Hannover 96 und die 50+1-Regel Regieren Geldgeber den Fußball?

Verweigert die DFL tatsächlich Martin Kind die Übernahme von Hannover 96? Der Verband steht von zwei Seiten unter Druck und könnte sich für ein taktisches Manöver entscheiden.
Martin Kind

Martin Kind

Foto: Peter Steffen/ dpa

Martin Kind wirkt dieser Tage demonstrativ gelassen. Nach allem, was er wisse, sei es "Fake News", dass die DFL seinen Übernahme-Plänen eine Absage erteile, hatte er am vergangenen Freitag gesagt. Zuvor hatte es in mehreren Medien entsprechende Berichte gegeben. Hannovers Präsident kämpft seit Langem für die Abschaffung der 50+1-Regel, die bislang verhindert, dass sich Investoren die Stimmenmehrheit bei einem Fußballverein sichern können.

Und bislang hatte tatsächlich vieles darauf hingedeutet, dass auch Kind bei 96 in den Genuss einer Ausnahmeregelung kommen würde. Seit 2011 gibt es einen Passus in den DFL-Statuten, wonach ein Unternehmen oder ein Privatier einen Verein mehr als 20 Jahre "ununterbrochen" und "erheblich" gefördert haben muss, ehe die Regel entfällt. Und Kind hat 2017 sein 20-jähriges Jubiläum als Präsident und Finanzier gefeiert.

Die 50+1-Regel...

...besagt, dass Investoren ungeachtet der Höhe ihrer Anteile nicht die Stimmenmehrheit an einem Fußballklub erlangen. Viele Bundesligaklubs haben ihre Lizenzspielerabteilungen als Kapitalgesellschaften ausgegliedert, um so Investoren anzulocken. Mit der Regel soll verhindert werden, dass diese Geldgeber die Entscheidungshoheit über diese Bereiche übernehmen können.

Woher kommen also die Gerüchte um eine Absage? Gab es bei der DFL etwa einen Sinneswandel? Oder ist man in Frankfurt zum gleichen Ergebnis gekommen wie die Kind-Gegner bei 96? Dass Kind nämlich gar nicht so viel Geld investieren und in Wahrheit ein echtes Schnäppchen machen würde, wenn er die Hannover 96 Management GmbH für 12.750 Euro kaufen dürfte?

In den vergangenen Jahren hatten die Offiziellen in Frankfurt die 50+1-Regel als deutsches Erfolgsmodell verkauft - tatsächlich gibt es vergleichbare Regelungen im Ausland nicht. Im Falle von Hannover steht aber eine Ausnahme im Raum. Sehr zum Ärger der dortigen Opposition, die weit über die aktive Fanszene hinausgeht.

Kind droht mit Gang vor Gericht

Kind hatte hingegen darauf hingewiesen, dass es in Deutschland bereits so viele Ausnahmen von 50+1 gebe, dass es einem systematischen Wettbewerbsnachteil gleichkomme, wenn man ihm und seinen Freunden aus der Wirtschaft die Übernahme des Vereins verwehre.

Tatsächlich müssen sich die Verbände vorwerfen lassen, dass sie in den vergangenen Jahren Ausnahmen für Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim und - besonders grotesk - für die 100-prozentige Red-Bull-Tochter "Rasen Ballsport Leipzig" geschaffen haben. Dadurch machen sie sich nun angreifbar. Investoren wie Kind oder Hasan Ismaik bei 1860 München können seither aus gutem Grund auf Gleichbehandlung pochen und den Gang vor die Gerichte androhen.

DFB und DFL stehen derzeit auch von anderer Seite unter Druck. Seit sich die Fanszenen im Sommer zusammengetan haben und aus der anfangs unstrukturierten "Krieg dem DFB"-Stimmung Forderungen herausdestilliert haben, die auch von weiten Teilen des Sitzplatz-Publikums gutgeheißen werden, sind die Verbände unter Zugzwang.

DFL könnte sich in taktisches Manöver retten

Eine zentrale Forderung ist die Rücknahme der von den Fans kritisierten Aufsplitterung der Spieltage mit gut einem Dutzend unterschiedlicher Anstoßzeiten pro Wochenende. Hier wird die DFL kaum Zugeständnisse machen können. Denn in Zeiten, in denen das Geld zum großen Teil vom Fernsehen kommt, hat keiner der 38 Erst- und Zweitligisten ein Interesse daran, sich selbst den Geldhahn zuzudrehen. Weniger Spieltags-Zersplitterung bedeutet: weniger Fernsehgelder.

Wenn die DFL in der Causa Kind versus 50+1-Regel am Montag erst mal ein Stoppzeichen setzt, könnte das also durchaus ein Signal an die Kommerzkritiker sein, die der DFL (und damit letztlich den Vereinen) vorwerfen, Faninteressen und demokratische Mitbestimmung auf dem Altar des Big Business zu opfern.

Doch eine solche Entscheidung könnte auch als taktisches Manöver interpretiert werden. Denn Kind wird nicht lange zögern, sofort die ordentlichen Gerichte anzurufen, wenn die DFL ihm erst mal den Weg versperrt. "Ich erwarte, dass der Antrag genehmigt wird", sagte er am Mittwoch. "Die Alternative ist der Rechtsweg. Das sind die Spielregeln."

Jahrelanger Rechtsstreit droht

Die DFL, deren Geschäftsführer Christian Seifert erst vor ein paar Tagen auffällig laut mehr Anstrengungen zur Erhöhung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit gefordert hat, könnte dann ihre Hände in Unschuld waschen. Es wären dann ja die Gerichte, die 50+1 zu Fall bringen, nicht der Fußball selbst.

Wie die Justiz in Deutschland entscheidet, ist dabei gar nicht mal so entscheidend. Denn wenn Kind den Instanzenweg beschreitet, steht irgendwann der Europäische Gerichtshof in Luxemburg an letzter Stelle. Und der wird gemäß der in Europa vorherrschenden Logik 50+1 als unstatthaftes Hindernis für den freien Kapitalverkehr verbieten. Doch bis es soweit kommt, könnten zehn bis 15 Jahre ins Land ziehen.

Bessere Nachrichten für die Verteidiger von 50+1 gibt es zur Zeit wohl nicht.

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