Krise bei Manchester United Großbaustelle statt Imperium

Das Remis gegen Liverpool kann nicht über die Probleme bei Manchester United hinwegtäuschen. Dem Verein fehlt ein Plan. Wenn man der Tabelle glaubt, spielt der Rekordmeister sogar gegen den Abstieg.

Marcus Rashford trifft gegen Liverpool, kann aber nicht zufrieden sein
Catherine Ivill/ Getty Images

Marcus Rashford trifft gegen Liverpool, kann aber nicht zufrieden sein

Von , Manchester


Ole Gunnar Solskjær applaudierte den Zuschauern, bevor er im Spielertunnel verschwand. Und die Zuschauer applaudierten ihm. Der norwegische Trainer von Manchester United erlebte gegen den FC Liverpool einen dieser Tage, die selten geworden sind in der jüngeren Vergangenheit. Es war ein Tag der Zuversicht im Old Trafford. Ein Tag der Zuversicht für ihn.

Beim 1:1 gegen den bis dahin makellosen Tabellenführer war Solskjærs Mannschaft über weite Strecken besser und konnte sich - trotz des späten Ausgleichs durch Adam Lallana - über einen Punkt für die Moral freuen. Ob dieser Punkt etwas am tristen Gesamtzustand des englischen Rekordmeisters seit dem Abschied von Sir Alex Ferguson vor sechs Jahren ändert, ist zweifelhaft.

Ole Gunnar Solskjær bedankt sich bei den Fans in Old Trafford
Oli SCARFF/ AFP

Ole Gunnar Solskjær bedankt sich bei den Fans in Old Trafford

Der Klub hat geschätzt mehr als eine Milliarde Euro investiert in dieser Zeit. Doch anders als Liverpool, das durch den Zukauf teurer Profis wie Alisson oder Virgil van Dijk zum Champions-League-Sieger aufgestiegen ist, driftet Manchester United seit Jahren ab in Richtung sportlicher Bedeutungslosigkeit. Der Klub ist längst kein Kandidat auf die Meisterschaft mehr und droht, sich dauerhaft aus der Champions League zu verabschieden.

Schlechtester Saisonstart seit 30 Jahren

Solskjær hat den schlechtesten Saisonstart seit 30 Jahren zu verantworten. Nur zwei Punkte beträgt nach dem Remis gegen den Erzfeind aus Merseyside der Vorsprung auf einen Abstiegsplatz. Es klingt absurd, und, natürlich: Es sind erst neun Spieltage gespielt. Nach dem aktuellen Tabellenstand allerdings befindet sich Manchester United im Abstiegskampf. "Das ist die schlechteste United-Mannschaft, an die ich mich in vielen Jahren erinnern kann", urteilte Englands Ex-Nationalstürmer Alan Shearer kürzlich nach der 0:1-Niederlage in Newcastle.

Anders als beim FC Liverpool, der erkannt hat, welchen Fußball er mit welchem Trainer spielen will und welche Spieler dafür nötig sind, ist bei Manchester United kein übergeordneter Plan ersichtlich. Das liegt an der Führungsstruktur. Vizepräsident Ed Woodward ist als Ex-Banker nicht dafür qualifiziert, den Verein fußballerisch auf Kurs zu bringen. Fehlschläge auf dem Trainer- und Transfermarkt belegen das. Klangvolle Namen wie Louis Van Gaal, José Mourinho, Ángel Di María, Bastian Schweinsteiger, Alexis Sánchez oder Paul Pogba stehen sinnbildlich für den Verfall des roten Imperiums.

Viele Beobachter haben den Eindruck, dass es bei United längst nicht mehr um sportlichen Erfolg geht, sondern um das Wachstum der Marke. Woodward bestreitet das, räumte aber selbst vor einem Jahr ein, dass die "spielerische Performance keinen bedeutenden Einfluss auf die finanziellen Möglichkeiten" des Klubs habe. Gerade hat Manchester United wieder mal einen Rekordumsatz präsentiert, versah diesen allerdings mit dem Hinweis, dass die Erwartungen für das laufende Geschäftsjahr geringer sind. Die sportliche Krise geht mittlerweile auch ins Geld.

Solksjaer fördert Jugendspieler der United-Akademie

Woodward war zuletzt auffallend präsent in der Öffentlichkeit. Er sprach auf einer Mitarbeiter-Versammlung und gewährte dem Fan-Magazin "United We Stand" vor dem Liverpool-Spiel ein ausführliches Interview. Der Vizepräsident stärkte Trainer Solskjær den Rücken für einen "kulturellen Neustart" und unterstrich die Grundsätze, die unter dem Ex-Stürmer gelten sollen: "Wir müssen Pokale gewinnen, wir müssen Angriffsfußball spielen, wir müssen der Jugend eine Chance geben." Die Prinzipien erinnern an die goldenen Jahre unter Ferguson.

