Massenschlägerei bei Fußballturnier Wenn die Halle zur Hölle wird

Polizisten jagten Fans quer durch die Sporthalle, insgesamt gab es 75 Verletzte: Nach der Gewaltorgie beim Hallenturnier in Hamburg sieht der FC St. Pauli eine Mitschuld beim Veranstalter und bei den Beamten. Die Schilderungen von Augenzeugen sind dramatisch, das Turnier steht vor dem Aus.

dapd

Von


Sven Brux stand einfach nur da. Der Sicherheitsbeauftragte des FC St. Pauli beobachtete am vergangenen Freitag eine Auseinandersetzung zwischen Anhängern des VfB Lübeck und St. Pauli-Fans, als ihn plötzlich ein Polizeiknüppel am Arm traf. Anschließend wurde Brux Zeuge einer fast zweistündigen Gewaltorgie in und außerhalb der Sporthalle in Hamburg-Alsterdorf.

Die Darstellung des Clubs von der Krawallnacht liest sich teilweise erschreckend. Aus Sicht der Vereinsverantwortlichen gingen die Provokationen von gewaltbereiten Fans des VfB Lübeck aus. Diese hatten laut Zeugenberichten zunächst mit rechtsradikalen Gesängen wie "Zick-Zack, Zigeunerpack" die als politisch links bekannten St. Pauli-Anhänger provoziert.

In der Erklärung des Vereins heißt es zudem, dass "unter anderem Journalisten Gespräche Lübecker Fans" mitgehört hätten, "in denen diese sich gegenseitig darüber informierten, gar darüber lustig machten, wie einfach es sei, die Sperren zu umgehen und zu den St. Pauli-Fans zu gelangen". Diese Beobachtungen seien der Polizei gemeldet worden, "jedoch offensichtlich ohne einen erkennbaren Effekt".

Anschließend sollen die VfB-Anhänger auf einer Toilette Rangeleien mit St. Pauli-Fans angezettelt haben. In diesem Punkt richten sich die Vorwürfe des Clubs gegen den Veranstalter: "Leider bestand diese Sperre nur aus einem sogenannten 'Hamburger Gitter' (Anm. d. Redaktion: Absperrgitter auf Hüfthöhe), von wenigen Ordnern verstärkt, so dass Sichtkontakt zwischen den Fans bestand." Ein verhängnisvoller Fehler, wie sich kurze Zeit später zeigen sollte.

Banner-Diebstahl mündet in brutaler Selbstjustiz

Als nämlich die Polizei zum Ort des Geschehens ausrückte, nutzten andere Lübecker Anhänger die Situation, um mehrere Banner aus dem Tribünenbereich der Hamburger Fans zu klauen. Das kommt in Ultra-Kreisen etwa so gut an, als wenn man einem Polizisten den Streifenwagen vor der Nase entwendet, darf aber nicht als Entschuldigung für den anschließenden Gewaltexzess herhalten. So sieht es auch der Verein, der gerne in der Vergangenheit seine Anhänger als durchweg friedlich glorifiziert hat: "Der FC St. Pauli stellt nicht in Abrede, dass ein Teil seiner Fans im späteren Verlauf der Auseinandersetzungen überreagiert hat und dass es hierbei zu Straftaten gekommen ist."

Was sich in den folgenden knapp zwei Stunden in und um die Halle herum abspielte, waren chaotische Zustände mit 75 Verletzten. Gewaltbereite Anhänger des FC St. Pauli versuchten nun ihrerseits, den Banner-Diebstahl durch Selbstjustiz zu klären, während die 200 eingesetzten Polizisten die rivalisierenden Gruppen quer durch die Halle jagten. "Es gab in diesen Minuten keinerlei Informationen des Veranstalters oder der Polizei mit Aufforderungen oder Handlungsanweisungen", bemängelt der FC St. Pauli.

Zudem sprechen mehrere Augenzeugen von einem übertriebenen Polizeieinsatz und kritisierten, dass die Sicherheitskräfte Pfefferspray in der Halle einsetzten, gleichzeitig aber flüchtende Besucher am Ausgang behinderten. Laut Erklärung des FC St. Pauli sei beispielsweise ein 20-Jähriger, der zur Toilette wollte, "von einem Beamten mittels Quarzhandschuh o.ä. bewusstlos geschlagen" worden. In der "Hamburger Morgenpost" berichtete ein Fan, wie er von einem Polizeihund gebissen wurde. Anschließend habe man ihn mit Reizgas besprüht und mit einem Kabelbinder gefesselt. Erst nach 20 Minuten habe er den Biss im Oberschenkel von Sanitätern behandeln lassen dürfen.

