Abschied von Mario Gomez Der letzte Torero

Große deutsche Torjäger gibt es nicht viele in der Bundesliga, Mario Gomez war einer. Nun geht seine Karriere zu Ende. Richtig gewürdigt wurde er selten - denn er blieb stets auch Reizfigur.
Stümer Mario Gomez (in Stuttgart)

Stümer Mario Gomez (in Stuttgart)

Foto: Daniel Maurer/ dpa

Es hat eine gewisse Symbolkraft, dass Mario Gomez am Sonntag einen wohl stillen Abschied vom deutschen Profifußball feiert, ohne Zuschauer, ohne Ovationen. Er war nie jemand, der die Fanherzen im Fluge einsammeln durfte, Publikumsliebling ist wahrhaft nicht das Wort, das einem bei Gomez als erstes einfällt.

Mario Gomez konnte eine gewisse Distanz vermitteln, selbst wenn er das vielleicht gar nicht wollte. Er war selbstverständlich der Antitypus eines Pöhlers und Grasfressers, aber er war auf der anderen Seite auch kein Filigraner, der die Fans vor Entzücken jauchzen lässt, er war kein launiger Sprücheklopfer, er war einfach nur ein Torjäger.

Wenn sein VfB Stuttgart am Sonntag gegen Darmstadt um den (so gut wie sicheren) Aufstieg in die Bundesliga spielt (15.30 Uhr; TV: Sky; Liveticker SPIEGEL.de), wird Gomez ein letztes Mal für ihn auflaufen. Sehr wahrscheinlich ist danach ganz Schluss für ihn in Deutschland. Offiziell hält er sich zurück, doch wenn VfB-Sportdirektor Sven Mislintat bedauert , "dass unser Spieler mit einer solchen Karriere nicht vor Zuschauern gehen kann", klingt das nach endgültigem Abgang.

84 Ligatore erzielte Gomez für den VfB Stuttgart, den Verein, bei dem er bereits seinen Anfang als Bundesliga-Fußballer erlebte. 75 Mal traf er in der Liga für den FC Bayern, 31 Mal in der Nationalmannschaft, er war Torschützenkönig in Deutschland und der Türkei, Meister, Pokalsieger, Fußballer des Jahres, er hat bei Bayern München mit 0,9 Toren pro Spiel einen besseren Schnitt erreicht als Gerd Müller, das muss man sich vorstellen. Bei den Bayern schaffte er es innerhalb einer Saison fünfmal, drei Tore in einem Spiel zu schießen. Eine atemberaubende Bilanz.

Miroslav Klose war der komplettere Stürmer, aber Mario Gomez war der größte Torjäger, den Deutschland in den vergangenen 20 Jahren hatte.

Zwei Episoden wurde er nicht los

Und doch blieben vor allem zwei Episoden an ihm haften, bei denen es nicht ums Treffen geht: Sein epischer Fehlschuss bei der Europameisterschaft 2008 gegen Österreich, als er es fertigbrachte, das leere Tor aus einer lächerlichen Entfernung zu verfehlen. Und die gallige Kritik des damaligen ARD-TV-Experten Mehmet Scholl, der kalauerte, Gomez habe sich im ersten EM-Spiel gegen Portugal 2012 im ukrainischen Lwiw "fast wund gelegen".

Gomez beim EM-Spiel gegen Portugal 2012

Gomez beim EM-Spiel gegen Portugal 2012

Foto: AP

Ein Spiel wohlgemerkt, das Gomez durch seinen 1:0-Treffer entschieden hatte. Trotzdem redete alles anschließend nur über den gehässigen Scholl-Spruch, Gomez bekam drei Tage lang Häme ab, mit voller Wucht. Dann stand das nächste Gruppenspiel gegen die Niederlande an. Ergebnis 2:1, Tore für Deutschland: zwei Mal Mario Gomez.

Der Stürmer hat während seiner Karriere den Umgang mit Rückschlägen gelernt, er hat ihn lernen müssen. Zwischen 2008 und 2018 verpasste er nur ein einziges Turnier, das war ausgerechnet die WM 2014, bei der Deutschland Weltmeister wurde. In der Nationalmannschaft wurde er vom Publikum bei Einwechslungen teils schon mit Pfiffen empfangen. Beim FC Bayern wurde er mehr und mehr zum Reservisten, weil er zu sehr Strafraumspieler war, zu wenig mitspielte. Er wechselte nach Florenz und hatte dort wegen Verletzungen viel Zeit, sich die wunderbare Stadt anzuschauen.

In der Türkei lief es dann endlich wieder nach Wunsch, dann kam es zu dem missglückten Militärputsch, und Gomez suchte sich die nächste Station: den VfL Wolfsburg, den er zwar in der Relegation mit seinen Toren rettete, dennoch wurde aus ihm und dem VfL keine glückliche Beziehung.

Yoga mit Gomez

Als Gomez 2018 im fortgeschrittenen Alter von 32 noch einmal für die WM nominiert wurde, hatte er all das hinter sich gelassen. Im Vorbereitungscamp präsentierte sich ein geradezu altersweiser Gomez, der gelassenen Blicks auf seine Karriere blicken konnte. 2008 habe er vor dem Turnier gedacht, jetzt komme mit ihm der neue Superstar der EM, sagte er und musste im Nachhinein selbst darüber lächeln. Heute wisse er, dass das Leben "mehr ist als ein Ball und zwei Tore". "Yoga mit Gomez" war der damalige SPIEGEL.de-Text überschrieben.

Als Reizfigur des deutschen Fußballs hat Mario Gomez immer getaugt, erst als sein Namensvetter Mario Götze auftauchte und manchen Fehler des jungen Mario Gomez wiederholte, wurde er in dieser Rolle abgelöst.

Debütant Gomez 2004

Debütant Gomez 2004

Foto: imago images/Sportfoto Rudel

Dabei war er immer schon einer für die große Bühne. Sein erstes Pflichtspiel für Stuttgart im März 2004 machte er als 19-Jähriger gegen den FC Chelsea im Achtelfinale in der Champions League. Erst zwei Monate später beging er sein Bundesligadebüt: 2:1 gegen den Hamburger SV. Seine Mitspieler damals: Horst Heldt, Aleksandar Hleb, und ein blutjunger Außenverteidiger namens Philipp Lahm.

Mario Gomez ist schon so lange dabei, wenn er durchgängig beim VfB gespielt hätte, hätte er 23 verschiedene Trainer erlebt. Er hat 2007 bei seinem ersten Länderspiel, einem 3:1 gegen die Schweiz, an der Seite von Clemens Fritz und Torsten Frings gespielt, mit Tim Borowski und Jan Schlaudraff. Als Fußballer sind sie alle längst Vergangenheit, nur Gomez schoss bis zuletzt noch seine Tore, auch wenn sie ihm zuletzt gern vom Videoschiedsrichter wieder aberkannt wurden.

Sein Markenzeichen war der Torero-Jubel, die Verbeugung aus dem Stierkampf, eine Referenz an seine spanischen Wurzeln. Der Torero verlässt nun die Arena. Spätestens jetzt wäre es der passende Moment für eine Verbeugung.

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