Torhüter beim DFB Auf Linie

Der Bundestrainer gibt Bernd Leno und Marc-André ter Stegen eine Chance als Ersatztorhüter der Nationalelf - obwohl beide derzeit nicht ihre stärkste Phase haben. Aber darauf kommt es Joachim Löw auch nicht an.

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Aus Dublin berichtet


Bernd Leno hat jahrelang auf diesen Anruf warten müssen. Der Torwart von Bayer Leverkusen hat in dieser Zeit Top-Leistungen in Serie erbracht, er war die Zuverlässigkeit in Person. Dann hat ihn Bundestrainer Joachim Löw endlich für die Nationalmannschaft berufen. Und was macht Leno? Er tritt gleich im nächsten Spiel in der Bundesliga gegen den FC Augsburg über den Ball und produziert so die bislang größte Slapstick-Einlage der Saison.

Vielleicht hat der Bundestrainer sogar gelächelt, als er diese Szene gesehen hat. Es gibt schließlich nichts, das er weniger gebrauchen kann als einen zweiten oder dritten Torwart, der mit zu viel Selbstbewusstsein und übersteigertem Ego zur Nationalmannschaft anreist, oder sich gar für genauso gut hält wie Manuel Neuer, der bei Löw unbestrittenen Nummer eins. Unruhe auf der Torwartposition, das wollte Löw immer vermeiden.

In der Torhüterfrage hat Löw stets einen Kurs gesteuert, der ganz anders war als bei allen anderen Positionen auf dem Feld. Über Jahre hat er das Leistungsprinzip, auf das er ansonsten so große Stücke hält, mehr oder weniger ignoriert, wenn es darum ging, die Torhüter hinter Neuer zu nominieren. Hannovers Ron-Robert Zieler durfte sich Weltmeister nennen - er hat in der Liga über Jahre solide gehalten, mehr aber auch nicht.

Weidenfeller war eher Herbergsvater als Konkurrent

Dortmunds Roman Weidenfeller wurde jahrelang von Löw geschnitten, obwohl er beim BVB starke Leistungen erbrachte. Nachdem der Dortmunder schon nicht mehr mit einer Nominierung gerechnet hatte, holte ihn Löw auf dessen alten Tage dann als eine Art Herbergsvater der Nationalelf mit Mitte 30 in den Kader. Weidenfeller war zufrieden und gehörte am Ende zu denen, die den Weltmeisterpokal in den Händen halten durften.

Gegen Irland am Donnerstag (20.30 Uhr RTL, Liveticker SPIEGEL ONLINE) und Georgien am Sonntag stehen jetzt also Leno und Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona im Aufgebot, zwei Keeper, die seit Jahren als die Kronprinzen hinter Neuer gehandelt werden. Und das in einer Phase, in der beide nicht den allerglücklichsten Eindruck machen. Leno leistete sich bei Bayer jüngst den besagten Aussetzer, Champions-League-Sieger ter Stegen hat seinen Stammplatz bei Barça durch mehrere Torwartfehler seinem teaminternen Konkurrenten Claudio Bravo hergeschenkt. Mit übergroßen Ansprüchen werden die beiden nicht zur Nationalmannschaft kommen.

Leno und ter Stegen wird seit den Nachwuchsjahren beim DFB eine heftige Rivalität nachgesagt. Beide haben zwar wiederholt betont, dass sie professionell miteinander umgehen, aber das Etikett der verbissenen Gegnerschaft werden sie so schnell nicht loswerden. Alles in Ordnung für Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke - solange sie den Führungsanspruch von Neuer nicht infrage stellen.

Deutschland ist immer noch Torwartland

Der Bundestrainer ist in der kommoden Situation, dass er sowohl ter Stegen als auch Leno gefahrlos ersetzen könnte, wenn einer der beiden die innere Stabilität des Teams gefährden sollte. Deutschland, Torwartland, das ist ein internationales Klischee. Aber es ist immer noch wahr. Da gibt es den Ex-Frankfurter Kevin Trapp, der mittlerweile bei Paris St. Germain Zlatan Ibrahimovic seinen Tramkollegen nennen darf, da gibt es den Schalker Ralf Fährmann, der in den Vorwochen überragend hielt, da gibt es den Mainzer Loris Karius, der auch bei weit größeren Vereinen eine Nummer eins sein könnte, da gibt es den braven Zieler. Und von dem Kölner Timo Horn haben wir noch gar nicht gesprochen.

Köpkes Liebling ist ter Stegen, er sei derjenige, der "das Torwartspiel, das wir wollen, am ehesten verinnerlicht hat". Das heißt: mitspielen, der elfte Feldspieler sein, den Strafraum verlassen, wenn es denn sein muss, mit Pässen das Aufbauspiel befeuern. All das, was Neuer mitbringt, kann der frühere Gladbacher auch. Dass er dabei die Kernaufgaben eines Torwarts wie Strafraumbeherrschung, Stellungsspiel und das Sichern des eigenen Fünfmeterraums zuletzt jedoch vernachlässigte, hat ihm bei Barcelona geschadet.

Löw sieht darüber hinweg. Bei der Nationalmannschaft geht es als Ersatztorwart ohnehin mehr darum, sich zu fügen, das Training brav mitzumachen und auf Bereitschaft zu sein. Manuel Neuer darf sich nur nicht verletzen, wenn es wirklich darauf ankommt.



insgesamt 30 Beiträge
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deus-Lo-vult 07.10.2015
1.
Würden immer nur die Stärksten spielen, hätten wir niemals eine eingespielte Mannschaft!! Die Chance für ter Stegen und Leno ist berechtigt.
maartenk. 07.10.2015
2. Leistungsprinzip?
Wo gilt denn bei Löw das Leistungsprinzip? Manche Feldspieler werden doch immer nominiert, völlig egal welche Leistung sie im Verein bringen.
spon-1309986622190 07.10.2015
3. Leitungsprizip vs Teamgeist
Fragt mal die Holländer, Chelsea oder man City was tolle Einzelspieler wert sind, wenn sie als Team nicht funktionieren. Kann Löw schon verstehen
El_Brain 07.10.2015
4. Trapp besser
Kevin Trapp ist einer der besten deutschen Torhüter, spielt bei PSG mehr als nur mit, um Längen besser als ein Leno, dessen Patzer gegen Augsburg bei Weitem nicht der erste war.
icke44 07.10.2015
5. Herr Ahrens...
...Löw hat das Leistungsprinzip hinter Neuer nur gewichtet. Bei der N11 (WM zum Beispiel) kommt es eben auch auf ein harmonisches Team an. Auf den Beitrag jedes Beteiligten! Und ein Torwartproblem hatte D nie. Übrigens nicht mal die DDR. Kroy, Grapentin usw.! Ist das genetisch bedingt?
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