DFB-Torwart gegen Algerien Neuer Libero

Deutschland hat wieder einen Libero! Die spektakulären Ausflüge von Torhüter Manuel Neuer gehören zum Plan des DFB-Teams. Die Aktionen sind nicht ungefährlich, aber Torwarttrainer Andreas Köpke sagt: "Wir gehen dieses Risiko ein."

Aus Porto Alegre berichten und


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Es waren nicht einmal zehn Minuten gespielt, da sprintete Manuel Neuer aus seinem Strafraum und ging ins Laufduell mit Islam Slimani. In höchster Not rettete er vor dem algerischen Angreifer - mit einer Grätsche! Doch wer glaubte, dies sei bereits der riskanteste Moment des deutschen Keepers gewesen, der irrte: Es war nur der Auftakt zu einem Spiel, in dem Neuer vom Torwart zum Libero mutierte.

19 Ballkontakte außerhalb des Strafraums zählten die Statistiker bei Neuer während des 2:1-Achtelfinalsiegs gegen Algerien. Der deutsche Torwart wurde nicht nur von seinen Mitspielern bei Rückpässen gesucht, er agierte im Duell mit den Nordafrikanern vielmehr wie ein elfter Feldspieler. "Ich habe selten einen besseren Libero gesehen. Vielleicht mal Franz Beckenbauer", sagte Neuers Torwarttrainer Andreas Köpke nach der Partie.

Neuers mitspielende Rolle war auch dem System geschuldet: Die deutsche Abwehr stand gegen Algerien deutlich höher als in den vorherigen drei WM-Spielen. Die beiden Außenverteidiger Benedikt Höwedes und vor allem Shkodran Mustafi befanden sich fast ausschließlich in der gegnerischen Hälfte. Die beiden Innenverteidiger Jérôme Boateng und Per Mertesacker agierten knapp vor der Mittellinie. So wurden zwangsläufig große Räume zwischen dem Torwart und seiner restlichen Mannschaft geschaffen. Die Algerier versuchten, diese zu nutzen, indem sie lange Pässe in die Tiefe auf Slimani spielten.

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Deutschland in der Einzelkritik: Flipperkugel Müller, Phlegma-Özil
"Wir wussten, dass das ein Risiko ist. Aber wir vertrauen Manuel, dass er diese Situationen erkennt und für uns klären kann", sagte Köpke. Die spielenden Abwehrversuche von Neuer, so die Botschaft, waren also nicht aus der Not geboren, sondern Teil der DFB-Strategie.

Und tatsächlich: Neuer ist in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem elften Feldspieler geworden. Bei seinem Klub Bayern München agierte er insbesondere in der vorvergangenen Saison als Back-up für seine Innenverteidiger. Neuer wurde unter Jupp Heynckes zu einer Art verkapptem Quarterback, der etliche lange Bälle auf seine Stürmer schlug. "Manuel hat das Mitspielen in den vergangenen Jahren mehr und mehr für sich erkannt und lieben gelernt. Er ist da absolut sicher geworden", sagte Köpke.

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Deutschlands Keeper unterwegs: Neuer, der Libero
Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Neuer für seine Fehlschläge verspottet wurde. Zu Beginn der Rückrunde 2012 versuchte er, einen Ball so zu klären, dass dieser direkt wieder bei einem Mitspieler landen sollte, passte aber stattdessen dem damaligen Mönchengladbacher Marco Reus in die Füße. Dieser ließ sich nicht lange bitten und traf aus etwa 30 Metern Entfernung. Neuer sah aus, als hätte ihn jemand unter eine kalte Dusche gestellt.

"Wir wissen, dass solche Aktionen auch schiefgehen können. Das haben wir einkalkuliert und gehen dieses Risiko ein", sagte Köpke. Die Sicherheit, mit der Neuer seit Monaten solch waghalsige Situationen bereinige, "gibt uns aber allen sehr viel Vertrauen in seine Fähigkeiten", sagte Köpke. Neuer sei der "kompletteste Torwart der Welt".

Bei Weitem nicht alle Klärungsversuche Neuers gegen die algerischen Angreifer sahen ungefährlich aus. Der Torwart musste sich in etlichen Szenen mit allen Körperteilen dem Ball entgegenschmeißen, konnte die Kugel oft erst im allerletzten Moment wegspitzeln.

