Rauswurf von Englands Frauen-Nationaltrainer Big FAil

Der englische Fußballverband FA hat Frauen-Nationaltrainer Mark Sampson entlassen. Es geht um Rassismus und die Beziehungen zu seinen Spielerinnen. Auch der Verband muss sich unangenehme Fragen stellen lassen.
Mark Sampson

Mark Sampson

Foto: Alex Livesey/ Getty Images

Am vergangenen Mittwoch überraschte der englische Fußballverband FA mit der Entlassung von Mark Sampson als Trainer der englischen Nationalmannschaft der Frauen. Noch am Dienstag hatte Sampson beim 6:0 im WM-Qualifikationsspiel gegen Russland an der Seitenlinie gestanden.

Der 34-jährige Sampson betreute die Engländerinnen seit 2013 und führte sie zu den größten Erfolgen der jüngeren Verbandsgeschichte. Bei der WM 2015 in Kanada schlug England die deutsche Mannschaft im Spiel um Platz drei. Bei der EM in diesem Sommer erreichte das Team erneut das Halbfinale. Nun musste Sampson seinen Posten räumen - aufgrund "unangemessenen und inakzeptablen Verhaltens".

Der Verband überraschte nicht nur mit dem Zeitpunkt der Entscheidung, sondern auch mit der Begründung. Sampson stand seit Monaten unter Verdacht, Teile des Teams diskriminiert und schikaniert zu haben. Farbige Spielerinnen beklagten sich über rassistische Kommentare. Zwei verbandsinterne Untersuchungen griffen die Vorwürfe auf und kamen zum Ergebnis, dass sich weder Sampson noch der Verband der "systematischen Diskriminierung" schuldig gemacht hätten. Jetzt hat der Verband eine Kehrtwende gemacht.

Ursache für den Rauswurf von Sampson sind Vorfälle, die sich zu seiner Zeit als Trainer bei Bristol Academy ereignet hatten. Vor seinem Engagement beim englischen Verband hatte Sampson zunächst als Coach von Mädchen im Alter von zehn bis 16 Jahren gearbeitet, anschließend hatte er das Frauen-Team in Bristol übernommen. Von 2009 bis 2013 war er insgesamt in der Stadt im Südwesten Englands aktiv.

Schon vor drei Jahren gab es erste Anschuldigungen

Im März 2014 gelangten dann Anschuldigungen über Fehlverhalten Sampsons bei Bristol ans Licht. Die FA prüfte daraufhin, ob Sampsons Verhalten gegen die Verbandsregularien zum Schutz Minderjähriger und gefährdeter Erwachsener verstieß und kam in einem Bericht vom März 2015 zum Schluss, dass dies nicht der Fall sei. Alle Bedenken an der Eignung Sampsons, als Fußballtrainer zu arbeiten, wurden damals ausgeräumt, und der Waliser setzte seine Karriere als England-Trainer fort.

Martin Glenn, Geschäftsführer des Verbands, war das Ergebnis dieses Berichts zwar seit Oktober 2015 bekannt. Den vollständigen Bericht will er laut eigenen Angaben hingegen erst vergangene Woche gelesen haben. Im Gespräch mit der BBC sagte Glenn, dass er über den Inhalt schockiert gewesen sei. Zwar seien keine Gesetze gebrochen worden, doch sei Sampsons Verhalten nicht vereinbar mit den Standards des englischen Fußballverbands. "Es geht um die Grenze zwischen Spieler und Trainer - in diesem Falle Spielerinnen", sagte er.

Diese Erkenntnisse teilte Glenn anschließend mit dem Verbandsvorsitzenden Greg Clarke. Beide beraumten am Wochenende ein erstes und am Montag ein zweites Treffen der Verbandsführung an, wo die Auflösung des Vertrags mit Sampson beschlossen wurde.

Das Team steht nun ohne seinen Trainer da, am Dienstag hatten sich die Spielerinnen vor dem Hintergrund der aktuellen Rassismusvorwürfe noch demonstrativ solidarisch gezeigt. Beim Erfolg gegen Russland kamen sämtliche Spielerinnen inklusive der Torhüterin an der Seitenlinie mit Mark Sampson zusammen, um gemeinsam zu jubeln.

Gemeinsamer Jubel an der Seitenlinie

Gemeinsamer Jubel an der Seitenlinie

Foto: Alex Livesey/ Getty Images

Es stellt sich die Frage, ob sich die Spielerinnen mit dem Wissen über die Bristol-Vorfälle ebenfalls vor ihren Coach gestellt hätten.

Es ist noch unklar, ob der englische Verband von den Vorwürfen aus Bristol bereits im Detail wusste, als er Sampson zum Cheftrainer machte, oder erst danach davon erfuhr. Für einen gewissenhaften Prüfungsprozess bei der Besetzung wichtiger Personalien sprechen die Vorgänge aber nicht.

Sportministerin Tracey Crouch sagte dem britischen "Guardian" : "Diese Situation ist ein einziges Durcheinander und wirft sehr ernste Fragen auf, ob die bisherigen Prozesse der FA zur Rekrutierung von Trainern angemessen waren."

Schon früher Pannen bei der Trainerauswahl

Erst im vergangenen Jahr blamierte sich der Verband mit der Besetzung des Trainerpostens bei den Männern. Sam Allardyce musste schon nach gut zwei Monaten wieder gehen, als Videos auftauchten, in denen er vorschlug, wie sich FA-Bestimmungen zu Drittparteienverträgen umgehen ließen. Darüber hinaus hatte er sich unrühmlich über seinen Vorgänger Roy Hodgson geäußert - ein Verhalten, das nur schwerlich zu den hohen Standards des Verbands passt und in einem ernsthaften Prüfungsverfahren hätte auffallen müssen.

Auch die zwei Untersuchungen bezüglich der Diskriminierungsvorwürfe gegenüber Sampson bieten viel Angriffsfläche. Zweimal wurden die Anschuldigungen als haltlos zurückgewiesen, doch nachdem bekannt wurde, dass zentrale Personen im Laufe der Verfahren überhaupt nicht befragt worden sind, gehen die Ermittlungen nun weiter.

Auslöser der Untersuchungen sind Einblicke, die Eniola Aluko im Rahmen einer "Culture Review" der FA gewährte. Aluko, eine Juristin nigerianischer Abstammung, spielt aktuell für die Chelsea Ladies und lief bis 2016 mehr als 100-mal für England auf. Im März 2016 wurde sie vom englischen Fußballverband eingeladen, im vertraulichen Rahmen die Abläufe innerhalb der FA daraufhin zu überprüfen, ob sie den Prinzipien einer verantwortungsvollen und transparenten Führungskultur entsprechen. Aluko wurden Anonymität und Diskretion zugesagt.

Kurz nach ihren ersten kritischen Äußerungen schloss Sampson sie vom Trainingslager der Nationalmannschaft aus, wobei sich Sampson laut Aluko über deren Illoyalität beklagte. Am 18. Oktober tagt der britische Sportausschuss. Dort wird Aluko Details ihrer Anschuldigungen erläutern. Das FA-Führungsduo Glenn und Clarke wird ebenfalls erwartet. Die Affäre ist noch lange nicht ausgestanden.