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DFB-Sieg über Kasachstan Neuer, der Party-Killer

4:1 siegt die deutsche Nationalmannschaft gegen Kasachstan - doch die gute Stimmung ist nach der 46. Minute dahin: Torwart Manuel Neuer unterläuft ein fataler Fehler, das Publikum verspottet den Keeper, der Bundestrainer schimpft über die Fans.

Dieser Abend von Nürnberg sollte eine Festveranstaltung fürs Publikum werden. Der Fanclub Nationalmannschaft, jene Organisation von Edelfans, die der Löw-Elf im In- und Ausland nachreist, beging sein zehnjähriges Bestehen, und die DFB-Stadionsprecher jubelten vor dem Anpfiff bereits: "Heute feiern wir euch, die Fans!" Nach 80 Minuten waren es genau diese Fans, die die Aktionen ihrer Mannschaft mit Pfiffen begleiteten, die gar jede Ballberührung von Torwart Manuel Neuer mit Gelächter und Häme quittierten.

Da nützte es wenig, dass die Nationalmannschaft beim 4:1-Erfolg über die biederen Kasachen wieder einmal eine begeisternde erste Halbzeit hingelegt hatte. Es fruchtete auch wenig, dass Marco Reus in der letzten Minute mit dem vierten deutschen Treffer einen versöhnlich anmutenden Schlusspunkt setzte. Ein einziger, aber folgenschwerer Fehler von Neuer hatte die Partystimmung zerstört.

Was die DFB-Verantwortlichen sowie Neuers Kollegen auf dem Feld durchaus erboste. Ihr Ärger entzündete sich allerdings nicht an dem fahrlässigen Dribbling, mit dem der Bayern-Keeper direkt nach der Pause den Kasachen den 1:3-Ehrentreffer durch Heinrich Schmidtgal (46. Minute) ermöglichte. Der Ärger richtete sich vielmehr gegen die Reaktion des Publikums. "Absolut nicht in Ordnung, absolut nicht fair", befand Bundestrainer Joachim Löw. Schließlich sei Neuer "einer der Besten der Welt, und dies seit Jahren".

Der Torwart gab sich schuldbewusst

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DFB vs. Kasachstan: BVB-Hattrick und Neuer-Patzer

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Kapitän Philipp Lahm hielt das spöttische Ah und Oh, wenn Neuer an den Ball kam, ebenfalls für "komplett fehl am Platze". Und auch Dortmunds Ilkay Gündogan, der überragende Feldspieler des Abends, hatte "ehrlich gesagt gar kein Verständnis, wenn die Fans bei einem solchen Ergebnis anfangen zu pfeifen".

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DFB-Team in der Einzelkritik: Neuers Lapsus, Lahms Messi-Ansätze

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Der, um den es ging, war da schon erheblich kleinlauter und wollte mit der Publikumsbeschimpfung gar nicht erst anfangen. "Ich wollte den Ball nicht einfach planlos herausschlagen. Aber das hätte ich mal besser tun sollen", räumte der Torwart ein, und, dass es eindeutig "mein Bock ist, für den ich mich auch bei der Mannschaft entschuldige".

Grund genug dazu hatte er. Bis dahin hatte sich die Mannschaft zwar nicht in einen Rausch, aber zumindest in ein Räuschchen gespielt. Zwischen der 20. und 45. Minute reihte die Mannschaft eine sehenswerte Offensivaktion an die nächste. Die Treffer durch die drei Dortmunder Marco Reus (22.), Mario Götze (27.) und Gündogan (31.) fielen, weil sie einfach fallen mussten. Dazu schossen Götze und Gündogan Pfosten und Latte warm, so dass es zur Pause locker einen Fünf-Tore-Vorsprung hätte geben können.

Nach dem Gegentreffer fiel die Konzentration jäh ab

Aber dann passierte Neuers Missgeschick - und danach offenbarte das Team sein merkwürdiges zweites Gesicht. Der Torwartfehler war derb, er hatte auch Slapstick-Elemente, dennoch gab es im Grunde gegen den nach wie vor harmlosen Gegner kein vernünftiges Argument, warum das Offensivspiel dadurch einen Bruch enthalten sollte. Trotzdem passierte es.

Löw versuchte sich in Erklärungen: "Die Spieler haben etwas an Konzentration nachgelassen", er könne das sogar verstehen, schließlich stünden wichtige Champions-League- und Ligapartien an. Lahm wies darauf hin, man habe schließlich in der zweiten Hälfte auch noch viermal Aluminium getroffen, "wenn die Dinger reingehen, steht es mindestens 6:1, und kein Mensch hat etwas zu bemängeln." Die "Dinger" gingen allerdings nicht rein. Und ob ein echter Stürmer, auf den Löw erneut verzichtet hatte, statt des Pfostens in der einen oder anderen Szene eher das Tor getroffen hätte, ist eine müßige Frage. Stellen darf man sie trotzdem.

"Wir sind doch noch absolut im Soll", bemühte sich Lahm anschließend die Stimmung wieder hochzuziehen. Und Löw sekundierte: "Wir haben unsere Pflicht erfüllt." Für die Dortmunder im Team, die für alle vier Tore verantwortlich waren, wäre das als Kompliment allerdings ein bisschen wenig. Reus schafft es, auch wenn er nicht in Topform ist, durch seine Tempodribblings genug Freiräume herzustellen, um zweimal zu treffen. Und Gündogan war erneut die überragende Kraft im Mittelfeld - wie schon zuletzt gegen die Hochkaräter Niederlande und Frankreich.

"Er ist extrem wichtig für uns geworden", strich Löw nach der Partie heraus und ging dann sogar noch einen Schritt weiter: Gündogan sei derzeit "unentbehrlich in unserem Kader". Der in Nürnberg gesperrt fehlende Gündogan-Konkurrent Bastian Schweinsteiger kann sich jetzt schon drauf gefasst machen, dass er in den kommenden Tagen auf dieses Zitat noch mehrfach angesprochen werden dürfte.

Der junge BVB-Mittelfeldspieler nimmt sich trotz seiner erst 22 Jahre bereits das Selbstbewusstsein heraus, die Führung im ordnenden Mittelfeld an sich zu reißen und nach den 90 Minuten dem Publikum die Meinung zu dessen Verhalten zu sagen.

Und es ist erst sein siebtes Länderspiel.

Deutschland - Kasachstan 4:1 (3:0)
1:0 Reus (23.)
2:0 Götze (27.)
3:0 Gündogan (31.)
3:1 Schmidtgal (46.)
4:1 Reus (90.)
Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Boateng, Schmelzer - Khedira, Gündogan - T. Müller, Özil, Reus (91. Jansen) - Götze
Kasachstan: Sidelnikov - Gorman, Kirow, Mucharow (78. Schomko), Engel - Nurdauletov (46. Dscholtschijew), Dimitrenko - Korobkin, Konysbajew, Schmidtgal - Ostapenko (64. Kukeyew)
Schiedsrichter: Özkahya (Türkei)
Zuschauer: 44.300
Gelbe Karten: / - /

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