Manuel Neuer in der Champions League Nicht mehr der Alte

Sein Formtief nach der WM 2018 hat Manuel Neuer überwunden. Wie früher brilliert der Bayern-Torwart trotzdem nicht, er hat sein Spiel verändert. Damit schafft er es sogar, seine Schwächen zu kaschieren.
Auch dank Manuel Neuer (links) in Topform gewannen die Bayern das Finale der Champions League gegen Paris

Auch dank Manuel Neuer (links) in Topform gewannen die Bayern das Finale der Champions League gegen Paris

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MANU FERNANDEZ / AFP

Manche großen Spieler sind deshalb groß geblieben, weil es sie zweimal gab: Lothar Matthäus begann seine Karriere als Mittelfeldprofi, der über das Spielfeld pflügte und Tore erzwang. Er beendete sie als Stratege auf der Liberoposition. Cristiano Ronaldo wurde als Außenstürmer zum Weltstar, der so schnell dribbeln konnte wie kaum ein anderer. Heute prägt er den Fußball vornehmlich als Torjäger im Zentrum.

Manuel Neuer ist nicht plötzlich Libero geworden, obwohl man sich das auch hätte vorstellen können. Der Nationalelf- und Bayern-Kapitän ist immer noch Torwart. Aber der Alte ist er trotzdem nicht mehr. Neuer hat sein Spiel verändert. Und das ist der Grund dafür, warum er aus einem Karrieretief herausgefunden hat. In der Champions League, die für die Bayern am Abend mit der Partie gegen Atlético Madrid beginnt (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL.de; TV: Sky), gehört er jetzt wieder zu den besten Schlussmännern. Abzusehen war das nicht.

Während und nach der WM 2018 wirkten Neuers Bewegungen nach einer langen Verletzungspause vergleichsweise hölzern, seine Fehler häuften sich. Unter anderem der SPIEGEL schrieb von Neuers bröckelndem Nimbus, den er sich in den Jahren zuvor mit teils absurden Paraden und seiner stilprägenden Art, lange Bälle als letzter Mann zu klären, erarbeitet hatte. Viermal wurde Neuer als Welttorhüter ausgezeichnet. 

Zum Zeitpunkt seines ersten Mittelfußbruchs (kurz nach der Genesung folgte ein zweiter) war Neuer 31 Jahre alt, und bis dahin hatte sein Torwartspiel auf Schnelligkeit basiert. Mit seinen Verletzungen büßte er an Explosivität, Sprunggewalt und Reaktion ein. Plötzlich war er nicht mehr scheinbar unüberwindbar, wiederholt verschuldete er Gegentreffer beim Herauslaufen oder nach Standardsituationen. Und genau in diese Zeit fiel eine Debatte, ob nicht langsam Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona der bessere deutsche Keeper für die Nationalelf sei. Das war vor fast genau einem Jahr.

Heute diskutiert darüber niemand mehr. Denn Neuer spielt wieder auf einem enorm hohen Niveau. Nach der Corona-Pause im Frühjahr hatte er sich sogar noch einmal gesteigert. Im Champions-League-Finale gegen Paris Saint-Germain hatte Neuer mit teils herausragenden Paraden großen Anteil am Triumph der Bayern. PSG-Trainer Thomas Tuchel sprach nach der Partie von "Wettbewerbsverzerrung". 

Neuer sei wieder der Alte, so hieß es. Aber das stimmte nicht.

Die neue Stärke des alten Helden

Bei Feldspielern fallen Veränderungen ihres Stils ins Auge, weil sie dabei oft ihre Position verändern. Bei Torhütern liegt die Veränderungen auf der Ebene von Nuancen. Sie sind weniger offensichtlich.

Tatsächlich durchlief Neuer seit der WM 2018 einen Entwicklungsprozess. In seinen Mittdreißigern ist er noch einmal gereift. Sein zuvor von vielen Ausflügen geprägtes Spiel ist seriöser geworden. Anstatt sich auf seine Schnelligkeit und Reflexe zu verlassen, arbeitete Neuer an der Antizipation von Abschlüssen. Er reagiert nicht mehr so viel wie früher, er agiert.   

