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Deutschland gegen Polen: Mario im Glück

Foto: Federico Gambarini/ dpa

Gewinner des Länderspiels "Götze hat Doping"

Zwei Tore, Matchwinner, viel Lob - Mario Götze durfte sich nach dem 3:1-Sieg über Polen feiern lassen. Joachim Löw schaffte es, den sensiblen Wunderjungen zu motivieren. Vielleicht sollte Bayern-Coach Guardiola mal beim DFB-Trainer anrufen.

Dutzende Journalisten warteten nach dem 3:1-Sieg (2:1) der DFB-Auswahl gegen die polnische Nationalmannschaft auf den großen Helden des Abends. Mario Götze hatte kurz zuvor zwei Tore erzielt, traf zudem noch einmal den Pfosten. Er schoss den Weltmeister an die Spitze der EM-Qualifikationsgruppe D. Und deshalb gab es natürlich eine Menge Fragen.

Woher kam seine Leistungsexplosion? Warum gelingt ihm ein solches Spiel beim Nationalteam, aber schon länger nicht mehr bei seinem Klub FC Bayern München? Hängt das vielleicht mit Pep Guardiola zusammen?

Über solche Dinge wollten die Sportjournalisten in den Kellergewölben des Frankfurter Stadions mit Götze sprechen. Sie warteten fast eine Stunde. Götze kam nicht. Stattdessen lief irgendwann ein DFB-Mitarbeiter durch den Spielertunnel und raunte: "Götze hat Doping".

Das wäre nicht nur ein handfester Skandal, sondern natürlich auch eine äußerst plausible Erklärung für Götzes Leistungsexplosion. Was der DFB-Mann aber eigentlich meinte: Der Held des Abends ist für die Dopingprobe ausgelost worden, er versucht zu pinkeln. Irgendwann schritt Götze dann doch noch grinsend Richtung Stadionausgang: "Die Dopingprobe hat fast länger gedauert als das Spiel", sagte er.

Zu wenig Rückendeckung von Guardiola

Wahrscheinlich kam Götze diese eigentlich nervige Fußballer-Pflicht ganz recht. Schützte sie ihn doch davor, all zu viele Erklärungsversuche für seine Leistungsschwankungen abgeben zu müssen - und vor den Fragen der Journalisten, mit denen Götze eher ungern spricht.

"Ich fühle mich wohl bei der Nationalmannschaft", sagte Götze irgendwann noch: "Es gibt schlechtere Tage." Solche hatte er in München zuletzt einige erlebt. Aber es sei eben "immer schön, wenn man Vertrauen spürt. Und das spüre ich grundsätzlich immer, wenn ich bei der Nationalmannschaft bin".

Götze ist ein Wunderkind mit magischen Füßen und einer außergewöhnlichen Technik. Viermal wurde er Deutscher Meister, zweimal Pokalsieger, er ist Weltmeister und Final-Siegtorschütze. Das alles mit 23 Jahren. Götze ist die ultimative lebende Flughöhe. Doch seit zwei Jahren wird er immer wieder mit der humorlosen Realität konfrontiert.

Der Dribbler wechselte 2013 von Borussia Dortmund zu Bayern München, begleitet von Anfeindungen der BVB-Fans und mit einer horrenden Ablösesumme als Bürde. Er sollte unter dem Supertrainer Josep Guardiola zum zweiten Messi aufsteigen. Ein perfektes Drehbuch, das nur einen Haken hatte: Guardiola findet bei Götze einfach nicht die richtigen Knöpfe.

Aus Götzes Umfeld ist zu hören, dass dem Jungen bei Bayern München die Rückendeckung fehle, dass er zu wenig Anerkennung, zu wenig Seelenmassage von Guardiola bekomme. In München sagen sie, echte FC Bayern-Stars müssen immer funktionieren. Seele hin, Seele her. Wirkliche Champions müssen halt hart sein.

"Mario steht ein bisschen in der Kritik"

"Es geht immer mehr, wenn man Vertrauen bekommt, die Rückendeckung spürt und dadurch auch Selbstvertrauen hat", sagt Toni Kroos über Götzes Situation. Kroos kennt sich aus. Er hat den FC Bayern im vergangenen Jahr verlassen, weil auch ihm die Wertschätzung im Klub fehlte.

Mats Hummels, auch ein Ex-Münchner, sagte nach der Partie über Götze: "Mario steht im Moment ein bisschen in der Kritik, aber er ist ein so großartiger Fußballer, das wird er wegstecken. Die Leistung heute war für ihn und für uns sehr wichtig." Wenn Götzes Mitspieler über ihn reden, schwanken sie immer zwischen Anerkennung und Mitleid. Anerkennung für das sportliche Talent und Mitleid für die sensible Künstlerseele.

Wie man Götze zu Höchstleistungen treiben kann, demonstriert Bundestrainer Löw in schöner Regelmäßigkeit: Sei es sein Motivationsspruch vor der Einwechslung in Rio ("Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi") oder aber die Stammplatzgarantie vor dem Polen-Spiel - bekommt Götze ein ehrliches Vertrauen, zahlt er es oft mit großer Leistung zurück. Darauf basierte auch die Beziehung zu seinem großen Förderer Jürgen Klopp, mit dem er drei Titel in Dortmund feierte.

Ein Anruf bei Löw?

Welches Potenzial Götze eigentlich abrufen kann, demonstrierte er gegen Polen in zahlreichen Momenten: Von Löw als Stürmer eingesetzt, zeigte er bei seinem Tor zum 2:0 eine herausragende Einzelleistung, einen individuellen Geniestreich. Der Schuss von der Strafraumgrenze sauste präzise ins untere Toreck. Sein Treffer zum 3:1 war ein Abstauber, Götze bewies klassischen Torjägerinstinkt. Wichtiger waren aber die Momente dazwischen und direkt nach den Toren: Götze ackerte, lief, bot sich an, riss Lücken und jubelte ausgelassen nach seinen Treffern. Beim FC Bayern wirkt er oft sogar nach seinen Torerfolgen distanziert, kühl, emotionslos.

Guardiola hat Götze in dieser Saison bisher lediglich 127 Spielminuten eingesetzt, also weniger als die Hälfte der bisherigen Bundesligaspiele. In der vergangenen Saison kam Götze in den wichtigen Partien ebenfalls nur sporadisch zum Zug. Oft wirkt es auch so, als habe Guardiola keine wirkliche Position für den kleinen Techniker und schiebt ihn dahin, wo gerade Not am Mann ist. Götzes Selbstvertrauen scheint das nicht zu befördern.

Sollte Guardiola tatsächlich noch auf das Wunderkind a. D. setzen wollen, wäre vorher vielleicht ein Anruf bei Löw sinnvoll.

Deutschland - Polen 3:1 (2:1)
1:0 Müller (12.)
2:0 Götze (19.)
2:1 Lewandowski (36.)
3:1 Götze (82.)
Deutschland: Neuer - Can, Boateng, Hummels, Hector - Schweinsteiger, Kroos - Müller, Özil, Bellarabi (ab 53. Gündogan - Götze (ab 90.+1 Podolski)
Polen: Fabianski - Piszczek (ab 43. Olkowski), Szukala, Glik, Rybus - Jodlowiec, Krychowiak - Maczynski (ab 63. Blaszczykowski), Grosicki (ab 83. Peszko) - Lewandowski, Milik
Schiedsrichter: Nicola Rizzoli (Italien)
Zuschauer: 48.500 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Kroos, Schweinsteiger - Rybus, Grosicki

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