Werder-Aufsichtsrat Marco Bode "Es ist im Profifußball nicht immer einfach, Ängste zu zeigen"

Werder Bremen hat massiv unter der Coronakrise gelitten. Vor dem Spiel gegen Leverkusen spricht Aufsichtsrat Marco Bode darüber, was der Verein ändern muss und was der Fußball lernen sollte.
Ein Interview von Klaus Bellstedt und Danial Montazeri
Marco Bode, einst Publikumsliebling, jetzt Aufsichtsratsboss

Marco Bode, einst Publikumsliebling, jetzt Aufsichtsratsboss

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Jörg Sarbach/ dpa

SPIEGEL: Herr Bode, Werder hat am 7. März zuletzt ein Fußballspiel bestritten. Am Abend trifft ihr Klub auf Bayer Leverkusen. Es wird Sie erleichtern, dass es wieder losgeht - aber freuen Sie sich auch auf den Fußball, auf das eigentliche Spiel?

Marco Bode: Wir haben am Wochenende ein Gefühl dafür bekommen, wie es sich anfühlt, und es ist natürlich ganz anders. Denn warum spielen wir Fußball? Doch auch um Menschen zu begeistern und sie zu berühren, sie abzuholen, sodass sie sich auch mit uns identifizieren. Aber jetzt? Spielen zu können, verbessert unsere wirtschaftliche Situation. Doch das Wochenende hat gezeigt, dass die Emotionen, die Leidenschaft und die Atmosphäre von den Rängen fehlen. Diesem Spagat müssen wir uns stellen.

Zur Person
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Marco Bode, 50, ist seit 2014 Aufsichtsratsvorsitzender bei Werder Bremen. Schon als Spieler stand er bei Werder unter Vertrag, nie spielte er bei einem anderen Profiklub. Er wurde Deutscher Meister, DFB-Pokal- und Europacupsieger. In 379 Bundesligapartien erzielte er 101 Treffer, bis heute ist er der erfolgreichste Torschütze der Bremer Vereinsgeschichte. Mit der Nationalmannschaft wurde er 1996 Europameister, sein letztes von 40 Länderspielen bestritt er im WM-Finale 2002.

SPIEGEL: Gespielt wird in der Bundesliga bereits seit Samstag. Wie haben Sie den Wiederbeginn verfolgt?

Bode: Ich habe die Konferenz auf Sky geschaut. Es gibt ja zwei Tonspuren. Ich habe mich für die Variante ohne eingespielte Fangesänge entschieden. Am Sonntag habe ich dann Köln gegen Mainz mit dieser Option geschaut.

SPIEGEL: Wie hat sich das angefühlt?

Bode: Nicht so leer. Ich weiß, dass gerade diese Tonspur mit Fangesängen auch sehr kritisch gesehen wird. Aber ich habe mich selbst über mich gewundert, denn ich habe das in dem Spiel mit den Gesängen wirklich besser gefunden. Wir wollen offensichtlich getäuscht werden.

SPIEGEL: Wie oft haben Sie in den vergangenen Wochen an Werders Tabellenplatz gedacht?

Bode: Daran gedacht habe ich häufiger. Auf die Tabelle habe ich während der Coronakrise aber lange nicht geschaut. Ich habe oft daran gedacht, dass wir es trotz aller Widrigkeiten schaffen können und dass die Krise für uns auch eine Chance sein kann. Jetzt geht es für uns darum, den Turnaround in der Liga zu schaffen und die Klasse zu halten. Dafür werden wir alles in unserer Macht Stehende tun.

"Vielleicht müssen wir unsere Philosophie anpassen"

SPIEGEL: Es gibt aktuell bei Werder einen Quarantänefall eines Spielers, in dessen Umfeld eine Covid-19-Infektion festgestellt wurde. Ist die Angst im Kader um die eigene Gesundheit dadurch gestiegen?

Bode: Nein. Wir haben innerhalb der Mannschaft und auch im Team drumherum bislang keinen positiven Fall gehabt. Das ist entscheidend. Und ich glaube, dass das die Mannschaft sehr beruhigt hat. Wir haben es geschafft, das Virus fernzuhalten.

SPIEGEL: Es gibt Bundesligaspieler, die sich öffentlich darüber beschwert haben, dass sie in den Entscheidungsprozess über den Re-Start der Liga und dessen weiteren Verlauf nicht eingebunden waren. Sind die Profis übergangen worden?

