Nachruf auf Manfred Burgsmüller "Ein Engel war ich bestimmt nicht"

"Manni" Burgsmüller schoss aus jeder Lage: Der viertbeste Torjäger der Bundesliga-Historie war ein raffinierter Angreifer. Dass er in der Nationalelf keine Rolle spielte, hing auch mit seinen Sprüchen zusammen.

Sven Simon/imago images

Von


Manfred Burgsmüller war noch nie zu alt, auch nicht im November 1985. An einem Montag hatte er mit dem damaligen Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen trainiert, manch einer hatte sich bereits mit dem Gedanken abgefunden, der gebürtige Essener würde das Ruhrgebiet als Profifußballer nie mehr verlassen. Er war ja schon fast 36. Aber zwei Tage später stand Burgsmüller plötzlich für Werder Bremen in der Bundesliga gegen Borussia Mönchengladbach auf dem Feld.

Werder ging Mitte der zweiten Hälfte durch einen Treffer von Rudi Völler in Führung, wenige Minuten später bekam Burgsmüller seinen Auftritt. Er stand plötzlich frei vor dem Tor und hätte noch einige Meter gehen, den Torwart ausgucken oder den Ball in der Ecke platzieren können. Burgsmüller hatte viel Zeit. Aber er lupfte einfach direkt über den Torwart, per Außenrist, aus 18 Metern, ins Tor. Wer sich fragte, warum Trainer Otto Rehhagel den alten Burgsmüller aus der zweiten Liga zurückgeholt hatte, kannte nun die Antwort. Spätestens nach der Zeitlupe.

Fotostrecke

10  Bilder
Zum Tode von Manfred Burgsmüller: Nur drei Bundesliga-Spieler schossen mehr Tore

Burgsmüller war ein Instinktfußballer, der überall auftauchte und aus jeder Lage den Torabschluss suchte, mal aus fünf Metern per Fallrückzieher, mit einem Kopfball vom Elfmeterpunkt oder nach einem Dribbling. Der Antoine Griezmann der Siebziger- und Achtzigerjahre.

Burgsmüller war auch ein raffinierter Torjäger und vor allem der viertbeste der Bundesliga-Geschichte: 213 Erstligatreffer erzielte er von 1974 bis 1990 für Rot-Weiß Essen, Borussia Dortmund, Nürnberg und Werder Bremen. Beim BVB hält heute nicht Pierre-Emerick Aubameyang, Stéphane Chapuisat oder Michael Zorc den Vereinsrekord, sondern immer noch Burgsmüller mit 135 Bundesligatoren.

Das Verhältnis zu Nationaltrainer Schön sei "alles andere als prächtig" gewesen

Dass Burgsmüller in Bundesligarückblicken in einem Atemzug mit den großen Torjägern Gerd Müller oder Klaus Fischer genannt wird, überrascht nicht. Dass er in seiner langen Karriere nur dreimal für die deutsche Nationalmannschaft aufgelaufen ist, dagegen schon. Aber so raffiniert wie Burgsmüller auf dem Feld auch war: Im Umgang mit seinen Trainern konnte er schon mal anstrengend werden.

Tore erzielte er aus allen Lagen
imago images/ Werek

Tore erzielte er aus allen Lagen

Burgsmüller galt als Schlitzohr, sein Tor-Rempler gegen Kaiserslauterns Torwart Gerry Ehrmann 1986 ist unvergessen. Und wenn man Burgsmüller mit seinen langen blonden Haaren heute in YouTube-Videos noch einmal über den Platz fegen sieht, hat man auch das Bild des Lausejungen Michel aus Lönneberga im Kopf. Streiche gehörten zu ihren Programmen. "Ein Engel war ich bestimmt nicht. Ein Rebell aber auch nicht", sagte Burgsmüller nach seiner Karriere, und der kleine Michel hätte das wahrscheinlich auch über seine Laufbahn gesagt.

Der Trainerlegende Udo Lattek rief Burgsmüller nach zwei mäßigen Jahren in Dortmund einst hinterher: "Die meisten Trainer werden überschätzt, wir Spieler sind wichtiger, deshalb fliegen ja immer die Trainer, wenn es mal qualmt." Nationaltrainer Helmut Schön empfahl dem damaligen Dortmunder Torjäger ein anderes Mal, "auf dem Teppich zu bleiben". Burgsmüller konterte: "Ich dachte, wir spielen auf Rasen."

Das sind keine Skandaläußerungen, aber offenbar reichten die Sprüche schon, um als schwieriger Typ zu gelten: Im Februar 1978 durfte der Stürmer ein letztes Mal das Nationaltrikot gegen England tragen, danach war seine DFB-Karriere vorbei. Auch die von Schön hielt nur noch wenige Monate bis zum deutschen WM-Debakel in Argentinien (Stichwort: Schmach von Córdoba). Nachfolger Jupp Derwall fand den inzwischen 29 Jahre alten Burgsmüller für den Neuanfang beim DFB zu alt.

Sein später Frühling bei Werder Bremen
imago images/ Norbert Schmidt

Sein später Frühling bei Werder Bremen

Aber Burgsmüller konnte noch auf hohem Niveau spielen, und seine Krönung in der Bundesliga sollte erst neun Jahre nach seinem DFB-Aus folgen - mit Werder Bremen wurde Burgsmüller im Alter von 38 Jahren erstmals Deutscher Meister. Mit sechs Treffern hatte er zwar nicht mehr den großen Anteil wie zu seinen besten Zeiten in Dortmund, aber mit 26 Einsätzen war er immer noch ein wichtiger Bestandteil der Bremer Meisterelf von 1988. Nach zwei weiteren Jahren in Bremen hörte "Manni" 1990 dann endgültig auf. Zumindest mit Fußball.

