Manchester United Furious Fergie

Wutausbrüche, Psychotricks, Erfolg: Seit über 22 Jahren ist Alex Ferguson Trainer bei Manchester United. Die jetzige Mannschaft gilt als die beste in der Karriere des Rechthabers mit dem ruppigen Führungsstil. Die Presse benutzt er gern als Mittel der psychologischen Kriegsführung.
Von Philip Oltermann

"Was ich einfach nicht verstehe", sagte Arsenal-Coach Arsène Wenger einst in einem Raum voller Journalisten, "ist, weshalb dieser Mensch machen kann, was er will, und ihr ihm trotz alledem zu Füßen liegt." "Dieser Mensch" ist Alexander Chapman Ferguson, 67, seit 22 Jahren Cheftrainer des Manchester United FC.

Die Frage, wie auch die Verzweiflung, die hinter ihr steckt, ist heute so nachvollziehbar wie damals: Nach einem etwas verkorksten Saisonstart steht ManU momentan mit sieben Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze der Premier League, hat den Ligapokal gewonnen und in der Champions League nach dem 2:0 gegen Inter Mailand das Viertelfinale erreicht, zehn Jahre nach dem legendären CL-Finale gegen die Bayern. 1974 startete Ferguson seine Trainerkarriere als Coach beim FC East Stirlingshire. In seinem 35. Jahr als Trainer lässt sich der knorrige Schotte keine Verschleißerscheinungen anmerken. Im Gegenteil: Viele Kritiker halten die jetzige ManU-Mannschaft für die beste in seiner Karriere. Wie er das macht, will nicht nur Wenger gerne wissen.

Dass Ferguson denen, die ihm zu Füßen liegen, gerne mal absichtlich auf die Finger tritt, ist bekannt. Sein Temperament und der bei Wutausbrüchen purpurrot anschwellende Kopf waren schon legendär, als er mit Aberdeen 1983 nach Siegen über Bayern und Madrid überraschend den Europokal der Pokalsieger gewann: Hinter seinem Rücken nannte die Mannschaft ihren Coach "Furious Fergie" - der zornige Fergie. Fergusons Schimpftiraden sind wegen ihrer Windstärke als "Hairdryer Treatment" (in etwa: Fönbehandlung) in den englischen Volksmund eingegangen. Während seiner Zeit bei ManU wurden unter anderem Stars wie Roy Keane, Jaap Stam, Paul Ince, Ruud van Nistelrooy und David Beckham vom Fergie-Orkan umgeblasen. Beckham bekam von Ferguson einst bei einem Wutausbruch einen Fußballschuh an die Stirn gepfeffert. Mit einer Schnittwunde über dem linken Auge kam der stets auf sein Aussehen bedachte Brite noch glimpflich davon.

Achtelfinale Champions League

BEGEGNUNG HIN RÜCK
Arsenal - AS Rom 1:0 7:6 n.E.
Inter Mail. - ManU 0:0 0:2
Atl. Madrid - Porto 2:2 0:0
Lyon - FC Barcelona 1:1 2:5
S. Lissabon - Bayern 0:5 1:7
Chelsea - Juventus 1:0 2:2
Villarreal - Pan. Athen 1:1 2:1
Real M. - Liverpool 0:1 0:4

"Wenn jemand mit mir diskutieren will, dann muss ich am Ende Recht kriegen", sagte Ferguson einst in einem Interview: "Ich muss immer Recht kriegen. Der Trainer muss immer Recht kriegen."

Apropos Interview: Die gibt Ferguson eigentlich kaum noch, denn Journalisten mag der gute Mann noch weniger als selbstverliebte Spielerdiven. Er ist der einzige Manager in der englischen Liga, der prinzipiell weder nach Liga- noch nach Pokalspielen Pressekonferenzen gibt. Allein vor den Spielen und nach Champions-League-Begegnungen spricht er, zähneknirschend - wenn nicht, setzte es eine Geldstrafe von der Uefa. Der Korrespondent der "Daily Mail" darf seit zehn Jahren nicht zu ManU-Pressekonferenzen, der Reporter der Press Association ist ebenfalls seit 1999 Persona non grata. Journalisten der BBC zeigt Ferguson die kalte Schulter, seit der Sender Anfang des Jahrzehnts einen kritischen Bericht über den Trainersohn Jason Ferguson, einen Spielervermittler, ausstrahlte. Der Höhepunkt dieser beeindruckend konsequenten Anti-Medien-Haltung war im September 2005 erreicht, als "Sir Alex" auch kurzfristig den hauseigenen Vereinskanal MU-TV boykottierte.

