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31. Mai 2016, 16:45 Uhr

Keine EM-Teilnahme 2016

Marco Raus

Von und

Bitter für Marco Reus: Joachim Löw hat den Dortmunder aus Verletzungsgründen nicht für das EM-Turnier nominiert. Andere Angeschlagene nahm der Bundestrainer hingegen mit.

Wieder Marco Reus. Der Dortmunder, der schon das WM-Turnier wegen einer Verletzung verpasst hat, muss nun auch bei der Europameisterschaft zusehen.

Das ist hart für den 27-Jährigen, der ausgerechnet an seinem Geburtstag vom Bundestrainer die schlechte Nachricht übermittelt bekam.

Es hat schon eine tragische Note für den BVB-Star. Im Pokalendspiel gegen Bayern München vor zehn Tagen stand er noch 120 Minuten auf dem Platz. In der Verlängerung hatte er zwar schon erhebliche Schwierigkeiten, aber da hatten alle eher an Muskelkrämpfe als Ursache gedacht.

Auch im DFB-Trainingslager waren die Verletzungsprobleme von Reus tagelang heruntergespielt worden, obwohl der Mittelfeldspieler nicht einmal mit dem Ball trainieren konnte und stattdessen viele Aquajogging-Einheiten bestritt.

Selbst die Hilfe der Physiotherapeuten, die zuletzt bis zu vier Stunden am Tag mit Reus gearbeitet hatten, konnte keine EM-Rettung mehr bringen. Löw sprach nun von "massiven gesundheitlichen Problemen", die offenbar so stark sind, dass Reus "derzeit nur geradeaus laufen kann".

Im Video: EM-Aus für Marco Reus

Reus plagt sich mit einer "Entzündung am Ansatz der Adduktoren" herum, wie sein Verein, der BVB, bekannt gab. Reus' DFB-Teamkollege Sami Khedira sagte sogar, es handle sich um eine Verletzung am Schambein. Das ist eine der sensibelsten Körperregion für Profifußballer. Mario Götze und Arjen Robben fielen deswegen bereits über Monate aus, auch für Borussia Dortmund ist das keine gute Nachricht. Zumal Reus seit Jahren an Schambein-Problemen laboriert. "Er hat es sehr gefasst aufgenommen", berichtete Teamkollege Sami Khedira und gab noch tröstende Worte mit auf den Heimweg: "Er wird seine Chance auf der großen Bühne noch bekommen."

Reus und die Nationalelf - eine unglückliche Geschichte

Diese hätte Reus allerdings frühestens in zwei Jahren, dann ist er 29 Jahre alt und würde schon zu den älteren Akteuren gehören. Die Chancen, seine Qualitäten auszuspielen, vor allem seine Schnelligkeit, wachsen mit den Jahren jedenfalls nicht.

Reus musste schon oft Länderspiele wegen Verletzungen absagen. Noch vor der WM 2010 hatte er seine ersten Berufungen erhalten, bis zu seinem Länderspieldebüt dauerte es dennoch fast ein Jahr, weil sich Reus zuvor wiederholt im Vorfeld der Spiele verletzt hatte. Bei der EM 2012 war er dabei, die WM verpasste er, weil er sich im allerletzten Test gegen Armenien die Bänder riss.

Dass Löw jetzt von sich aus auf Reus verzichtet, spricht gegen eine baldige Genesung. Der Bundestrainer betonte: "Ein gesunder Marco Reus in sehr guter Form wäre für uns eine Bereicherung gewesen." Das Risiko, ihn mitzunehmen, scheute Löw trotzdem. Mit Bastian Schweinsteiger und Mats Hummels hat er bereits zwei angeschlagene Leistungsträger im Kader. Bei den beiden Weltmeistern hat er sich anders entschieden: Auf sie will Löw partout nicht verzichten, zumal "die Prognosen der Mediziner sagen, dass sie beim Turnier zur Verfügung stehen". Ob von Anfang an, das ließ Löw allerdings nach wie vor offen.

Im Zuge der Personalie Reus ging unter, dass auch drei andere Spieler die EM von daheim verfolgen müssen. Sebastian Rudy und Julian Brandt gehörten zu denen, deren Streichung man erwarten konnte. Rudy ist ohnehin ein Mann für die zweite Reihe, Brandts Zeit wird noch kommen.

Bellarabi war zwei Jahre lang fast immer dabei

Enttäuschend wird die Entscheidung des Bundestrainers vor allem für Karim Bellarabi gewesen sein. Der Leverkusener Flügelspieler war seit der WM fast immer mit dabei, war in wichtigen Qualifikationsspielen zum Einsatz gekommen, zudem hatte er sich in der Schlussphase der Saison in guter Form präsentiert. Allerdings war auch er mit einer leichten Verletzung angereist, hatte den Test gegen die Slowakei am Sonntag nicht bestritten. Das machte es Löw etwas leichter, auf ihn zu verzichten.

So bleibt Bernd Leno als einziger Profi des Tabellendritten Leverkusen im Kader, auch Vizemeister Borussia Dortmund ist nur noch mit zwei Spielern vertreten, Julian Weigl und Mats Hummels, der allerdings bekanntlich zu den Bayern wechselt. Vom Tabellenvierten Borussia Mönchengladbach ist überhaupt niemand im Kader. Die Dominanz der Bayern mit fünf Spielern, Hummels nicht eingerechnet, ist ungebrochen. Dem Aufgebot gehören zudem mittlerweile zehn Auslandsprofis an. So viele gab es in einem deutschen Turnierkader noch nie.

Mit einem mehr oder weniger ausgewogenen Team geht Löw jetzt die Europameisterschaft an. Mit Leroy Sané, Julian Weigl und Joshua Kimmich sind drei sehr junge Spieler im Aufgebot. Das Aus für Reus dürfte einem von ihnen den Kaderplatz gesichert haben.

2014 ließ Marco Reus nach seiner Verletzung mitteilen: "Ein Traum ist geplatzt. Aber es muss weitergehen. Meine besten Wünsche gelten jetzt der Mannschaft und dem ganzen Team, dass sie unser Ziel auch ohne mich erreichen." Dem ist zwei Jahre später wahrscheinlich nichts hinzuzufügen.

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