex-Stürmer Sergio Agüero beim Torjubel, er hält das ausgezogene Trikot in der Hand. Jener Treffer symbolisiert einen der größten Momente der Premier-League-Geschichte: Agüeros Tor 2012 gegen die Queens Park Rangers in der Nachspielzeit des letzten Saisonspiels machte City zum Meister. Die wichtigste Saisonentscheidung, herbeigeführt in den letzten Minuten.

Fast genau zehn Jahre danach hat die Liga etwas ähnlich Dramatisches erlebt.

Der Agüero der Gegenwart heißt İlkay Gündoğan. Am letzten Spieltag dieser Saison lag City gegen Aston Villa 0:2 zurück, eine Viertelstunde war noch zu spielen, und Konkurrent Liverpool fehlte im Parallelspiel gegen Wolverhampton ein Tor zu Platz eins. Das Tor fiel zwar. Aber es wurde unwichtig.

In der 76. Minute erzielte Gündoğan das 1:2, in der 78. Minute schoss Rodri den Ausgleich, dann traf erneut Gündoğan (81. Minute). Drei Tore in fünf Minuten. Fünf Minuten für die Ewigkeit.

Vielleicht sollte man diesem Mann auch eine Statue bauen, schrieb Bayerns Leroy Sané bei Twitter über Gündoğan. Beide spielten einst gemeinsam in Manchester.

Guardiolas Tränen

Als das Spiel abgepfiffen war und die Meisterschaft feststand, stürmten die City-Fans den Rasen. Die Kameras zeigten feiernde Menschen, ekstatische Spieler, und sie zeigten Pep Guardiola. Guardiola hat in seiner Trainerkarriere viele Titel gefeiert, so ausgelassen wie nun hat man ihn aber nicht oft erlebt. Einige Augenblicke später fing ihn die Kamera ein weiteres Mal ein, diesmal weinte Guardiola. Dann joggte er in Richtung Kabine und verschwand.

Manchester City ist die überragende Mannschaft der Premier League, sie hat vier der vergangenen fünf Spielzeiten als Meister abgeschlossen und dabei in Liverpool eines der weltbesten Teams immer wieder auf Distanz gehalten, wenn auch nur auf eine ganz kurze. Aber mit diesem Titel schien Guardiola mehr verknüpft zu sein als mit denen davor.

City-Fans auf dem Rasen nach Abpfiff

City-Fans auf dem Rasen nach Abpfiff

Foto: Stu Forster / Getty Images

In der Champions League waren er und sein Team abermals gescheitert. Nach dem Halbfinalaus gegen Real Madrid kritisierten ehemalige Topfußballer seine Mannschaft. City mangele es an Persönlichkeit, sagte etwa der einstige französische Nationalspieler Patrice Evra. Denn Guardiola dulde keine Anführer neben sich selbst. Deshalb bekomme das Team Probleme, wenn es mal schwierig werde auf dem Platz.

Und jetzt schien es City tatsächlich gegen Aston Villa zu vermasseln, den Tabellenvierzehnten.

»Man kann sich vorstellen, dass die Hoffnung da nicht mehr allzu groß war.«

İlkay Gündoğan

»Ich komme rein, und nach fünf Sekunden liegen wir 0:2 hinten«, sagte Gündoğan nach dem Spiel bei Sky. »Man kann sich vorstellen, dass die Hoffnung da nicht mehr allzu groß war.«

Der Favorit hat Schwäche gezeigt, und er hat sie überwunden. Wie ein Turner, der nach dem Absprung vom Reck kurz wackelt, aber nicht fällt.

Es gibt Unterschiede zum Titelgewinn vor zehn Jahren. Damals war Manchesters Stellung in der Liga eine andere, die Investoren aus Abu Dhabi hatten noch nicht die Summen in den Klub gesteckt wie heute. Und City war bis zu Agüeros Treffer virtuell Zweiter gewesen. Diesmal gab es keine Spielminute, in der das Team in der Blitztabelle hinter Liverpool lag. Dass der Führungswechsel so greifbar schien, war die eigentliche Überraschung. Der Spielverlauf dürfte zur heftigen Reaktion Guardiolas geführt haben.

Citys Meistermannschaft: »Jetzt sind wir Legenden«

Citys Meistermannschaft: »Jetzt sind wir Legenden«

Foto: HANNAH MCKAY / REUTERS

»Jetzt sind wir Legenden«, sagte der Trainer später über diesen vierten Titel seiner Amtszeit. »Diese Jungs sind etwas ganz Besonderes. Man wird sich an uns erinnern«, sagte er.

Das mag auf manche übertrieben wirken. Es gibt Kritiker, die die Meisterschaft als Trostpreis betrachten, für die nur die Champions League zählt. Guardiola tut das nicht.

Das liegt vor allem an Liverpool und Jürgen Klopp.

Als die Partie gegen Wolverhampton in Anfield vorbei war und Fans und Spieler wussten, dass sie schon wieder knapp an City gescheitert waren, wirkte Liverpool geschlagen wie wohl noch nie in dieser Saison. Viele der Zuschauenden blieben auf ihren Plätzen, unten ging Klopp seine Mannschaft ab, Handschlag, Umarmung, Handschlag, Umarmung.

Jürgen Klopp: »The story of my life«

Jürgen Klopp: »The story of my life«

Foto: Alex Livesey / Getty Images

Vier Titel wollte Liverpool in dieser Saison gewinnen, es wäre das erste Mal im englischen Fußball, dass eine Mannschaft Meister und Champions-League-Sieger wird und zudem Ligapokal und FA Cup gewinnt. Das historische Quadrupel hat der Klub verpasst. Mit einem Erfolg über Real Madrid am kommenden Wochenende wären es dennoch drei Titel.

Zweiter zu werden, das sei »the story of my life«, sagte Klopp dennoch bei Sky. Ungeachtet dessen, dass er in seiner Karriere elf Titel gewonnen hat, unter anderem die Champions League und drei Meisterschaften.

»Wir haben die beste Mannschaft der Welt bis zum Schluss gejagt. Das ist etwas Besonderes.«

Jürgen Klopp

Man müsse eben mehr Punkte holen als die Konkurrenz, sagte er. »Das haben wir nicht.«

Zum zweiten Mal fehlte ihm mit Liverpool trotz einer herausragend guten Saison nur ein Punkt auf Guardiola und City. 2019 holte Liverpool 97 Punkte, Manchester 98. Nun waren es 92, City schaffte 93. Jede einzelne dieser Punktzahlen führt normalerweise zum Titel. Dass zwei so herausragende Mannschaften auf ihrem Zenit in derselben Liga gegeneinander spielen, hat beinahe etwas Tragisches.

»Du kannst nicht mehr tun, als dein absolut Bestes zu geben, und das haben die Jungs wieder getan«, sagte Klopp. »Wir haben die beste Mannschaft der Welt bis zum Schluss gejagt. Das ist etwas Besonderes«, sagte er und blickte voraus auf die kommende Saison.

»Ich habe es schon 500 Millionen Mal gesagt: Das hier ist die beste Gruppe, die ich je hatte. Es ist eine Freude, jeden Morgen zur Arbeit zu kommen«, sagte Klopp über seine Spieler. Es habe in der Hinrunde an Konstanz gefehlt, sagte er, und kündigte an: »Wir werden wieder ein Team zusammenstellen und weitermachen.«

Das werden sie, aber das gilt auch für den Rivalen aus Manchester. Er wird im kommenden Jahr kaum schwächer werden, im Gegenteil. Der Transfer von Starstürmer Erling Haaland ist schließlich bereits perfekt.