Gräfe kritisiert Schiedsrichterauswahl "Es geht zu wenig nach Leistung"

Kein Leistungsprinzip, wenig Individualisierung, viel Politik: Manuel Gräfe hat in einem Interview des "Kicker" das Schiedsrichterwesen im deutschen Fußball scharf kritisiert.
Manuel Gräfe wurde von den Profis sechsmal in Folge zum besten Bundesligaschiedsrichter gewählt

Manuel Gräfe wurde von den Profis sechsmal in Folge zum besten Bundesligaschiedsrichter gewählt

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

Manuel Gräfe, einer der renommiertesten deutschen Schiedsrichter, sieht bei den Regelhütern trotz einiger Veränderungen noch immer jede Menge Verbesserungspotenzial - und fühlt sich selbst von der Führung nicht angemessen wertgeschätzt.

"Sechs Spiele sind sicher deutlich zu wenig", sagte der 46-Jährige mit Blick auf seine Einsatzzeiten in der Bundesliga-Hinrunde. Zuletzt hatten ihn die Spieler in einer Umfrage zum sechsten Mal nacheinander zum besten Schiedsrichter gewählt. "Es geht immer noch zu wenig nach Leistung. Es geht aus meiner Sicht zu oft nach Politischem, Regionalem oder Persönlichen." Eine Anfrage des Sport-Informations-Dienstes zu den Vorwürfen ließ der Deutsche Fußball-Bund zunächst unbeantwortet.

Bereits 2017 hatte Gräfe Kritik geübt

Die Aussagen des 46 Jahre alten Gräfe, der in seiner Karriere mehr als 260 Partien in der Bundesliga geleitet hatte und mehrfach in der Champions und Europa League im Einsatz war, erinnern an die Kritik im Sommer 2017. Damals war Gräfe verbal gegen die damalige Schiedsrichterspitze des DFB um Herbert Fandel und Hellmut Krug vorgegangen.

Mittlerweile nimmt Gräfe unter der Führung des neuen Schiedsrichter-Chefs Lutz Michael Fröhlich zwar ein deutlich "entspannteres Miteinander" wahr, die Sache mit dem "Anreiz-Prinzip, dass sich Leistung auch in der Anzahl der Ansetzungen bemerkbar macht", fehlt ihm aber noch immer. Und wäre doch Voraussetzung dafür, "einen Rhythmus zu erhalten und in schwierigen Spielen Automatismen abzurufen".

Dass hierfür die zahlreichen Tests vor und während der Spielzeit ausreichend vorbereiten, bezweifelt Gräfe ebenfalls. Weil - nicht zuletzt durch Vorgaben des Weltverbands FIFA und der Europäischen Fußball-Union (UEFA) - die Fitness der Schiedsrichter im Vergleich zu deren Persönlichkeit einen viel zu starken Einfluss auf die Eignung habe.

"Die Persönlichkeiten fehlen"

Ein internationaler Trend sei laut Gräfe daher, "dass alle überspitzt gesagt super Leichtathleten sind und die gleiche Frisur haben, die Persönlichkeiten aber fehlen". Eine Individualisierung und "Typen" wie Pierluigi Collina oder Urs Meier seien durch die derzeit vorherrschenden Auswahlkriterien möglicherweise nicht mehr zu bekommen.

Gräfe wird in anderthalb Jahren die Altersgrenze des DFB von 47 Jahren erreichen - ebenfalls ein Punkt, an dem er sich stört. "Manche könnten mit 50 problemlos noch pfeifen", sagte Gräfe. Sein Vorschlag: "Auch das sollte im Rahmen einer Professionalisierung individueller gehandhabt werden."

mfu/sid
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