Matchwinner Klose Spätzünder entzückt Klinsmann

Vom Chancentod zum entscheidenden Mann: Miroslav Klose vergab gegen Dortmund reihenweise gute Möglichkeiten, doch dann bescherte er Bayern München den Sieg - mit einem Doppelpack. Der Last-Minute-Erfolg war eine starke Warnung an die Konkurrenz.

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Hamburg - Keine Frage, die entscheidenden Tore kurz vor Schluss sind eine Spezialität des FC Bayern. Und auch über das Vorrecht auf die spektakuläre Schlusspointe gab es zuletzt keine Zweifel: Es war dem Münchner Stürmer Luca Toni vorbehalten, den gegnerischen Spielern in den letzten Sekunden die Früchte ihrer Arbeit zu rauben. Zuletzt glückte Toni dieses Kunststück am 16. Spieltag, als er in der Nachspielzeit das 2:1 gegen Spitzenreiter Hoffenheim erzielte.

Daher dürfte es die meisten der 69.000 Zuschauer in München überrascht haben, dass Trainer Jürgen Klinsmann am Sonntag gegen Dortmund den Italiener in der 72. Minute auswechselte - und nicht dessen Sturmpartner Miroslav Klose.

Nach Toren von Nelson Valdez (2. Minute) und Zé Roberto (24.) stand es 1:1, und die Münchner hatten zahlreiche erstklassige Möglichkeiten ausgelassen. Allen voran Klose, der gleich dreimal frei vor BVB-Torwart Roman Weidenfeller versagte. Einmal per Kopf (17.) und zweimal mit Schüssen aus kurzer Distanz (21./27.).

Toni dagegen blieb unauffällig, und eigentlich ist gerade das ein Kriterium für den späten Erfolg: 80 Minuten lang untertauchen und dann in der Schlussphase zuschlagen. Doch Klinsmann entschied sich gegen Toni und schenkte dem langsam verzweifelnden Klose noch eine Chance.

"Das sind Momente, in denen entscheidet man aus dem Bauch heraus. Miro sah noch frisch aus. Eine Gefühlssache", erklärte Klinsmann seine Wahl.

Acht Minuten später dürfte Klinsmann seine Entscheidung schon wieder bereut haben: Völlig frei kam Klose am Fünfmeterraum ins Spiel, er hätte den Ball nur noch an Weidenfeller vorbei ins Eck drücken müssen. Doch Kloses Abschluss geriet zu harmlos, der BVB-Schlussmann (79.) konnte die nächste Großchance der Münchner vereiteln.

In diesem Moment müssen zynischen Beobachtern Zweifel gekommen sein, ob die Bayern jemals wieder zuverlässig das Tor treffen würden. Schon am vergangenen Spieltag beim HSV hatten sie beste Chancen ausgelassen und 0:1 verloren. Und das, obwohl die Offensive um Franck Ribéry teilweise Angriffsfußball auf höchstem Niveau zelebriert hatte.

Das war auch gegen Dortmund der Fall, doch dieses Mal wurden die Münchner belohnt - weil Klose den Toni machte und in den Schlussminuten mit einem Doppelpack (87./92.) für den 3:1-Erfolg sorgte. "Es zeichnet mich aus, dass ich immer an meine Chance glaube", sagte der Matchwinner nach der Partie.

Wie wichtig die Tore für seinen Club waren, zeigt ein Blick auf die Tabelle: Nur noch einen Punkt rangieren die Münchner hinter Spitzenreiter Hoffenheim. Die Konkurrenz aus Hamburg, Berlin und Leverkusen haben sie erst einmal hinter sich gelassen. Keiner der vier Mitbewerber um die Meisterschaft konnte am Wochenende gewinnen. "Es war ein guter Spieltag für uns. Wichtiger als meine Tore war es, dieses Spiel zu gewinnen", so Klose.

Beinahe hätte er dazu wenig besteuern können: In der 25. Minute hatte BVB-Profi Kevin-Prince Boateng den am Boden liegenden Klose aufs Bein getreten - ob absichtlich oder nicht, muss jetzt das DFB-Sportgericht nachträglich aufgrund der TV-Bildern bewerten, da Schiedsrichter Michael Kempter die strittige Situation nicht gesehen hatte.

"Nie und nimmer ist Boateng mit Absicht auf Kloses Bein gesprungen", sagte Dortmunds Trainer Jürgen Klopp. "Sollte seitens des DFB in dieser Hinsicht etwas passieren, verstehe ich die Welt nicht mehr."

Klose beurteilte die Situation anders. Auf die Frage, ob er Boateng Absicht unterstelle, erklärte der Münchner: "Ja. Ich habe die Reaktion des Spielers gesehen. Ich sehe, wie er sich verhält, bei der Aktion und danach."

Eine Sperre für Boateng, der in der Winterpause aus Tottenham gekommen war, wünsche er sich allerdings nicht, so Klose weiter. Für rachsüchtige Gedanken war die Laune des Nationalspielers viel zu gut. Welch befreiende Wirkung sein Tor zum 2:1 hatte, machte der anschließende Jubel deutlich: Die Fäuste geballt, der Mund weit aufgerissen, rutschte er auf beiden Knien in Richtung Eckfahne.

Auch Klinsmann zeigte sich am Spielfeldrand gänzlich enthemmt, der 44-Jährige sprang wild umher und warf die Fäuste durch die Luft. Zu häufig sollte sein Team ihm solche anstrengenden Last-Minute-Erfolge nicht zumuten. "Ich bin völlig zufrieden", gab sich Klinsmann nach dem Abpfiff dann wieder ganz gelassen.

Der ehemalige DFB-Teamchef verstand die Vorstellung gegen Dortmund als Warnung an die Konkurrenz. Wenn die Münchner in den kommenden Wochen ähnlich gut spielen und dazu die Chancenauswertung verbessern, dürften sie tatsächlich kaum zu schlagen sein. Klinsmann gab schon einmal die Losung für die nächste Zeit aus: "Wir wollen so schnell wie möglich oben an Hoffenheim vorbei - oder an wem auch immer."

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