Das Paradoxe dabei ist, dass Ferguson die Medien als Vehikel psychologischer Kriegsführung zu benutzen weiß wie kaum ein anderer. Ein abfälliges Wort über diesen Spieler hier, eine Stichelei gegen jenen Trainer dort - wenn der Coach der Presse etwas sagt, dann hat es meistens auch einen taktischen Grund.

Ein klassisches Beispiel für "Mind Games" a la Ferguson gibt es aus der Saison 1995/96: Nach einem hart erkämpften Sieg gegen Leeds United bezweifelte Ferguson öffentlich, ob sich Leeds gegen den Tabellenführer Newcastle United genauso ins Zeug legen würde wie gegen seine "Red Devils". Am nächsten Spieltag gewann Newcastle zwar gegen Leeds, der damalige "Magpies"-Trainer Kevin Keegan verlor allerdings im Interview nach dem Spiel die Fassung, als er auf Fergusons Kommentar angesprochen wurde: "Ich würde es lieben, wenn wir sie (ManU, d. Red.) schlagen. Lieben!". Keegans Autorität war dahin. Am Ende der Saison war Manchester Meister.

Jeder Trainer, der sich in den letzten zehn Jahren als ernster Rivale für Manchesters Titelaspirationen entpuppte, bekam einen Spruch ab: Arsenals Wenger natürlich ("Wenger hat vorher in Japan trainiert ... er weiß nicht viel über englischen Fußball ... jetzt ist er bei einem großen Club, nun gut, Arsenal war mal ein großer Club"), Liverpools Rafael Benitez (Ob Liverpool in der Rückrunde "etwas nervös" werde, fragte Ferguson scheinheilig in einem Interview) und natürlich José Mourinho ("Wissen sie, in den Augen mancher Menschen ist dieser Mann ein Held"). Sogar Luiz Felipe Scolari musste sich während seiner acht Monate als Chelsea-Cheftrainer von Ferguson erzählen lassen, die Mannschaft der "Blues" sei "erfahren". Gemeint war: überaltert.

Das Problem ist: Ferguson hat meistens recht. Bei Chelsea fehlt der Nachwuchs, Arsenals Truppe fehlt es in Schlüsselsituationen immer noch an Erfahrung und Übersicht, und Liverpool verkraftet selten den Ausfall der Leistungsträger Steven Gerrard und Fernando Torres. Bei ManU aber stimmt die Mischung. Auf den ersten Blick ist dies eine Mannschaft von Routiniers: Edwin van der Sar (38), Paul Scholes (34) und Ryan Giggs (35) sind Stammspieler - letzterer ist der einzige Spieler, der seit Gründung der Premier League 1992 in jeder Spielrunde mindestens ein Tor geschossen hat.

Übersehen wird deswegen leicht, wie viele unbekannte Talente Ferguson kontinuierlich in sein Team integriert. Die Langzeitverletzung von Gary Neville ist durch die Erscheinung des 19-jährigen Rafael da Silva längst vergessen. Rio Ferdinands Ausfall für fünf Spiele wurde locker kompensiert mit Jonny Evans, 21, der schon als Nachfolger von Roy Keane gehandelt wird. Angesichts einer erfolgshungrigen Auswechselbank mit Danny Welbeck, 18, Nani, 22, und Anderson, 20, überstand man sogar Cristiano Ronaldos Formschwankungen zu Saisonstart. "You don't win anything with kids" ("Mit Kleinkindern gewinnt man nichts") sagte der Ex-Liverpooler Alan Hansen über Fergusons Teamaufstellung Anfang der Saison 95/96. Damals hießen die Talente David Beckham, Nicholas Butt, sowie Gary und Phil Neville. Hansen sollte nicht Recht behalten.

Seit Sir Alex Ferguson 1986 bei United das Heft in die Hand nahm, haben Chelsea und Bayern München je 12 Trainer verschlissen. Vor sieben Jahren gab er bekannt, sich in den Ruhestand begeben zu wollen - letzte Woche sagte Ferguson, er könne es sich gut vorstellen, noch mit 70 als Trainer zu arbeiten.

Dieser Mensch mag einem nicht sympathisch sein, aber man tut sich schwer, solche Ausdauer nicht zu bewundern.

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