Krawalle in Marseille Fans erheben Vorwürfe gegen die Polizei

Fans werfen Flaschen, die Polizei feuert Tränengas. Seit drei Tagen kommt es in Marseille vor dem Spiel England-Russland zu Krawallen. Ein Mann schwebt in Lebensgefahr.

DPA

Die Altstadt von Marseille ist ein Labyrinth aus Straßen, Gässchen, kleinen Plätzen. Wie gemacht, um bei 30 Grad im Schatten zu sitzen. Und wie gemacht für Versteckspiele.

Am Samstag, Stunden vor dem Anpfiff der Partie der Engländer gegen Russland, ist es aber schon lange kein Spiel mehr, das sich Tausende englische Fans und die Polizei liefern.

Flaschen, Steine und Stühle fliegen, die Polizei verschießt Tränengas, der Mob löst sich auf, kommt ein paar Querstraßen weiter neu zusammen, die Polizei hinterher. So geht es den ganzen Tag. Ein britischer Fan schwebt in Lebensgefahr. Videobilder zeigen, wie der Mann auf der Straße von Sicherheitskräften wiederbelebt werden musste.

In der Rue Fort Notre Dame filmt ein Nutzer diese Szene mit seinem Smartphone:

Die befürchteten Schlägereien zwischen Engländern und Russen sind bis auf kurze Zusammentreffen ausgeblieben. Stattdessen: Engländer gegen gepanzerte Beamte.

Viele Rowdys sind alkoholisiert

Insgesamt 250 Polizisten und Gendarmen sind am Hafen im Einsatz. "Die Polizei hat in Auseinandersetzungen eingegriffen, an denen Fans aus England, Russland und Frankreich beteiligt waren. Es war massiv, aber nach wenigen Minuten ist wieder Ruhe eingekehrt", sagt der lokale Polizeichef Laurent Nunez.

Viele der Rowdys seien alkoholisiert, teilt ein Behördensprecher mit. Sechs Menschen werden festgenommen. Insgesamt 19 werden verletzt.

Schwere Kopfverletzungen

Rund um den alten Hafen und dem nahe gelegenen Platz Cours Honoré-d'Estienne-d'Orves stehen sich Polizei und Fußballfans gegenüber. Es gibt Verletzte auf beiden Seiten: Schnittwunden, Prellungen, gereizte Atemwege vom Gas, dessen beißender Geruch penetrant über dem Viertel liegt.

Ein Bewusstloser mit schweren Kopfverletzungen muss eine halbe Stunde lang notärztlich versorgt werden, ehe er abtransportiert werden kann.

Kritik äußern fast alle Fans am Vorgehen der Polizei: Es sei unverhältnismäßig. Auch friedliche Fans würden ohne Vorwarnung attackiert.

"Die kennen nur die Fans aus den Achtzigern", sagt einer: "Deswegen haben sie Angst. Aber wir sind viel friedlicher. Die Gewalt ging fast immer von der Polizei aus."

1200 Polizisten in der ganzen Stadt

Die UEFA hat die Ausschreitungen veruteilt. "Menschen, die sich an solchen Gewaltakten beteiligen, haben keinen Platz im Fußball", teilten die EM-Organisatoren mit. Über mögliche Sanktionen machte die UEFA noch keine Angaben.

Seit Donnerstagabend war es in Marseille immer wieder zu Krawallen gekommen, an denen Engländer, Russen und Franzosen beteiligt gewesen waren. Die Polizei setzte dabei jeweils Tränengas ein und nahm mehrere Fans fest.

Die Polizei hatte angekündigt, weiter hart bei Ausschreitungen durchzugreifen. Vor dem Spiel der Engländer gegen Russland seien 1200 Polizisten und Gendarmen in der gesamten Stadt mobilisiert, sagte der Polizeipräfekt von Marseille.

Mit Material von dpa und sid



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