Final-Entscheider Götze Besser als Messi

Vor dem Finale galt er als größte deutsche Turnier-Enttäuschung - jetzt ist er der Weltmeistermacher: Mario Götze hat mit seinem Siegtreffer gezeigt, dass er internationale Top-Spiele mit einem Geniestreich entscheiden kann. Genau das hatte Joachim Löw verlangt.

AP/dpa

Aus Rio de Janeiro berichten und


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Die Flanke kam etwas zu weit in den Rücken, etwas zu hoch. Mario Götze nahm den Ball, den ihm André Schürrle in der 113. Minute servierte, trotzdem mit raffinierter Leichtigkeit an. Er stoppte die Flanke mit der Brust, lehnte seinen Oberkörper zur Seite und schob den Ball volley an Argentiniens Torwart Sergio Romero vorbei. Das Siegtor im Maracanã-Stadion war ein technisches Meisterwerk. Ein Geniestreich. Das, was Fußball-Deutschland von Götze erwartet.

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Heft 29/2014
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Doch es war das erste Mal bei der WM, dass der 22-Jährige die Erwartungen erfüllte. Dass er lieferte. "Es war bis hierhin nicht das Turnier von Mario Götze", sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Götze, dieses außergewöhnliche Talent, dessen Ballgefühl die Zuschauer bei jedem Training in Staunen versetzt, wirkte in Brasilien bis zum Finale wie ein Fremdkörper innerhalb des deutschen Teams. Während man seine Mitspieler lachen und flachsen gesehen hatte, bewegte sich Götze häufig ein Stück weit abseits.

Wenn er öffentlich sprach - was selten vorkam -, dann fummelte er sich dabei am Ohrläppchen wie es früher auch Oliver Kahn getan hatte. Oder Götze kratzte sich am Hals, dem Gegenüber schaute er bei den Antworten nie in die Augen. Sein Laufstil, seine Bewegungen, seine Begrüßungen: Vieles wirkte schnöselig, bei einer WM so unpassend wie generell im Umgang mit Menschen.

Von Götzes Vertrauten war zu hören, dass dies Selbstschutz sei. Götze neige nach außen zu einer aufgesetzten Arroganz, wenn es in ihm nicht gut aussehe. Wenn er sich ungerecht behandelt fühle, wenn er seine Gedanken sortieren müsse. Dann hätte er am liebsten nur seine Ruhe - und Fußball. Doch in einer medial ausgeleuchteten Welt, in der jeder Schritt, jede Bewegung, jeder Satz in den Fokus rücken und der millionenfachen Interpretation ausgesetzt werden, ist es mit der Ruhe nicht so einfach.

Verloren auf der Außenposition

Je mehr sich Götze bei diesem Turnier abkapselte, desto schlechter wurden seine sportlichen Leistungen. Das führte dazu, dass sein Auftreten abseits des Felds noch negativer bewertet wurde. Ein tückischer Kreislauf. Bundestrainer Joachim Löw, der Götze zu Turnierbeginn vertraute und ihm gegen Portugal und Ghana hatte starten lassen, rückte zunehmend vom Mittelfeldspieler des FC Bayern München ab. Zwar traf Götze gegen Ghana und holte gegen Portugal den Elfmeter zur Führung heraus, aber er beteiligte sich ansonsten zu wenig am Spiel.

Löw bot Götze auf Linksaußen auf, die Position mag der frühere BVB-Spieler nicht sonderlich, er fühlt sich in der Mitte wohler. Götzes Unzufriedenheit mit sich, seinem Spiel, dem Trainer und wahrscheinlich auch den Umständen nutzte Schürrle. Der Außenstürmer demonstrierte mit jeder Turnier-Einwechslung nachdrücklich, was Götze vorher vermissen ließ: Dynamik, Ehrgeiz, Siegeswille. Schürrle ist technisch nicht einmal ein Drittel-Götze. Trotzdem goutierte Löw den Einsatzwillen des Chelsea-Profis und machte ihn zum Edeljoker. Und da Löw ab dem Viertelfinale mit Miroslav Klose wieder auf einen echten Stürmer setzte, war Götze auf einmal nur noch zweiter Einwechselspieler.

Das Versprechen vom größten deutschen Fußballtalent schien sich auch bei dieser WM nicht zu erfüllen. Wie zuvor bei der EM 2012 und auch in der vergangenen Saison bei Bayern München.

Es ist trotzdem Löws Verdienst, dass Götze sich nun hat unsterblich machen dürfen. Der Nationaltrainer, der Götze im Finale in der 88. Minute einwechselte, nahm ihn in der Halbzeitpause der Verlängerung in den Arm. "Ich habe ihm gesagt: 'Jetzt zeige der ganzen Welt, dass du besser bist als Messi. Zeige, dass du dieses Spiel entscheiden kannst.' Ich hatte ein gutes Gefühl, ich wusste, dass er das kann", sagte Löw. Und Götze konnte. Er bewies, dass Löw sich nicht irrte.

