Attacken gegen Sky-Kommentator Extrem unreif

Binnen weniger Tage haben Fans den Journalisten Marcel Reif zwei Mal angegriffen. Fußball-Kommentatoren sind umstritten. Freiwild sind sie nicht.
Sky-Chefkommentator Reif: Von Fans zweimal attackiert

Sky-Chefkommentator Reif: Von Fans zweimal attackiert

Foto: Bongarts/Getty Images

Marcel Reif ist ein Mensch des Wortes und von daher in der Lage, sich bestens selbst zu verteidigen. Verbale Beihilfe hat der Mann nicht nötig.

Wenn der Sky-Chefkommentator aber Polizeischutz vor pöbelnden Fans benötigt, wie am Wochenende vor dem Revierderby in Dortmund, wenn er, wie vor der Pokalpartie der Dortmunder in Dresden, mit Bier überschüttet wird, dann ist der dringliche Moment gekommen, publizistisch beizuspringen.

Reif beherrscht den Umgang mit Sprache ein wenig besser als viele seiner Branchenkollegen. Dass er darum auch weiß und dies zuweilen deutlich spüren lässt, mag einer gewissen Polarisierung Vorschub leisten. Eitelkeit ist die Schwester des Journalismus, und Reif ist sicherlich nicht frei davon. Im Gegenteil: Er kokettiert sogar damit.

Reif ist aber auch deswegen Zielscheibe von Kritik, weil er eine bestimmte Distanz zum Gegenstand seiner Berichterstattung durchblicken lässt, weil er nicht zu den Jublern gehört, weil er zuweilen dem Haar in der Suppe ebenso Bedeutung beimisst wie der Suppe selbst. Alles Eigenschaften, die einen guten Journalisten ausmachen. Und die im Fernsehen eher selten geworden sind.

Aufregung über Reporter gehört zur Folklore

Die Aufregung über Fernsehreporter gehört seit Generationen zur Fußball-Folklore, das haben die Altvorderen Rudi Michel, Ernst Huberty und Heribert Fassbender ebenso durchlebt wie ihre heutigen Nachfolger Bela Rethy und Steffen Simon. Mehr als andere macht sich der Livekommentator während der 90 Minuten quasi nackt, führt auch seine Irrtümer vor aller Öffentlichkeit vor. Da spricht einer, und in Spitzenzeiten hören ihm 30 Millionen Menschen zu. Kritik aushalten, auch annehmen zu können, gehört da zur Pflicht. Wer dünnhäutig ist, hat vor dem Mikrofon auf Dauer nichts verloren.

Im Gegenzug sind sie so etwas wie die Stars der Branche, haben im Rahmen der gesellschaftlichen Überhöhung des Fußballs selbst den Rang kleiner Berühmtheiten erreicht. Sie stehen auf dem roten Teppich, moderieren Gala-Veranstaltungen, haben die besten Zugänge zu Klubs und Spielern, verdienen bestens. Ihre Frisuren, Brillenmodelle, die Wahl ihrer Kleidung sind Gegenstand der Kommentierung. Sie sind prominent. Dass sie im Rampenlicht stehen und somit auch im Licht der Kritik, ist normal.

Aber mittlerweile ist das Lästern über den Kommentator eine Art Volkssport geworden. Steffen Simon, Bela Rethy, Tom Bartels - wer bei Twitter während ihrer Reportagen mitliest, könnte den Eindruck gewinnen, hier hat man es durchweg mit kompletten Volltrotteln zu tun, unfähig ihren Beruf auszuüben, unfähig, ein Spiel zu lesen, zu begleiten.

Allgemeine Genugtuung über Mertesacker

Auch daher rührt die allgemeine Genugtuung darüber, wie Nationalspieler Per Mertesacker dem ZDF-Interviewer Boris Büchler nach dem WM-Achtelfinale gegen Algerien im vergangenen Sommer Kontra gab. Dass Büchler nach einem schwachen Länderspiel nur seiner Fragepflicht nachkam, ging dabei vollständig unter. Es herrschte stattdessen die Grundzufriedenheit: Da hat es mal einer den arroganten Fernsehleuten, diesen Mäklern und Kritikastern, so richtig gegeben.

Das alles öffnet die Tür für das unreife Gefühl, sich als Fan über diese Leute zu erheben, sie gar zu Hassfiguren zu stilisieren, wie es bei Reif derzeit der Fall ist. Bei Twitter war nach dem Zwischenfall vorm Derby unter anderem über den Sky-Reporter zu lesen: "Reif wurde vor dem Derby angegriffen. Passiert ist aber nichts. Schade." Oder: "Schade, dass die Polizei dazwischen gegangen ist." Und: "Töten!!"

Es ist in diesem Zusammenhang wenig deeskalierend, wenn ein Trainer wie Jürgen Klopp anschließend auch noch öffentliche Kritik am Journalisten Reif übt - der sich zuvor über den Jubel von BVB-Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang mokiert hatte. Klopp sollte als langjähriger ZDF-Experte Medienmensch genug sein, um zu wissen, was er damit anrichten kann.

Es geht hier nicht um uneingeschränkte Kollegen-Solidarität oder darum, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Es gibt an den Leistungen, den Haltungen, den zuweilen missglückten Sprachbildern, der Parteilichkeit von TV-Kommentaren genug zu kritisieren, auch zu bespötteln, und daran darf sich jeder nach Lust beteiligen. Wir schreibenden Kollegen tun dies im Übrigen sehr gerne. Aber dass jemand zu einer Art Freiwild erklärt wird, weil die Art, wie er seinen Beruf ausübt, manchen nicht passt - das überschreitet eine Grenzlinie.

Marcel Reif arbeitet seit 30 Jahren im Fußball. Er hat WM-Finals kommentiert, Champions-League-Endspiele, Titelentscheidungen. Die Emphase, ein Pokal-Achtelfinale zwischen Dynamo Dresden und Borussia Dortmund zu kommentieren oder sich an dem Batman-Jubel eines Angreifers zu begeistern, ist bei jungen Kollegen womöglich etwas höher.

Aber der Mann liebt Fußball. Er liebt ihn wahrscheinlich mehr als die Fans, die ihn am Dienstag mit Bier übergossen haben.

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