KSC-Trainer Kauczinski Gegen alle Klischees

Bei Markus Kauczinski denken viele an Ruhrpott-Klischees. Seit der Relegation gegen den HSV ist aber klar: Der Mann kann so viel mehr, bald schon wird er in der ersten Liga arbeiten. Vielleicht sogar beim Karlsruher SC.

KSC-Trainer Kauczinski, rechts: "Ich fände das heuchlerisch"
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KSC-Trainer Kauczinski, rechts: "Ich fände das heuchlerisch"


T-Shirt, Jeans, Turnschuhe: Markus Kauczinski ist in der Kluft zu diesem Interview gekommen, die lange Zeit sein Image geprägt hat. Hemdsärmelig, bodenständig, Typ ehrlicher Arbeiter - was man eben so schreibt, wenn man glaubt, dass ein Sakko oder der Geburtsort etwas über einen Menschen aussagen. Wer in Gelsenkirchen aufgewachsen ist, kann doch wohl nur ein "Malocher" sein, oder? Ein vergiftetes Kompliment in einer Branche, in der man als Intellektueller gilt, wenn man schon mal ein Buch gelesen hat.

Vor einem Monat haben Millionen Menschen den Trainer des Karlsruher SC so erlebt, wie er wirklich ist: eloquent, ironisch und von einer beängstigenden Abgeklärtheit. Als die HSV-Spieler den Klassenerhalt feierten und halb Deutschland über die fragwürdige Freistoß-Entscheidung von Schiedsrichter Manuel Gräfe den Kopf schüttelte, ging ausgerechnet der Trainer des benachteiligten KSC als Erster zur Tagesordnung über. Kauczinski analysierte das Spiel nüchtern vor allen Kameras und schaffte es, mitten in einem vor Wut kochenden Stadion ruhig und gelassen zu wirken.

In ihm selbst, das sagt er jetzt Anfang Juli, sah es zu diesem Zeitpunkt ganz anders aus. Doch das habe er mit sich selbst ausgemacht, "blöderweise noch im Urlaub. Da war dieses Gefühl, dass man betrogen worden ist. Das hat mich eine Woche lang nicht losgelassen."

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Im Stadion hat er sich dennoch im Griff gehabt. "Sollte ich dann vor der Kamera rumschimpfen? Das wirkt gespielt und bringt sowieso nichts", sagt Kauczinski. Auch Populismus ist dem Mann zuwider. Das zeigt sich auch, wenn die Sprache auf einen in Karlsruhe nicht gerade beliebten Konkurrenten kommt. Auch wenn die KSC-Fans noch so gerne ein kritisches Wort über RB Leipzig hören würden, von Kauczinski werden sie enttäuscht: "Ich fände das heuchlerisch", sagt er. "Wir würden das Geld doch auch nehmen."

Seit März 2012 ist der studierte Sportwissenschaftler nun Cheftrainer beim KSC, für den er zuvor elf Jahre lang im Nachwuchsbereich arbeitete. Kauczinski ist keiner, dessen Handschrift Hammer und Meißel brauchen würde. Als Jugendtrainer galt er als strikter Verfechter des 4-4-2-Systems, als Cheftrainer orientierte er sich von Anfang an am Spielermaterial, das er vorfand.

Anfangs bot er Handwerker auf, Spielertypen, die man braucht, um in Liga drei zu bestehen. Doch dann entwickelte er den Kader Stück für Stück weiter. Hinter Kaiserslautern dürfte der KSC das spielstärkste Team der abgelaufenen Zweitliga-Saison gewesen sein, in der keine Mannschaft mehr Tore aus dem Spiel heraus erzielte als der KSC. Auch durch bemerkenswerte Fitness (der KSC bekam in den letzten Spielminuten kein einziges Gegentor) und taktische Finesse lassen sich Spiele gewinnen.

Trainer Kauczinski (2013): Immer recht behalten
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Trainer Kauczinski (2013): Immer recht behalten

Beides kann ein Trainer beeinflussen, den Kontostand des Vereins nur bedingt. Auch in der kommenden Saison, die am 25. Juli mit einem Auswärtsspiel in Fürth beginnt, wird sich der KSC mit einem Kader wiederfinden, der von seiner individuellen Klasse kaum an das Personal von Vereinen wie Freiburg, Leipzig, Düsseldorf, Braunschweig oder Nürnberg heranreicht. Wer Kauczinski darauf anspricht, erntet keinen Widerspruch.

Und doch sitzt da ein entspannter Mann, der insgeheim davon überzeugt ist, dass es letztlich auch an ihm selbst liegt, ob der KSC aufsteigt oder nicht. "Wenn man nicht den Glauben daran hätte, dass man das fehlende Geld kompensieren kann, müsste man beim KSC aufhören", sagt er. Und meint: Bisher hat er es noch in jeder Saison geschafft, das Beste aus seinen Spielern herauszuholen.

Das gilt für Rouwen Hennings, den einstigen Chancentod des FC St. Pauli, der für den KSC auch deswegen 17 Treffer in 27 Spielen erzielte, weil er plötzlich die richtigen Laufwege geht. Oder Philipp Max, den der FC Augsburg gerne für viel Geld als Ersatz für Abdul Rahman Baba verpflichten würde. Kauczinski ließ ihn in der Rückrunde durchspielen, obwohl es auch im Verein Stimmen gab, der 21-Jährige sei noch nicht weit genug für die Zweite Liga.

Kein Wunder also, dass man in Karlsruhe nicht lange suchen muss, bis man jemanden findet, der den Trainer für einen Glücksfall hält. Misslich für den KSC ist nur, dass die gleichen Leute sich nicht vorstellen können, dass Kauczinski beim erneuten Verpassen des Aufstiegs bleibt. Da trifft es sich gut, dass Kauczinski sein Team auch im Juli 2015 stärker einschätzt als die meisten neutralen Beobachter. In den vergangenen drei Spielzeiten hat er am Ende jeweils recht behalten.



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