Nach dem Siegtreffer steht der gebürtige Memminger nun in einer Reihe mit den ganz großen deutschen Fußballern: Helmut Rahn (1954), Gerd Müller (1974) und Andreas Brehme (1990) waren die vergangenen drei Weltmeistermacher. "Götze ist ein Wunderkind, das immense Möglichkeiten hat. Er ist so raffiniert, ich wusste, er kann immer ein Spiel entscheiden, wenn es auf der Kippe steht. Und dieses Tor hat er überragend gemacht", sagte Löw.

Für Götze, der seit seinen Kindertagen immer wieder zu hören bekommt, dass er ein Supertalent sei, wird der Druck nach diesem Treffer nicht kleiner. Er wird sich weiter beweisen müssen. In den vergangenen Jahren schaffte er es selten, über einen längeren Zeitraum verletzungsfrei zu bleiben und sich damit eine unverzichtbare Rolle in der Nationalmannschaft oder in seinem Verein zu erspielen. Auch der Treffer an diesem Abend von Rio de Janeiro wird dieses Problem nicht aus der Welt schaffen. Aber er wird Götze wieder etwas mehr Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten geben.

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Seite 1
kahabe 14.07.2014
1. Glüvkwünsche, Glückwünsche, Glückwünsche...
Ja, Götze ist besser als Messi. Was ist daran neu? Und wie heisst gleich noch mal der Trainer, dem das auf den Zeiger gehen muss? Super SuperMario. Gruß aus der Sommerfrische im Oberland von einem gebürtigen Dortmunder (nicht Nerlinger).
StefanXX 14.07.2014
2. Schreckliche Schwarz-Weiß-Malerei
Ich finde diese ständigen Übertreibungen, sowohl nach oben als auch nach unten, in den Medien und leider auch in großen Teilen der Bevölkerung ganz ganz schrecklich. Zuerst ist Götze die Enttäuschung der WM weil er einige unglückliche Aktionen hat und jetzt ist ist er auf einmal besser als Messi. Da fehlt jedes Maß. Da gewinnt man 4:0 gegen Portugal - auch weil das Spiel sehr glücklich für uns läuft - und schon ist alles unglaublich gut ... und im nächsten Spiel spielt tut man sich gegen sehr starke Ghanaer schwer und schon hat alles wieder nicht gepasst. Da kann ich nur die Spieler beglückwünschen, die das Ganze entgegen der öffentlichen Meinung immer recht gut und realistisch selbst einzuschätzen wissen.
BillyTalent 14.07.2014
3. Besser als Messi???????
Zitat von kahabeJa, Götze ist besser als Messi. Was ist daran neu? Und wie heisst gleich noch mal der Trainer, dem das auf den Zeiger gehen muss? Super SuperMario. Gruß aus der Sommerfrische im Oberland von einem gebürtigen Dortmunder (nicht Nerlinger).
Ähm, vielleicht gestern. Aber hat Götze über Jahre bewiesen, was er kann? Besser als Messi, so ein Stuss!
josephkaesemacher 14.07.2014
4. Selbstvertrauen
... Hat nicht jeder in die Wiege geliebt bekommen, jeder Mensch ist anders, und Herr Löw tat gut daran, Ballkünstler wie Götze zu entwickeln. Es macht mir einfach Freude wie er oder auch Özil Dinge tun, die kaum jemand kann. Ein Trainer muss alles bestmöglich vereinen. Die Tugenden müssen mit barter konzentrierter Arbeit und Einstellung verbunden werden. Das muss Mario Götze (wieder) lernen. Herr Klopp schien es mit mit Marco Reus geschafft zu haben. Der frühere Holzhacker und angebliche Wundertrainer Gerland mit seinem spanischen Chef haben es nicht geschafft. Führung ist nicht immer einfach. Ich wünsche Mario Götze viel Glück, Glauben an sich selbst und die richtige Einstellung !
ratxi 14.07.2014
5. Danke, Mario!!!!!!!!!!
Zitat von sysopAP/dpaVor dem Finale galt er als größte deutsche Turnier-Enttäuschung - jetzt ist er der Weltmeistermacher: Mario Götze hat mit seinem Siegtreffer gezeigt, dass er internationale Top-Spiele mit einem Geniestreich entscheiden kann. Genau das hatte Joachim Löw verlangt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/mario-goetze-bei-wm-finale-deutschland-argentinien-besser-als-messi-a-980847.html
Puuuuh, ich bin immer noch völlig fertig.... :) :) :) Danke, Mario!!!!!!!!!! Danke an alle!!!!!!!!!!
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