BVB-Star Marco Reus Die Vereinslegende hat noch eine Chance

Marco Reus stellte gegen Borussia Mönchengladbach einen persönlichen Rekord auf und ist auf dem Weg zum besten Torschützen der BVB-Geschichte. Und trotzdem hängt ihm bis heute ein Makel an.
Von Marcus Bark, Dortmund
Marco Reus überragte gegen Gladbach

Marco Reus überragte gegen Gladbach

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Bernd Thissen / dpa

Drei Tore und drei Vorlagen im 333. Bundesligaspiel wären für Marco Reus möglich gewesen. Aber den Elfmeter in der Schlussminute verwandelte Emre Can zum 6:0 gegen Borussia Mönchengladbach, nach kurzer Abstimmung mit Reus.

Der Kapitän von Borussia Dortmund verzichtete, er hatte ohnehin schon einen persönlichen Rekord aufgestellt. Reus war an fünf Toren beteiligt gewesen, zwei Tore selbst geschossen. Sein erster Treffer war das 1:0 – wie es sich gehört für einen, der auch »Mister 1:0« genannt wird.

Nach solchen Leistungen wird in der Regel der Trainer danach gefragt, etwas zur tagesaktuellen Würdigung beizutragen. Aber Marco Rose wurde weder vom übertragenden Sender Dazn noch später in der Pressekonferenz gebeten, etwas zu Reus zu sagen.

Eine Hymne von Gündogan

Warum auch? Nach all den Jahren weiß jeder, welche Fähigkeiten Reus besitzt. Ilkay Gündogan, Gastkommentator am Sonntag bei Dazn, hatte es trotzdem noch mal aufgezählt. »Marco Reus ist im Abschluss, im Eins gegen Eins, beim Freistoß außerhalb des Sechzehners und mit seiner überragenden Schusstechnik einer der besten, mit denen ich je zusammengespielt habe.«

Vier Jahre waren das immerhin bei Borussia Dortmund, von 2012 bis 2016. Mit anderen Worten: Reus kam nach der Saison 2011/2012, in der die Dortmunder – mit Gündogan – das Double aus DFB-Pokal und Meisterschaft gewannen. Als Reus 2012 zum BVB stieß, begann die bis heute andauernde Ära, in der nur der FC Bayern den wichtigsten Titel des deutschen Vereinsfußballs holte.

Und immer hieß es: Aus der Traum

Seitdem hechelt der BVB, scheitert mal klarer, mal kommt er näher ran. In der Saison 2018/2019 war es ziemlich knapp. Reus erzielte 17 Tore in 27 Spielen, seine beste Quote in einer Saison mit mehr als 25 Einsätzen – und sah dann im so wichtigen Derby gegen Schalke die Rote Karte. Dortmund verlor am 31. Spieltag 2:4 – aus der Traum.

Im Mai wird Marco Reus 33 Jahre alt. Er ist trotz all seiner Verletzungen auf bestem Weg, vielleicht noch in dieser Saison Rekordtorschütze des BVB in allen Wettbewerben zu werden. Zwei Legenden des Vereins sind noch vor ihm: Michael Zorc, der im Sommer als Sportdirektor aufhört, kommt auf 159 Tore, Manfred Burgsmüller auf 158. Reus steht nun bei 153.

Der inzwischen verstorbene Burgsmüller war ein Genie in einer Dortmunder Mannschaft, die mit ansonsten vielen rustikalen Arbeitern froh war, die Klasse zu halten. Zorc war wesentlich am Übergang von einer Mittelklassemannschaft zu einem kreditfinanzierten Spitzenteam beteiligt, das Titel gewann, sogar 1997 die Champions League.

Die Chance heißt Europa League

Wie wird Reus in einem Jahrzehnt gesehen werden, in 20 Jahren? Der herausragende Fußballer, der zweimal den DFB-Pokal gewann, ansonsten aber am FC Bayern verzweifelte?

Er hat noch in dieser Saison die Chance, an seinem Vermächtnis zu arbeiten. Dem BVB fehlt in seiner Titelsammlung noch die Europa League, der frühere Uefa-Cup. Der Gewinn des Wettbewerbs wurde nach dem recht kläglichen Ausscheiden aus der Champions League von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke als Ziel ausgegeben.

Das Hinspiel in den Playoffs zum Achtelfinale ging allerdings zu Hause 2:4 gegen die Rangers aus Glasgow verloren. Der BVB zeigte eine desolate Leistung, Verteidiger Mats Hummels und auch Zorc stampften die Mannschaft verbal in Grund und Boden.

Das Spiel gegen die Rangers passte in den Rhythmus, den der BVB seit Jahren pflegt. Einem 2:5 gegen Bayer Leverkusen folgte ein 3:0 beim 1. FC Union Berlin, auf Glasgow folgte nun das 6:0 gegen Gladbach.

Mal überragend, mal abgetaucht

Reus' persönliche Bilanz: zwei Tore bei Union, Rekordwerte gegen Mönchengladbach, abgetaucht in den anderen beiden Partien, ohne Aggressivität im Pressing, ohne Mut, hängende Schultern.

»Wir mussten wieder eine Reaktion zeigen, wir haben es wieder geschafft«, sagte Reus am Sonntag. Bei der konstant auftretenden Frage nach mangelnder Konstanz schickte der Reporter schon vorweg, dass der Kapitän sicher auch keine Antwort habe.

Reus verdrehte kurz die Augen und versuchte sich ein weiteres Mal: »Wir dürfen nicht aufhören, an uns zu glauben.« Ein weiterer Appell lautete: »Wir müssen unsere Klasse auch ausspielen, wenn es mal nicht so gut läuft.« In der ersten Person Singular wäre dieser Satz auch gültig.

Gut 50.000 Zuschauer werden am Donnerstag im Ibrox Stadium sein, eine der lautesten Kulissen in Europa erwartet den BVB. Zwei Tore müssen die Dortmunder aufholen, vielleicht weiterhin ohne Erling Haaland. Es gilt, den Rhythmus zu brechen und ein zweites Mal hintereinander deutlich zu gewinnen.

Marco Reus sagt: »Wir werden bereit sein.« Es ist vor allem auch seine Chance.

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