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21. Juli 2016, 16:27 Uhr

Götze-Wechsel

Ende eines Missverständnisses

Von Florian Kinast, München

Bayern München und Mario Götze - das hat von Anfang an nicht gepasst. Die Rückkehr des Nationalspielers zu Borussia Dortmund ist der Versuch, seine Karriere zu retten.

Die letzten Worte waren unterkühlt. Erwartungsgemäß. Als der Transfer von Mario Götze amtlich war, erklärte Karl-Heinz Rummenigge in der offiziellen Mitteilung des Vereins nüchtern: "Ich denke, der Transfer ist für alle Parteien eine gute Lösung. Der FC Bayern bedankt sich bei Mario für die drei Jahre im Trikot des FC Bayern und wünscht ihm für die Zukunft alles Gute."

Es wäre auf das Gleiche hinausgelaufen, hätte Rummenigge gesagt, wie froh er sei, dass Mario Götze endlich weg und die Diskussion um seine Zukunft beendet ist. Das wäre vielleicht sogar ehrlicher gewesen.

Dass der Transfer in der Tat das Beste ist für den FC Bayern, ist unbestritten. Ob das auch für Borussia Dortmund gilt, hängt davon ab, wie sich Götze nun spielerisch entfalten wird. Finanziell aber war das Drei-Jahres-Intermezzo Götzes in München für den BVB in jedem Fall ein gutes Geschäft. Für 37 Millionen Euro ließen sie ihn damals gehen, der Rückkauf kostete sie hingegen nur rund 22 Millionen.

In jedem Fall endete mit dem Transfer ein dreijähriges Missverständnis. Von Anfang an hatte sich Götze in München nicht so richtig wohlgefühlt, er konnte weder seine eigenen noch die Erwartungen von Trainer Josep Guardiola erfüllen und spielte sich nie in die Herzen der Fans. So wurde sie immer größer, die Sehnsucht nach seinem geliebten BVB. Um das zu verstehen, hilft ein Blick zurück.

Götze hatte in München noch keinen Ball für den FC Bayern gespielt, als es schon großen Wirbel gab. Den ersten richtigen Ärger fing er sich ein, als er bei der offiziellen Präsentation beim Adidas-Klub FC Bayern in einem T-Shirt mit einem großen Logo des Konkurrenten Nike erschien. Die Folge waren lange Beschwichtigungstelefonate auf Vorstandsebene zwischen der Säbener Straße und Herzogenaurach. Ein schlechter Start, es sollte nicht so viel besser werden.

Letztlich fand sich der Spieler nie in der neuen Welt zurecht, das merkte man ihm an. Viel zu selten zeigte er das, was ihn in Dortmund so stark gemacht hatte, unter Josep Guardiola konnte sich Götze nicht entfalten, geschweige denn zu einem zweiten Lionel Messi werden, wie einige Bayern-Fans vielleicht gehofft hatten. Stattdessen wurde Götze zum Mitläufer.

Auch die Zuwendung der Fans bekam er nicht, wenn die Südkurve bei der Mannschaftsaufstellung seinen Namen skandierte, klang das mehr nach lästiger Pflichterfüllung als nach echter Liebe. Was auch an Götze lag, der unnahbar wirkte und dabei vielleicht einfach schüchtern war.

Den glücklichsten Moment in München erlebte er bezeichnenderweise bei einem Länderspiel Ende März 2016, sein Trainer Guardiola sah von der Tribüne aus zu. Götze traf beim 4:1 gegen Italien einmal selbst und bereitete ein Tor vor. Er mag sich Hoffnung gemacht haben, seinem Vereinscoach imponiert zu haben. Doch der zeigte sich wenig beeindruckt, tags darauf sagte Guardiola schulterzuckend: "Das ändert meine Meinung über Mario nicht." Wie die Meinung war, war nicht schwer zu erraten.

Klug gewählte Worte für einen Neuanfang in Dortmund

Götze war abgeschrieben, gab sich aber seit dem Ende der vergangenen Saison ungewohnt kämpferisch. Er kündigte an, sich unter dem neuen Trainer Carlo Ancelotti doch noch in München durchzusetzen. Doch in einem Telefonat machte ihm der neue Trainer ziemlich deutlich klar, dass ihn diese Haltung zwar ehre, aber keine Aussichten auf Erfolg habe.

Selbst in der Nationalmannschaft, wo der WM-Siegtorschütze von 2014 stets wohltuende Ablenkung fand vom grauen Alltag im Verein, klappte es zuletzt nicht mehr. Die EM war für ihn persönlich ein Misserfolg, nach schwachen Leistungen fand er sich auch unter Joachim Löw auf der Bank wieder. Deshalb war es nun höchste Zeit, den massiven Abwärtstrend der eigenen Karriere zu stoppen.

Götze selbst hat nun mitgeteilt: "Als ich 2013 vom BVB zum FC Bayern gewechselt bin, war das eine bewusste Entscheidung, hinter der ich mich heute nicht verstecken will. Drei Jahre später, und mit inzwischen 24 Jahren, blicke ich mit anderen Augen auf meinen damaligen Entschluss." Und weiter: "Ich kann gut verstehen, dass viele Fans meine Entscheidung nicht nachvollziehen konnten. Ich würde sie so heute auch nicht mehr treffen." Klug gewählte Worte, um sich bei den Dortmunder Fans eine zweite Chance zu eröffnen.

Für vier Jahre hat er bei seinem neuen alten Klub unterschrieben, bis 2020. Dann ist er 28, vielleicht spielt er irgendwann auch noch mal in England oder Italien. Aber sicher nie mehr beim FC Bayern.

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