Es gab allerdings auch Szenen, in denen Neuer den Ball technisch blitzsauber mit der Brust oder den Beinen stoppte und danach seinen Gegenspieler ausdribbelte. Einige seiner Ausflüge erinnerten an den legendären Torhüter des TSV 1860 München, Petar Radenkovic. Dieser machte sich früher einen Spaß daraus und dribbelte sich an den Stürmern vorbei bis in die gegnerische Hälfte.

Das wagt Neuer noch nicht. Vielmehr versucht der DFB-Keeper, den Ball schnell wieder zu einem Mitspieler zu befördern. Seine langen Pässe - manchmal 30, 35 Meter weit - landen auch oft zentimetergenau bei Mario Götze oder Mesut Özil. "Manuel ist technisch sehr sicher, hat ein unglaublich gutes Gefühl für das Anlaufen von Gefahrensituationen und kann auch noch perfekt passen. Ich kenne weltweit keinen Torwart, der das so hinbekommt", sagt Abwehrchef Per Mertesacker, der die algerischen Stürmer etliche Male mit einem Rückpass auf Welttorhüter Neuer ärgerte.

Neuer belächelte den Trubel um seine Person: "Es ist mir lieber, wir bekommen gar nicht so viele Konter. Aber wenn ich mitspielen muss, finde ich das gut. So kann ich mich am Spiel beteiligen, bleibe aufmerksam." Er übe diese Fähigkeiten sehr häufig beim Bayern-Training, wo er auch als Feldspieler mitmache. "Das habe ich schon zu Jugendzeiten so gemacht", sagt Neuer, der sowohl einen starken linken als auch einen starken rechten Fuß hat.

Neuers Rolle kann auch ein Muntermacher für das DFB-Team sein: 1974 und 1990 holte Deutschland den WM-Titel mit einem Libero.

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Seite 1
Immanuel_Goldstein 01.07.2014
1.
Zitat von sysopDPADeutschland hat wieder einen Libero! Die spektakulären Ausflüge von Torhüter Manuel Neuer gehören zum Plan des DFB-Teams. Die Aktionen sind nicht ungefährlich, aber Torwarttrainer Andreas Köpke sagt: "Wir gehen dieses Risiko ein." http://www.spiegel.de/sport/fussball/manuel-neuer-deutschlands-torwart-ueberragend-gegen-algerien-a-978441.html
19 Ballkontakte außerhalb des Strafraums? Bravo, Manuel, das ist mehr, als Ronaldo im ganzen Spiel hatte.
fatherted98 01.07.2014
2. Wenn man...
...einen Verteidiger Mertesacker nach vorne laufen lässt, der dann einem Algerischen Stürmer nicht hinterher kommt weil er viel zu langsam ist, dann muss halt der Torwart ran...Glück das Neuer im Tor steht, der sich das traut. Und nach zwei bis drei dieser Szenen schien Löw unbeeindruckt an seiner Taktik festzuhalten....wenn das am Freitag so weitergeht wird das ein Schützenfest für die Franzosen.
flo111111 01.07.2014
3.
Gibt es irgend jemanden hier, der besonders in Halbzeit eine DFB-Strategie erkannt hat? Für mich sag de DFB 11 wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen aus...
Abendland 01.07.2014
4. wir haben die Taktik nur nicht verstanden
Zitat von sysopDPADeutschland hat wieder einen Libero! Die spektakulären Ausflüge von Torhüter Manuel Neuer gehören zum Plan des DFB-Teams. Die Aktionen sind nicht ungefährlich, aber Torwarttrainer Andreas Köpke sagt: "Wir gehen dieses Risiko ein." http://www.spiegel.de/sport/fussball/manuel-neuer-deutschlands-torwart-ueberragend-gegen-algerien-a-978441.html
Langsam dämmert es mir und ich tue Abbitte: Neuer wird neuer Mittelfeldmotor und Özil geht ins Tor, der mag eh nicht mehr so viel laufen. Genial.
Grafsteiner 01.07.2014
5. Der letzte Notnagel
Harakiri und Kamikaze gehört auch zum Plan der kaiserlichen, japanischen Armee. Trotzdem haben die zuletzt verloren. Darauf muss man auch erst einmal kommen: sinnloses Herumirren als Taktik zu verkaufen.
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