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12. Juni 2016, 17:28 Uhr

Gewalt bei der EM

Das "Abschiedsspiel" der Hooligans

Aus Lille berichtet

In Frankreich prügeln sich Fußballanhänger auf öffentlichen Plätzen und im Stadion. Warum ausgerechnet jetzt? Die Analyse des Hooligan-Verhaltens.

Die Bilder aus Marseille bekommt man nur schwer aus dem Kopf: Blutüberströmte Hooligans werfen mit Stühlen und Flaschen um sich, Menschen liegen auf dem Asphalt und werden trotzdem noch getreten. Ein Mann ringt seit Stunden mit dem Tod, die Ärzte konnten noch keine Entwarnung geben.

Kaum jemand wollte sich vorstellen, dass es bei dieser Europameisterschaft solche Bilder geben könnte. Hooliganismus, so erklären es Funktionäre gerne gebetsmühlenartig, sei ein Phänomen der Achtziger- und frühen Neunzigerjahre. Betrieben von zahnlosen, tätowierten, dickbäuchigen Männern, die sonst nichts im Leben hätten.

All dies war schon immer falsch.

Und wird auch nicht besser, wenn es Fußballfunktionäre, die mit wohlfeiler Rhetorik ihr Glanzprodukt "Fußball" retten wollen, immer wieder wiederholen. Der Hooliganismus lebt, vielleicht sogar mehr denn je. Er hat sich nur immer mehr vom Stadion in die Peripherie zurückgezogen, weil die neuen Arenen mit hochauflösenden Sicherheitskameras ausgestattet sind und weil vor und während des Spiels zig TV-Übertragungen eingesetzt werden. Jetzt lebt der Hooliganismus in Wäldern, auf Äckern und Wiesen.

Kommunikation unter Hool-Gruppen: Kaum zu überwachen

Heute gibt es im Internet einschlägige Hool-Plattformen, wo jede Woche aufs Neue dutzendfach Videos gepostet werden. Durchtrainierte Kampfmaschinen, meistens zwischen 20 und 30 Jahren, treten dort gegeneinander an, bis der Gegner bewegungslos auf dem Boden zurückbleibt. Oft sind es Anhänger von Fußballmannschaften, die im Schatten des Sports ihre eigene Vorstellung von Sport ausüben. Sie verabreden sich zu ihren Schlägereien oft über verschlüsselte Plattformen, aber auch über Facebook oder Instagram. Eine ganze Zeit lang nutzten mehrere deutsche Hool-Gruppen sogar den längst in Vergessenheit geratenen Dienst StudiVZ, um ungestört zu kommunizieren.

Wer so klandestin agiert, entzieht sich dem Zugriffsbereich der Polizei. Und wer nicht gegen das Gesetz verstößt, darf auch nicht daran gehindert werden, ins Ausland zu reisen. Auch nicht zu einer Europameisterschaft nach Frankreich.

Ein deutscher Polizist, viele Jahre mit der Aufklärung von Fußballgewalt in einem Landeskriminalamt betraut, sagt, er habe bereits weit vor dem Turnier Hinweise darauf bekommen, dass die EM eine Art "Abschiedsparty" für viele Hooligans Europas werden würde.

"Sie sehen in Frankreich für viele Jahre das letzte Mal die Chance, sich einer großen Öffentlichkeit zu präsentieren. Noch mal richtig auf den Putz zu hauen, bevor es in den kommenden Jahren dazu keine Chance mehr geben wird", sagt der Ermittler. Er meint damit: Bei der WM 2018 in Russland wird es - aus seiner Sicht - kaum Zusammenstöße von Hooligans geben. Dafür seien die russischen Sicherheitsbehörden zu rigide und die harten Gesetze im Land zu abschreckend.

Zwei Jahre später findet die EM über ganz Europa verteilt statt, da gibt es kaum eine Möglichkeit, sich wirklich mit anderen Hooligans zu treffen und zu messen. Die WM in Katar wird wohl das massivste Sicherheitsereignis der Neuzeit, der Staat und der katarische Verband werden alles daran setzen, dass dieses umstrittene Turnier zu einem medialen Freudenereignis wird.

Auch deutsche Hooligans sind in Frankreich

"Deshalb ist Frankreich ein perfektes Turnier für die Hooligans. Alle Spielorte sind eng beieinander, viele Städte sind sehr verschachtelt, haben kleine Gassen. Zudem sind die Grenzen offen und selbst wenn mal einer verhaftet wird, bekommt er am Ende in Europa nur geringe Strafen für Prügeleien auf der Straße", sagt der deutsche LKA-Mann, der die französischen Sicherheitsprobleme noch von der WM 1998 sehr gut kennt. Damals haben deutsche Hooligans den französischen Polizisten Daniel Nivel ins Koma geprügelt.

"Was den Kollegen aktuell die Arbeit zudem erschwert: Die Hooligans nutzen die Terror-Problematik massiv aus", sagt der Polizist. In vielen Spielorten konzentriert sich die Polizei tatsächlich primär auf Bahnhöfe, Flughäfen, auf große öffentliche Plätze wie die Fan-Zonen. Selbst das 11. Arrondissement, wo im November die Anschläge von Paris stattfanden, wurde am Tag des Eröffnungsspiels von der Polizei unbewacht zurückgelassen. Auf diese Weise werden Orte wie der Hafen oder Marktplatz von Marseille leicht zu Kampfschauplätzen verfeindeter Gruppen. So lässt sich möglicherweise auch erklären, warum die russischen Hooligans so lange auf die englischen Fans im Marseiller Stadion einschlagen konnten, bevor die Polizeikräfte endlich dort eintrafen.

"Jetzt schauen wir mal, was die Deutschen machen", sagt der Polizist. Er weiß, dass viele deutsche Hooligans auch in Frankreich unterwegs sind. Tatsächlich hat die Bundespolizei am Sonntag in der Nähe von Trier 18 Hooligans gestoppt und an der Ausreise gehindert. Wie ein Sprecher sagte, handelte es sich um einschlägig bekannte Gewalttäter aus Dresden. Sie seien in drei Kleinbussen unterwegs gewesen, bei ihnen seien Sturmhauben und Mundschutze gefunden worden.

In Lille kann man sie fast an jeder Ecke sehen: Männer aus Chemnitz, Dresden, Duisburg, Pforzheim oder Braunschweig. Männer, die man eher selten im Stadion sieht. Männer, die im vergangenen Jahr aber an beinahe jeder Demonstration der "Hooligans gegen Salafismus" (Hogesa) teilgenommen haben.

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