Zum Abschluss seiner aktiven Sportkarriere spielte er noch sechs Jahre American Football (ja, wirklich!) für die Düsseldorf Rhein Fire. Als Kicker (wie sonst?) machte er sich auch dort einen Namen. 1999 urteilte die "Süddeutsche Zeitung", Burgsmüller sei "ein sicherer Kicker, für die Hall of Fame wird es trotzdem nicht reichen, da hat er zu spät angefangen. Aber immer noch rechtzeitig, um in die Annalen der NFL einzugehen: 'Ältester Spieler aller Zeiten'." 52 Jahre war Burgmüller alt, als er sein Abenteuer im American Football beendete.

Das Alter war im Leben von Manfred Burgsmüller immer ein Thema, nur zu alt war er für nichts. Für den Tod erst recht nicht. Am Samstag starb Burgmüller mit erst 69 Jahren.



insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
beathovenr66 21.05.2019
1. Einer der letzten "Typen"
Im heutigen Krampf des medialen Gesülzes unserer Fussballer erinnert dieser feine Nachruf an Zeiten, als die Bundesliga noch eine Reihe echter Charaktere und kein Monopol auf die gegenwärtigen Weichspüler hatte. Der "Manni" freut sich über die SPIEGEL Zeilen, wo immer er sie lesen wird...
ray05 21.05.2019
2.
Manfred Burgsmüller: einer der fixen Größen unserer fußballbesessenen Kindheit. Obwohl er bei Dortmund spielte, einem für uns Kids damals wahrhaft exotischen Verein aus irgendeinem undefinierbaren Ruhrgebiet. :) Das Interessante an Burgsmüller war, dass er eigentlich als Mittelfeldspieler auflief, offensiv freilich; aber keinesfalls vorderste Spitze. Eine falsche Neun war er, als es den Begriff noch gar nicht gab. In den Sportschauzusammenschnitten sah es für uns immer so aus, als würde Burgsmüller niemals eine Einschussgelegenheit auslassen, als würde irgendein Zauber den Ball von Bürgmüllers Fuß auf teilweise unergründbaren Wegen und Bahnen ins Tor des Gegners lenken. Leider auch allzu oft ins unseres. :) Obwohl Dortmund damals nicht zu den Spitzenmannschaften zählte, machte Burgsmüller unglaublich viele Tore. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, so waren kaum "Abstauber" dabei, auch keine Elfmeter. R. I. P. Manfred Burgsmüller.
steppenrocker 21.05.2019
3. Ein ganz Großer
Es ist schön, dass Manni Burgsmüller einen Nachruf bei SPON bekommt, er hat ihn wahrlich verdient. Dass er ansonsten nicht die Wertschätzung bekommen hat, die ihm zusteht, lag nicht nur an seinen Sprüchen, sondern auch an seiner taktischen Rolle. Er selbst bezeichnete sich als "komischen" Fußballer. Ich würde ihn nicht mit Antoine Griezmann vergleichen, sondern eher mit Johan Cruyff (auch wenn der natürlich noch besser war). Burgsmüller war in Dortmund für alles zuständig, er führte den Einwurf aus, schlug die Flanke und lief dann in den Strafraum, um die Flanke reinzuköpfen (übertrieben formuliert). Dennoch sind seine Bremer Tore die spektakulärsten. Das im Artikel erwähnte Tor mit dem Außenrist oder das nach dem Rempler gegen Ehrmann sind wirklich Kult. Typisch Burgsmüller auch die Antwort auf die Reporterfrage, die ihm nach dem Tor gegen Ehrmann gestellt wurde und die darauf abzielte, dass er zugeben sollte, dass er ein irreguläres Tor geschossen hatte: "Der Ball war frei, dann hab ich ihn reingemacht." Den verduzten Reporter ließ er danach einfach stehen. Ein Schlitzohr und genialer Fußballer. Typen wie ihn vermisse ich wirklich.
Sal.Paradies 21.05.2019
4. Natürlich war das Tor gegen Ehrmann
eines der bekanntesten, aber Manni war ja weit mehr als ein "Schlitzohr". Er war einer der besten Torjäger die Deutschland je hervor brachte und er ist und bleibt eine Legende für alle Schwarzgelben. Jedenfalls für die älteren Semester, die ihn noch erleben durften. Leider bist du 2 Wochen zu spät dran, Manni. Dann hätte man dir im Westfalenstadion einen würdigen Abschied bereiten können. R.I.P......
Schartin Mulz 21.05.2019
5. Dass
Burgsmüller nur auf 3 Einsätzer in der Nationalmannschaft kam, hatte neben seinen Sprüchen sicher auch mit dem aus heitiger Sicht unglaublichen Überangebot an Top-Stürmern in der Bundesliga zu tun, das damals herrschte. Selbst nach dem Rücktritt von Gerd Müller nach der WM 1974 standen mit Leuten wie Heynckes, Fischer und dem anderen Müller (Dieter) absolute Topleute zur Verfügung. Danach dann Hrubesch, Toppmöller, der andere Hoeneß (wieder Dieter), Rummenigge........ Da hatte man es schon verdammt schwer. Heute hätte jeder deutsche Stürmer von dieser Qulität einen Stammplatz bei Löw. Aber die Bundeliga-Stürmer dieser Qaulität heute sind leider alles keine Deutschen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.