Trainer-Ikone Bielsa in Leeds Alarmsignale für Guardiolas Idol

Pep Guardiola, Mauricio Pochettino - Marcelo Bielsas Bewunderer klingen glanzvoll. Seine Aufgabe ist es weniger: Leeds United zurück in die Premier League führen. Seine Methoden greifen, bergen jedoch Risiken.

Leeds-Trainer Marcelo Bielsa
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Leeds-Trainer Marcelo Bielsa

Von , Manchester


Für jemanden, der so sehr im Blickpunkt steht, sieht man ziemlich wenig von Marcelo Bielsa. Er ist kein Trainer, der ständig durch seine Coachingzone rennt, wild gestikuliert oder mit dem vierten Offiziellen streitet. Der 63 Jahre alte Argentinier verfolgt die Spiele seines Klubs Leeds United meistens auf einem umgedrehten blauen Eimer sitzend oder hockend, die Kapuze seiner Jacke über den Kopf gezogen, als wollte er sich verstecken.

Wenn Bielsa doch einmal aufsteht, wandert er mit langsamen Schritten umher, die Arme hinter dem Rücken, den Kopf gesenkt. Bei Toren ist ihm keine emotionale Regung anzumerken. Wahrscheinlich ist er in Gedanken schon beim nächsten Spielzug. Und beim übernächsten.

Seit dieser Saison arbeitet Bielsa, der von Trainer-Größen wie Pep Guardiola und Mauricio Pochettino als Idol gepriesen wird, bei Leeds United, dem vielleicht größten schlafenden Riesen des englischen Fußballs. Die Mannschaft ist Tabellenzweiter in der zweiten Liga, punktgleich mit Spitzenreiter Norwich City, und träumt nach 15 Jahren Abwesenheit von der Rückkehr in die Premier League.

Angeblich 360 Stunden Video-Analyse - pro Gegner

Bielsa hat dem Verein samt Umfeld neue Zuversicht geschenkt, er beeindruckt mit seinem Ballbesitzspiel und dem intensiven Pressing. Er sorgte aber auch für Aufsehen, weil vor der Partie gegen Derby County im Januar ein Klub-Mitarbeiter dabei erwischt wurde, wie er das eigentlich geheime Training des Gegners beobachtete.

Als Reaktion auf diese Spionageaffäre verblüffte Bielsa mit einer denkwürdigen Pressekonferenz. Mit Hilfe einer Powerpoint-Präsentation legte er Zeugnis darüber ab, welchen Aufwand er für die Spielvorbereitung betreibt. Vor jeder Begegnung investieren er und seine Assistenten angeblich 360 Stunden in die Videoanalyse des Gegners.

Der Journalist, Buchautor und Taktik-Fachmann Jonathan Wilson ist erstaunt, wie sehr Bielsa in diesen Prozess eingebunden ist. "Viele Vereine sammeln Daten und machen ein Video-Studium. Aber oft wird das den Analysten überlassen. Es ist außergewöhnlich, dass Bielsa selbst so aktiv dabei ist", sagt er.

Biesla als Coach von Athletic Bilbao im Jahr 2013
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Biesla als Coach von Athletic Bilbao im Jahr 2013

Den Verantwortlichen von Leeds United wurde das schon klar, bevor sie den Trainer im Juni überhaupt verpflichtet hatten. Als Klub-Besitzer Andrea Radrizzani Kontakt zu Bielsa aufnehmen wollte, um ihm den Posten anzubieten, war er nicht zu erreichen, die Mailbox sprang an. Als Bielsa am Tag danach zurückrief, hatte er sich schon Aufzeichnungen von sieben Spielen des Vereins angeschaut.

Bielsa sagt, er fühle sich schuldig, wenn er nicht genug arbeite. Also arbeitet er wie besessen. Er studierte auch die Pläne des Vereinsgeländes und verfügte, dass ein separates Gebäude für Nachwuchsspieler und ein Schlafsaal für die Profis hermüsse, damit sie sich zwischen den Übungsstunden ausruhen können. Auch Bielsas Büro ist angeblich mit einem Bett ausgestattet, falls das Videostudium länger dauert.

Von seiner Mannschaft erwartet der Coach die gleiche Hingabe. Um der Mannschaft zu zeigen, wie hart viele Fans arbeiten müssen, um sich Tickets leisten zu können, ließ er die Spieler Müll sammeln. In der Vorbereitung im Sommer hielt er täglich drei Trainingseinheiten ab und forderte viele Spieler auf, Gewicht zu verlieren.

Am Ende der Saison haben Bielsas Teams keine Kraft mehr

Mittelfeldmann Mateusz Klich sagte dem "Daily Telegraph", dass die Mannschaft jeden Tag vor dem Training in den Kraftraum gehe und neuerdings jede Mahlzeit gemeinsam einnehme. Bielsa sei sehr streng, es gehe unter seiner Führung zu "wie beim Militär". Der Trainer soll ein eher distanziertes Verhältnis zu seinen Spielern pflegen. Er ist kein Kumpeltyp.

Leeds Uniteds Mateusz Klich jubelt
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Leeds Uniteds Mateusz Klich jubelt

Trotzdem käme kein Profi auf die Idee, sich zu beklagen. "Die Spieler haben verstanden, dass es etwas Außergewöhnliches ist, mit Bielsa zusammenzuarbeiten. Es ist eine Chance, die man in der zweiten Liga eigentlich nicht bekommt", sagt Phil Hay, der für die "Yorkshire Evening Post" über Leeds United berichtet.

Gewonnen hat der Trainer trotz seiner Stellung als Vordenker vergleichsweise wenig. Er führte seinen Heimatklub Newell's Old Boys zu zwei Meisterschaften und wurde 2004 mit Argentinien Olympiasieger. Ein Grund für die überschaubare Titelsammlung ist, dass Bielsas Mannschaften wegen des harten Trainings und der kraftfressenden Spielweise gegen Ende der Saison oft ausbrennen.

Dieses verstörende Muster war in seiner Karriere immer wieder zu beobachten. Auch in Leeds gibt es Alarmsignale. Von den vergangenen sieben Partien gingen fünf verloren - zuletzt gab es ein 1:3 im Spitzenspiel gegen Norwich. Bielsa verfolgte das Geschehen wie gewohnt ohne große Regung.



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