Vor allem die Rückbesinnung auf die Jugend ist zu Solskjærs Leitmotiv geworden. Er ist wild entschlossen, Absolventen der United-Akademie wie Verteidiger Axel Tuanzebe, Mittelfeldspieler Scott McTominay oder Angreifer Mason Greenwood in die Mannschaft zu integrieren oder sogar zu Säulen des Spiels zu machen. Allerdings ist noch nicht erwiesen, ob sie wirklich die Qualität dafür haben oder nur Lückenfüller sind.

Drei gute Zugänge reichen nicht

Der Kader ist an vielen Stellen porös. Am größten ist die Not in der Offensive nach dem Verkauf von Romelu Lukaku an Inter Mailand und der Verletzung von Anthony Martial. Marcus Rashford, potenziell Sinnbild eines jungen, offensiven United, war zuletzt als Alleinunterhalter im Sturm überfordert. Gegen Liverpool zeigte er mit einer starken Leistung und seinem Tor zum 1:0 in der ersten Hälfte allerdings auch, wie wertvoll er sein kann.

Virgil van Dijk (l.) führt Liverpool zum CL-Sieg, bei Harry Maguire stehen die Erfolge noch aus
Russell Cheyne/ REUTERS

Virgil van Dijk (l.) führt Liverpool zum CL-Sieg, bei Harry Maguire stehen die Erfolge noch aus

Der Verein sieht sich trotz der mageren Ergebnisse auf dem richtigen Weg. "Von außen mag es ziemlich düster aussehen. Von innen sehen wir die Dinge allerdings anders", ließ Solskjær im Stadionmagazin zum Liverpool-Spiel verlauten. Ein Grund für diese Wahrnehmung sind die Sommer-Zugänge. Für geschätzt knapp 160 Millionen Euro kam ein Abwehrchef (Harry Maguire), ein junger Außenverteidiger (Aaron Wan-Bissaka) und ein Angreifer mit Zukunft (Daniel James). Ihre Leistungen machen Mut.

Trotzdem bleibt der Kader vorerst eine Großbaustelle. Solskjær brauche "zwei oder drei Transferphasen und unfassbar viel Geld, um auch nur annähernd dorthin zu kommen, wo der Verein nach eigenem Empfinden hingehört", glaubt Ex-Nationalstürmer Shearer.

Mit unfassbar viel Geld versucht es Manchester United allerdings schon seit Fergusons Weggang.



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Seite 1
sylvie.zbinden 21.10.2019
1. Hendrik Buchheister
Dass Sie kein ManUnited Fan sind ist hinlänglich bekannt, das zeigen allein schon Ihre IMMER negativen Beiträge an die Adresse von United. Gut, es läuft nicht besonders gut im Moment, trotzdem wäre es schön wenn Sie als sogenannter Sportreporter neutral über United berichten könnten und nicht immer alles bezüglich United in den Dreck ziehen würden. Liverpool hat auch lange Jahre gebraucht um an vorherige Leistungen anzuknüpfen!
jack14 21.10.2019
2. Besser?
"United war über weite Strecken besser" ? Dann habe ich ein anderes Spiel gesehen.
sylvie.zbinden 21.10.2019
3. jack14
Ich habe das Spiel auch live verfolgt und ich denke auch dass United gestern, oh Wunder, über weite Strecken besser war als Liverpool. Der mitgenommene Punkt war sehr schmeichelhaft für Liverpool! Aber wahrscheinlich sind Sie Klopp Fan und sehen das von daher etwas anders.
baumpick 21.10.2019
4. 75 % Ballbesitz in der 2.Halbzeit
na ja, bei 75 % Ballbesitz für Liverpool in der 2.Halbzeit ist die Aussage wirklich gewagt: "United war über weite Strecken besser". Stellenweise sah es aus wie "Handball" in Überzahl. Darüber hinaus verstehe ich nicht, warum das 1:0 für United nicht durch den Videoschiedsrichter, wegen des klar sichtbaren Fouls vorher, zurückgenommen wurde. Allerdings war dann der Ausgleich wirklich glücklich, wenn auch hochverdient.
Papazaca 21.10.2019
5. Dann werden Sie doch mal konkret
Zitat von sylvie.zbindenDass Sie kein ManUnited Fan sind ist hinlänglich bekannt, das zeigen allein schon Ihre IMMER negativen Beiträge an die Adresse von United. Gut, es läuft nicht besonders gut im Moment, trotzdem wäre es schön wenn Sie als sogenannter Sportreporter neutral über United berichten könnten und nicht immer alles bezüglich United in den Dreck ziehen würden. Liverpool hat auch lange Jahre gebraucht um an vorherige Leistungen anzuknüpfen!
Der Artikel zieht United in den Dreck? Dann werden Sie doch mal konkret! Über das Spiel berichtet Buchheister doch positiv, für United! Und ansonsten ist es wirklich schwer, viel Positives über United zu berichten, siehe den Tabellenstand. Im Gegenteil, ich finde den Bericht komplex (Jugendarbeit etc.). Aber trotz aller Liebe ist es eine Riesenaufgabe, den Verein wieder zum Erfolg zu führen. Und die zuletzt Schuldigen sind die Journalisten, die über United berichten.
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