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Pfiffe gegen Gomez Erst hui, dann buh

Trotz der Niederlage gegen Argentinien verschonten die Fans die deutsche Nationalmannschaft. Nur Mario Gomez wurde ausgepfiffen, wieder einmal. Der einst hochgelobte Torjäger ist zum Buhmann geworden.

Hamburg - Der Bundestrainer nahm seinen Stürmer in Schutz: "Mario Gomez hat sieben Monate verletzt gefehlt, er hat ein einziges Pflichtspiel bestritten", sagte Joachim Löw nach der 2:4-Niederlage gegen Argentinien. Gomez hatte unglücklich agiert und drei Großchancen vergeben. Die Zuschauer in Düsseldorf reagierten mit Pfiffen - während sie den Rest der Mannschaft bejubelten. Dafür habe er kein Verständnis, sagte Löw: "Es geht einfach nicht, dass ein Spieler der deutschen Nationalmannschaft ausgepfiffen wird, nur weil er die eine oder andere Chance liegengelassen hat."

Es war nicht das erste Mal, dass Gomez bei einem Länderspiel zum Buhmann wurde. Seit er bei der Europameisterschaft 2008 gegen Österreich einen Ball aus kurzer Distanz über das Tor schoss, hat er einen schweren Stand im Nationaltrikot. Bei der WM in Südafrika 2010 spielte er nur 56 Minuten, ein Jahr später pfiffen ihn die Zuschauer beim Spiel gegen Kasachstan schon vor der Einwechslung aus.

Für Gomez ist es eine paradoxe Situation: In seinen Klubs feierte er große Erfolge, beim VfB Stuttgart wurde er 2007 als 22-Jähriger Deutschlands Fußballer des Jahres, der FC Bayern holte ihn 2009 für 35 Millionen Euro. Gomez wurde dreimal deutscher Meister und gewann mit den Münchnern 2013 die Champions League.

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DFB-Stürmer Gomez: Der Ausgepfiffene

Foto: Dennis Grombkowski/ Bongarts/Getty Images

In der Nationalmannschaft ist er dennoch der Buhmann. Woran liegt das? Woher kommt diese Häme, die Abneigung gegen einen Stürmer, der sicher zu den drei besten Stürmern Deutschlands gehört?

Ein Grund für Gomez' schlechtes Ansehen ist seine Ausstrahlung. Er wirkt häufig arrogant, er hadert auf dem Feld, wenn es nicht läuft. Auch seine Interviews trugen zu dem negativen Image bei, häufig redete er schlechte Leistungen schön und suchte Ausreden.

Tatsächlich ist Gomez sehr sensibel: Er nimmt sich die Kritik und die Pfiffe zu Herzen, er kann das nicht ausblenden. So wächst bei jedem Länderspiel der Druck: Werde ich wieder ausgepfiffen, bin ich wieder der Depp?

Einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum negativen Bild von Gomez lieferte Mehmet Scholl bei der EM 2012. Der ehemalige Nationalspieler und TV-Experte sagte nach dem 1:0 gegen Portugal, bei dem der Stürmer sogar den Siegtreffer erzielt hatte, über Gomez: "Er macht zu wenig für die Mannschaft. Ich hatte zwischendurch Angst, dass er sich wundliegt und mal gewendet werden muss."

Ein brutales Urteil. Zwar stimmt es, dass Gomez weniger am Spiel teilnimmt als etwa WM-Rekordtorschütze Miroslav Klose. Auch technisch hat er Defizite, bei der Ballannahme, im Dribbling. Doch Gomez ist 1,89 Meter groß, er ist kein spielender Stürmer, er ist keine falsche, sondern eine richtige Neun. Er ist schnell und robust, er spielt schnörkellos, ist reaktionsschnell und torgefährlich.

Der Unmut gegen ihn hat sich aufgeschaukelt, er ist nicht mehr rational. Um von Pfiffen verschont zu bleiben, darf Gomez mittlerweile eigentlich keine Chance mehr vergeben. Bei jeder verpassten Gelegenheit erinnern sich die Zuschauer an vergangene Patzer, vergangene Schmähungen.

Gomez selbst sagte nach dem Spiel, die Pfiffe seien angesichts des Spielverlaufs verständlich gewesen: "Ich habe natürlich versucht, die Dinger zu machen und hätte es vielleicht ein bisschen besser machen können." Der 29-Jährige hat gelernt, sich defensiv und selbstkritisch zu äußern. Helfen wird es ihm vermutlich nicht.