Bode: Ich habe dafür großes Verständnis, wenn Spieler so empfinden und das auch kritisieren. Ich glaube, es war und ist sehr wichtig, ihnen gegenüber vertrauensvoll und offen zu sein. Die Bedenken der Spieler beziehen sich oft gar nicht so sehr auf sie selbst, sondern auf ihre Eltern, Kinder, Partner. Wir haben die Spieler so gut es geht über alles informiert. Wir haben sie nicht übergangen. Jeder kann zu jedem Thema seine Meinung sagen.

SPIEGEL: Das muss man sich erst mal trauen.

Bode: Es ist im Profifußball nicht immer einfach, Ängste zu zeigen. Wir werden Spieler, die Bedenken haben, nicht zum Spielen zwingen. Am Anfang der Krise kamen aus dem Fußballbusiness Aussagen, es müsse schnell weitergehen. Diesen Reflex fand ich falsch und auch schwierig für die Spieler.

SPIEGEL: Werder selbst hat den Eindruck vermittelt, weitermachen zu müssen. Im Worst Case hätten dem Klub bis zu 45 Millionen Euro fehlen können. Das hatte der Verein im Gegensatz zu anderen detailliert offengelegt. Warum?

Bode: Weil Transparenz im Fußball wichtiger werden wird. Und es ging darum zu zeigen, wie groß der wirtschaftliche Druck ist, den wir verspüren. Wir tragen Verantwortung für diesen Klub, für seine Mitarbeiter. Deshalb war es so wichtig, die Saison fortzusetzen. Voraussetzung dafür war, dass die Gesundheit der Spieler gewährleistet wird und das Konzept zur Durchführung gut ist.

Bundesligaspiel zwischen Union Berlin und Bayern München vom Sonntag: Profis auf Abstand

Bundesligaspiel zwischen Union Berlin und Bayern München vom Sonntag: Profis auf Abstand

Foto: Hannibal Hanschke / REUTERS

SPIEGEL: Die Klubs werden teils scharf dafür kritisiert, dass sie so schnell in finanzielle Not geraten sind. Wirtschaftet der Fußball so schlecht?

Bode: Uns als Profifußballklub fallen ohne Spielbetrieb quasi alle Einnahmen aus. Der eine oder andere Verein kann das besser verkraften, aber die meisten bekommen Probleme. Das gilt nicht nur für den Fußball, sondern für den gesamten Sport, für große Teile der Kulturszene, also überall da, wo normalerweise viel Publikum zusammenkommt. All diese Branchen sind angewiesen auf Konzerte, Theateraufführungen, Spiele. Sonst bricht die Geschäftsgrundlage weg.

SPIEGEL: Im Vergleich zur Kulturszene oder etwa der Tourismusbranche wird der Profifußball schärfer angegangen. DFL-Chef Christian Seifert zeigte sich verwundert, dass große Teile der Gesellschaft den Fußball so kritisch sehen. Wie erklären Sie sich das?

Bode: Der Fußball wird sehr kontrovers betrachtet, weil er wenige Menschen kaltlässt. Die Diskussionen zeigen, dass der Fußball auch ein Stück weit als Stellvertreterkontroverse gedient hat. Es ist auch eine besondere Welt, in der wir leben. Das ist echter Sport, aber auch Show, das ist Unterhaltung, das ist Fanszene. Und natürlich wurden schon zu normalen Zeiten die Spielergehälter nicht von allen akzeptiert.

SPIEGEL: Die normalen Zeiten sind vorbei.

Bode: Und die Gehältergerechtigkeit bleibt etwas sehr Schwieriges. Wir als Fußballbranche sollten diese Zeit nutzen und darüber reden, wie wir vielleicht wieder mehr gesellschaftliche Akzeptanz bekommen. Und wie wir unsere Profifußballszene verbessern können.

"Wir wollen alle unseren Alltag zurück, das gilt auch für den Fußball"

SPIEGEL: Welche ökonomischen Fehler hat Werder gemacht?