Wenn ein Stürmer vor ihm auftaucht, läuft Neuer in Richtung Ball, um den Winkel zum Tor zu verkleinern. Dann spreizt dieser 1,93 Meter große Mann derart seine Arme und Beine, dass er quer über der Grasnarbe schwebt und es extrem schwierig erscheint, ins Tor zu treffen. Gegen Paris klärte er kurz vor Schluss gegen den frei stehenden Kylian Mbappé, dessen Gesichtsausdruck auch nach dem Abseitspfiff des Schiedsrichters noch irgendwo zwischen Entsetzen und Bewunderung lag. 

Die Stärke im Eins-gegen-eins ist Neuers neues Markenzeichen, fast niemand in Europa beherrscht diese Disziplin des Torwartspiels so wie er.

Manuel Neuer: einen Reifeprozess durchlaufen

Manuel Neuer: einen Reifeprozess durchlaufen

Foto: Marco Donato / dpa

Problematisch wird es für Neuer jedoch bei Schüssen aus der Mitteldistanz.

Der 34-Jährige zwingt gegnerische Stürmer auch deshalb so gern in den Nahkampf, weil er eben nicht mehr diese Reaktionsschnelligkeit vergangener Tage besitzt. Das liegt an seinem Timing. Vor Abschlüssen tippelt er auf dem Boden und scheint mit den Armen hinter dem Rücken auszuholen. Diese Bewegung ist ein Relikt aus Zeiten, in denen Neuer noch von seiner Explosivität im Absprung gelebt hatte. Doch heute, da die physische Überlegenheit schwindet, kostet diese Aufladebewegung Zeit. Sie endet oft erst, wenn der Ball bereits unterwegs ist. Wird der Schuss aus einer kürzeren Distanz abgegeben, kommt Neuer nicht mehr schnell genug heran.

Bei sechs der acht Gegentore in dieser Bundesliga-Saison war die Distanz zwischen Neuer und dem Schützen mindestens fünf Meter groß. Alle Treffer kassierten die Bayern aus dem Strafraum. 

Neuer kaschiert seine Schwächen

Neben dem Erzwingen von direkten Duellen versucht Neuer diese Schwäche dadurch zu kaschieren, dass er die Schützen liest - und ihnen Fallen stellt. In der Schlussphase des Uefa-Supercups gegen Sevilla rettete er die Bayern mit einer Parade gegen Youssef En-Nesyri in die Verlängerung; dabei machte er die linke Ecke für den Schützen frei, der eben nicht ins direkte Duell mit Neuer gehen wollte, im Moment der Schussaktion warf er sich dorthin. Neuer zwang den Schützen sozusagen dazu, den Ball in seine Ecke zu schießen. In seinen alten Jahren ist Neuer also noch stärker zum Fallensteller geworden.

Das gleiche Muster war in der Nations League gegen die Schweiz zu erkennen. Vor dem dritten Gegentor schien Neuer im rechten Eck zu verharren, noch vor dem Schuss sprang er in die linke Ecke. Weil Haris Seferovics Abschluss zu zentral war, Neuer sich jedoch bereits in der Sprungbewegung in der Ecke befand, wehrte er den Ball unorthodox nach vorn ab. Beim anschließenden Schuss von Mario Gavranovic war Neuer dann machtlos.

Mit den Jahren scheint Neuer pragmatischer geworden zu sein. Das gilt selbst für seine legendären Ausflüge. Wenn er heute aus seinem Strafraum herausläuft, dann nicht mehr wie bei der WM 2014, um ins Laufduell mit dem gegnerischen Flügelstürmer zu gehen und ihn an der Sechzehnerkante abzugrätschen. Inzwischen reicht es ihm, wenn er den Ball wie am Wochenende in Bielefeld vor dem gegnerischen Angreifer abschirmt und den folgenden Einwurf kurzerhand selbst ausführt. 

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