Die Polizei rechtfertigte ihren Einsatz: "Wir haben die Situation gehabt, dass ein Großteil sehr aggressiver Fans des FC St. Pauli weiterhin Auseinandersetzungen gesucht hat, im gesamten Hallenbereich, auch mit der Polizei", sagte Einsatzleiter Robert Golz dem Sender Sky Sport News. Die Beamten setzten Schlagstöcke und Reizgas ein. "Dabei sind zum Teil auch Unbeteiligte durch Pfefferspray verletzt worden", räumte Golz ein.

"Handwerkliche Fehler in der Planung"

Am Ende war die Eskalation dermaßen heftig, dass die Veranstalter das Turnier abbrachen und den zweiten Spieltag ersatzlos strichen. "Der FC St. Pauli ist der Ansicht, dass der Beginn der Auseinandersetzungen auch durch handwerkliche Fehler in Planung und Durchführung seitens des Veranstalters und der Polizei ermöglicht wurde", heißt es in der Erklärung.

Davon will man beim Veranstalter nichts wissen. "Das war organisierte Kriminalität. Wir hatten im Vorfeld weder von der Polizei noch vom VfB Lübeck Informationen darüber, dass gewaltbereite Hooligans kommen würden", sagte Peter Sander, der für die Pressearbeit des Traditionsturnieres zuständig ist. Neben einem Imageschaden sind auch die wirtschaftlichen Folgen verheerend. Viele Fans verlangen ihr Eintrittsgeld zurück, zudem kommen Forderungen der Sponsoren.

Ein Szenario, das unter Umständen hätte verhindert werden können. Statt den verfeindeten VfB Lübeck einzuladen, hätte man das Turnier auch mit Teams auffüllen können, die mit dem FC St. Pauli befreundet sind, um derlei Konflikte zu vermeiden, hält ein Anhänger in seinem Blog dagegen. Der sportliche Wert des Turniers tendiert ohnehin gegen Null, seit der HSV nicht mehr regelmäßig an der Veranstaltung teilnimmt.

Schon zu Zeiten, als beide Hamburger Teams noch an der Veranstaltung teilgenommen haben, war es immer wieder zu Ausschreitungen gekommen. Einmal wurde sogar eine Leuchtrakete in der Halle abgefeuert. Damals sicherte eine weit größere Anzahl Polizisten das Turnier ab.

"Abgesehen vom wirtschaftlichen Schaden für die Veranstalter dieses Turniers wird es in Zukunft schwer, unter solchen Voraussetzungen Sponsoren für derartige Veranstaltungen zu gewinnen", sagte Dirk Fischer, Chef des Hamburger Fußball-Verbandes. Vieles spricht daher dafür, dass es der letzte Cup dieser Art in Hamburg war.



