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Comeback von BVB-Star Reus Aus dem Krankenbett in die Geschichtsbücher

Monatelang fehlte er verletzt, gegen Warschau feierte Marco Reus nun seine Rückkehr - und wie: Der Stürmer war direkt Dortmunds Fixpunkt beim historischen 8:4. Trainer Tuchel hat Großes mit ihm vor.

Der Champions-League-Abend war noch nicht ganz vorüber, da war der große Lauf des Marco Reus schon wieder beendet. Mit vier Torbeteiligungen ist dem Nationalspieler von Borussia Dortmund nach sechsmonatiger Verletzungspause ein starkes Comeback gelungen. Doch dann lief nichts mehr. Eine Stunde nach dem Abpfiff saß der Held dieses historischen Abends immer noch bei der Dopingprobe und versuchte, den Urinbecher zu füllen.

Die Dopingproben sind bei Reus erfahrungsgemäß oft komplizierter als bei anderen Spielern, die Journalisten kennen das. Aber eigentlich hatte der Angreifer sein Fußballmärchen in dieser torreichsten Partie der Champions League-Geschichte längst erzählt.

Dafür hatte Thomas Tuchel Zeit für ein paar Einschätzungen, die beim Thema Reus natürlich zu einer Schwärmerei gerieten. "Ein fantastisches Comeback" sei dem 27-Jährigen bei diesem 8:4 (5:2) gegen Legia Warschau gelungen, einem Spiel, das der Trainer als "surreal" empfand. Reus selbst hatte vor seinem Dopingtest von einem "wichtigen Schritt" gesprochen und ziemlich bescheiden erklärt, dass er die großartigen Vorlagen seiner Mitspieler "fast nur noch reinschieben" musste. Aber der historischen Bedeutung dieses Abends war er sich sehr wohl bewusst.

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Champions-League-Analyse zum BVB: 8:4! Wie geht denn sowas?

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Als er den Platz verließ, hatte Reus einen der Spielbälle mitgenommen, auf dem er seine Mitspieler unterschreiben lassen wollte. "Einen Ehrenplatz" werde das Souvenir bekommen, sagte er. Reus gewährt nur selten Einblicke in seine Gefühls- und Gedankenwelt, ein größeres Interview hat er seit Monaten nicht gegeben. Aber das Bedürfnis nach einem Erinnerungsstück zeigt, wie viel ihm der Verlauf dieses Abends bedeutet.

Denn mit seiner Gala ist eine sehr schwere Zeit für Reus zu Ende gegangen. Zuvor war er in der Öffentlichkeit monatelang nur noch als Kunstfigur präsent gewesen. Als computeranimiertes Gesicht der Werbekampagne für ein Konsolenspiel, und längst nicht jeder glaubte daran, dass dieser wunderbare Fußballer auch in der Realität wieder zu einem internationalen Top-Spieler werden würde.

Seit Jahren erleidet Reus eine Verletzung nach der anderen, konstant formstark spielte er zuletzt vor zweieinhalb Jahren. Dann verpasste er die WM in Brasilien, geriet in die Schlagzeilen, weil er ohne Führerschein Auto gefahren war, und auch in den gesunden Phasen spielte er längst nicht mehr so unbekümmert, draufgängerisch und effizient wie in seinen wirklich guten Zeiten.

Dieser Abend gegen Legia Warschau wurde nun zu einer Verheißung auf ein neues, strahlendes Kapitel in Reus' Karriere. "Im Sommer sind uns drei wichtige Spieler weggebrochen und plötzlich war mit Marco, der seit dem Pokalfinale fehlt, noch ein vierter weg", sagte Tuchel, der sich nach den Abgängen von Ilkay Gündogan, Mats Hummels und Henrich Mchitarjan Reus als "Fixpunkt" in seiner jungen Mannschaft wünscht. Vielleicht ist er in den schweren Zeiten gereift. "Marco ist ein Garant, er kommt, macht drei Tore, nimmt seinen Ball mit und fährt wieder nach Hause", sagte Mitspieler Gonzalo Castro. Auch wenn die Uefa später ein Tor von Reus als Eigentor wertete - der Dortmunder konnte mehr als zufrieden ins Auto steigen.

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Seinen Führerschein hat Reus inzwischen gemacht, und gleich bei seinem ersten Einsatz nach der komplizierten Adduktorenverletzung durfte er sein Team als Kapitän aufs Feld führen. Auch das war eine Geste der Wertschätzung. Und nicht zuletzt spielte der Held des Abends die kompletten 90 Minuten durch. "Ohne Testspiel so zurückzukommen, ist fantastisch", sagte Tuchel, der sich fragte, ob man sich diesem absurden Fußballspiel jenseits der Heldengeschichte um Reus in irgendeiner Art und Weise "sachlich annähern kann".

Einerseits war Tuchel froh über die allenfalls mäßige Intensität, die Reus und dessen Kollegen nicht überforderte. Aber mit der Defensivleistung seiner Mannschaft war Tuchel nicht einverstanden gewesen. Seine gegenüber dem Sieg gegen die Bayern auf neun Positionen veränderte Mannschaft agierte bei gegnerischem Ballbesitz oft viel zu zaghaft.

Verwirrung gab es um eine Aufstellungspanne in der Abwehr. Tuchel hatte sich dort für Sokratis entschieden, ein Mitarbeiter trug jedoch Verteidiger Marc Bartra in den Spielberichtsbogen ein. "Ein interner Übermittlungsfehler", hieß es später seitens BVB, Tuchel selbst sagte, die "Aufstellung war gut so, wie sie war", doch auf dem Platz machte sich Sokratis' Fehlen stark bemerkbar.

"Im individuellen Zweikampfverhalten war deutlich Luft nach oben", fand Tuchel, der aber auch bestens unterhalten war vom Hin und Her. Und am Ende war dieses Spiel zweier Mannschaften ohne seriöse Abwehrarbeit sogar ein entscheidender Faktor für das Aufblühen des Marco Reus.

Borussia Dortmund - Legia Warschau 8:4 (5:2)
0:1 Prijovic (10.)
1:1 Kagawa (17.)
2:1 Kagawa (18.)
3:1 Sahin (20.)
3:2 Prijovic (24.)
4:2 Dembélé (29.)
5:2 Reus (32.)
6:2 Reus (52.)
6:3 Kucharczyk (57.)
7:3 Passlack (81.)
7:4 Nikolic (83.)
8:4 Eigentor Rzezniczak, ursprünglich als Tor von Reus gewertet (90+2.)
Dortmund: Weidenfeller - Passlack, Ginter, Bartra (61. Durm), Rode - Sahin (70. Aubameyang) - Pulisic, Castro, Kagawa, Dembélé (72. Schürrle) - Reus
Warschau: Cierzniak - Bereszynski, Czerwinski, Pazdan, Rzezniczak - Kucharczyk, Kopczynski, Guilherme (55. Jodlowiec), Odjidja-Ofoe (75. Nikolic) - Radovic, Prijovic (69. Wieteska)
Schiedsrichter: Strömbergsson (Schweden)
Gelbe Karten: Ginter - Odjidja-Ofoe, Pazdan
Zuschauer: 55.094

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