Bode: Zuletzt haben wir in der Kaderzusammenstellung Pech gehabt und hatten - wie in dieser Saison - mit Verletzungen sehr viele Probleme. Ganz allgemein galt Werder immer als Beispiel dafür, wie man mit relativ wenigen Mitteln sehr erfolgreich sein kann. Durch den Verlust der Champions League ab 2010 ist der Klub in eine wirtschaftliche Schieflage geraten. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr gekämpft, um uns zu konsolidieren. Zuletzt haben wir vier Jahre lang Gewinne erwirtschaftet. Trotz der guten Ergebnisse führt eine solche Krise natürlich zu einem echten Stresstest.

SPIEGEL: Sie haben keine nennenswerten Reserven geschaffen.

Bode: Auf eine Situation wie Corona kann sich ein Klub wie Werder - das gilt aber nahezu für alle Vereine, aber auch andere Wirtschaftsbereiche - sehr, sehr schwer vorbereiten. Und selbst, wenn unsere Eigenkapitalquote vor der Krise deutlich besser gewesen wäre, stünden wir jetzt vor großen Herausforderungen. Wir werden sie auch meistern - wenn denn weitergespielt wird. Sonst kommen wohl die meisten Bundesligaklubs in große Schwierigkeiten. Wir bei Werder müssen uns sämtliche Kosten anschauen. Vielleicht kommen wir dann zu dem Schluss, dass wir unsere Philosophie anpassen müssen.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

Bode: Womöglich müssen wir einen noch stärkeren Fokus auf die Ausbildung von Spielern legen und die Mannschaft verjüngen. Wir werden nicht einfach so weitermachen können wie vorher. Die Frage, wie sich unser Sport in Zukunft besser aufstellen kann und ob er sich verändern muss, gilt aber nicht nur für Werder, sondern für den globalen Fußball.

Bode als Nationalspieler im WM-Finale 2002 im Zweikampf mit Brasiliens Cafu

Bode als Nationalspieler im WM-Finale 2002 im Zweikampf mit Brasiliens Cafu

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Andreas-Rentz/ BONGARTS

SPIEGEL: Sie haben zuletzt im "Kicker" eine Personalkostenquote als Teil einer europäischen Lizenzierung ins Spiel gebracht. Dabei wirtschaftet die Bundesliga ohnehin konservativer als andere Topligen. Ihre Kader kosten schon jetzt verhältnismäßig weniger.

Bode: Der Anteil der Kosten für Mannschaft und Trainerteam ist im Vergleich deutlich niedriger, das stimmt. Aber ich glaube, dass Deutschland auch ein Vorbild sein kann.

SPIEGEL: Warum sollten sich profitable Ligen am deutschen Modell orientieren?

Bode: Wenn die Krise vorbei ist, wird es in der Branche auch die Bestrebung geben, genau da weiterzumachen, wo man vorher war. Das ist ein Stück weit menschlich. Wir wollen alle unseren Alltag zurück, das gilt auch für den Fußball. Aus der aktuellen Lage entsteht möglicherweise aber auch eine veränderte Bereitschaft für solche Gespräche. Ich hoffe das zumindest. Zum Beispiel auch in Bezug auf Spielertransfers. Die Summen, die wir in den vergangenen Jahren erlebt haben, haben viele Menschen abgeschreckt. Dafür brauchen wir künftig smarte Lösungen auf europäischer Ebene.

SPIEGEL: Haben Sie Verständnis dafür, wenn ein Zuschauer sagt: Mir ist die Lust am Fußball vergangen?

Bode: Ja, dafür kann ich Verständnis aufbringen. Die eine Hälfte der Bevölkerung sieht ihn kritisch, die andere möchte wieder Fußball sehen. Es geht ein Bruch durch die Gesellschaft. Den Fußball haben aber schon vorher nicht alle positiv gesehen. Nur steht er momentan noch mehr im Fokus. Wir fühlen uns alle gerade sehr eingeschränkt in unserer Freiheit. Den Vorwurf, der Fußball würde einfach weitermachen wollen wie zuvor, kann ich nachvollziehen.

SPIEGEL: Was entgegnen Sie auf so einen Vorwurf?

Bode: Zunächst einmal höre ich ihn mir an. Es ist wichtig, nicht zu viel zu fordern, sich nicht zu sehr rechtfertigen zu wollen. Wir müssen Kritik zulassen. Wir tragen eine gewisse Verantwortung und haben nach Lösungen gesucht, wie Profifußball erhalten werden kann. Die Kontroverse wird sich dadurch aber nicht auflösen lassen.

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