insgesamt 47 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Herr Hold 09.01.2012
1. Unglaublich
Zitat von sysopPolizisten jagten Fans quer durch die Sporthalle, insgesamt gab es 75 Verletzte:*Nach der Gewaltorgie beim Hallenturnier in Hamburg sieht der FC St. Pauli eine Mitschuld beim*Veranstalter und bei den Beamten.*Die Schilderungen von Augenzeugen sind dramatisch, das Turnier steht vor dem Aus. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,808084,00.html
so, so. Da haben also Fans den Fans der gegnerischen Mannschaft ein Banner weggenomnen.Klar rastet man da aus und startet Eine Massenschlägerei.Warum das der Veranstalter und die Polizei im Vorfeld nicht berücksichtigt haben? Unverständlich. Mein Neffe rastet rehpgelmässig aus wenn ihm jemand was wegnimmt.Gut, er ist vier Jahre, ist aber im Prinzip das Gleiche.Oder?
homeuser 09.01.2012
2. Frage der Mannschaften
Zitat von sysopPolizisten jagten Fans quer durch die Sporthalle, insgesamt gab es 75 Verletzte:*Nach der Gewaltorgie beim Hallenturnier in Hamburg sieht der FC St. Pauli eine Mitschuld beim*Veranstalter und bei den Beamten.*Die Schilderungen von Augenzeugen sind dramatisch, das Turnier steht vor dem Aus. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,808084,00.html
Einfach nur Arm der komplette FC St. Pauli. Bevor hier auf Fußball an sich eingebasht wird: Es gibt zahlreiche Mannschaften bei denen von absoluten Randerscheinungen abgesehen die Spiele absolut friedlich ablaufen (das betrifft fast alle Bundesliga-Vereine). Die Mannschaften die sich durch in der Mehrzahl hirnlose, randalierende Fans auszeichnet sind doch primär: Dresden, Rostock und sonstige Ost-Clubs. St Pauli, Eintracht Frankfurt und z.T. Herta BSC. Bei Gladbach, Dortmund, HSV, Bayern etc. - nichts. Klar mag es da am Rande immer mal irgendwelche Rangeleien geben und auch eine geringe Zahl Gewaltbereiter, die gibt es aber eben auch bei jedem sonstigen "Volkfest" bei den 50.000 Menschen und mehr auf einem kleinen Fleck sind. Aber das was bei St Pauli und den Ost-Clubs usw. passiert hat System - da sind einfach die Mehrzahl der Fans gewaltsuchende, asoziale und idiotische Individuen.
laribum 09.01.2012
3. Ironie?
Zitat von homeuserEinfach nur Arm der komplette FC St. Pauli. Bevor hier auf Fußball an sich eingebasht wird: Es gibt zahlreiche Mannschaften bei denen von absoluten Randerscheinungen abgesehen die Spiele absolut friedlich ablaufen (das betrifft fast alle Bundesliga-Vereine). Die Mannschaften die sich durch in der Mehrzahl hirnlose, randalierende Fans auszeichnet sind doch primär: Dresden, Rostock und sonstige Ost-Clubs. St Pauli, Eintracht Frankfurt und z.T. Herta BSC. Bei Gladbach, Dortmund, HSV, Bayern etc. - nichts. Klar mag es da am Rande immer mal irgendwelche Rangeleien geben und auch eine geringe Zahl Gewaltbereiter, die gibt es aber eben auch bei jedem sonstigen "Volkfest" bei den 50.000 Menschen und mehr auf einem kleinen Fleck sind. Aber das was bei St Pauli und den Ost-Clubs usw. passiert hat System - da sind einfach die Mehrzahl der Fans gewaltsuchende, asoziale und idiotische Individuen.
Bei Dortmund nichts? Bei Bayern nichts? Ich lach mich tot!
benji030 09.01.2012
4. ...
Zitat von sysopPolizisten jagten Fans quer durch die Sporthalle, insgesamt gab es 75 Verletzte:*Nach der Gewaltorgie beim Hallenturnier in Hamburg sieht der FC St. Pauli eine Mitschuld beim*Veranstalter und bei den Beamten.*Die Schilderungen von Augenzeugen sind dramatisch, das Turnier steht vor dem Aus. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,808084,00.html
Die Sperre bestand also "nur" aus einem Hamburger Gitter und einigen Ordnern? Wie hätte sie denn nach Meinung der St.Paulis ausgesehen? 2m Stacheldrahtzaun und Selbstschussanlagen? Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass umso mehr Polizei und Sicherheitsdienst an Gegenmaßnahmen einbringen, die Leute genervter und aggressiver werden. Und wer ein Hamburger Gitter überwindet der will randalieren und lässt sich insofern von keinem anderen üblichen Mittel zurückhalten. Mehr Personal kostet Geld. Und wenn dadurch Eintrittskarten teurer werden will das auch keiner.
schlammschlacht 09.01.2012
5.
Zitat von homeuserEinfach nur Arm der komplette FC St. Pauli. Bevor hier auf Fußball an sich eingebasht wird: Es gibt zahlreiche Mannschaften bei denen von absoluten Randerscheinungen abgesehen die Spiele absolut friedlich ablaufen (das betrifft fast alle Bundesliga-Vereine). Die Mannschaften die sich durch in der Mehrzahl hirnlose, randalierende Fans auszeichnet sind doch primär: Dresden, Rostock und sonstige Ost-Clubs. St Pauli, Eintracht Frankfurt und z.T. Herta BSC. Bei Gladbach, Dortmund, HSV, Bayern etc. - nichts. Klar mag es da am Rande immer mal irgendwelche Rangeleien geben und auch eine geringe Zahl Gewaltbereiter, die gibt es aber eben auch bei jedem sonstigen "Volkfest" bei den 50.000 Menschen und mehr auf einem kleinen Fleck sind. Aber das was bei St Pauli und den Ost-Clubs usw. passiert hat System - da sind einfach die Mehrzahl der Fans gewaltsuchende, asoziale und idiotische Individuen.
St.Pauli ist eben nur noch der Club der zugezogenen, in Hamburg lebenden, Provinzler. Waschechte St.Paulianer gehen inzwischen lieber zu Altona 93 weil der Fc St. Pauli nicht mehr zu ertragen ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.