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13. Februar 2019, 16:26 Uhr

Spurs-Trainer Pochettino

Der Urenkel des Sheriffs

Von , London

Mauricio Pochettino hat Tottenham Hotspur zu einem Spitzenteam gemacht. Längst befindet sich der Argentinier im Fokus zweier europäischer Topklubs, denen ein radikaler Wandel vorschwebt.

Genau genommen muss heute Abend ja erst noch gespielt werden. Aber dieses Detail ändert auch nichts mehr daran, dass dieses Champions-League-Achtelfinale für Tottenham Hotspur nicht ideal verlaufen ist. Denn nach dem 0:2 von ManUnited gegen Paris Saint-Germain am Dienstag wird sie unweigerlich wieder hochkochen, die große Diskussion um Mauricio Pochettinos Wechsel ins Old Trafford.

Manchester United hatte sich nach elf Spielen ohne Niederlage unter Ole Gunnar Solskjær gerade langsam mit dem Gedanken angefreundet, den Interimstrainer mit einem langfristigen Vertrag auszustatten. Der joviale Norweger persönlich hatte auch wenig Schuld an dem Misserfolg gegen die deutlich bessere Elf von Thomas Tuchel.

Der Klassenunterschied verdeutlichte jedoch Uniteds Abstand zur europäischen Elite. Um Anschluss an absolutes Topniveau zu bekommen, braucht der seit Alex Fergusons Rücktritt im Frühjahr 2013 sportlich orientierungslos vor sich hindriftende Rekordmeister nicht nur mehr Qualität auf dem Platz, sondern auch einen transformativen Teamchef, der Kraft seiner Spielidee und Menschenführung den ganzen Verein in Schwung bringen kann. Einen wie Pochettino, mit anderen Worten.

Im Fußball hängt alles zusammen

Der 46-Jährige Argentinier aus Murphy, Santa Fe - sein Urgroßvater war der Sheriff des von irischen Einwanderern gegründeten Städtchens in der Pampa - coacht in Nordlondon seit 2014 laut eigenen Angaben nach der Maxime der "energía universal": Er glaubt fest daran, dass im Fußball alles miteinander verbunden ist und sich viele kleine positive Impulse gegenseitig verstärken. Ihm gelang das Kunststück, mit relativ wenig Geld und vielen jungen Spielern eine Mannschaft aufzubauen, die beständig an, wenn nicht gar knapp über ihrem Limit spielt.

In der laufenden Spielzeit steuern die Männer mit dem Gockel im Wappen zum vierten Mal in Folge auf einen Platz unter den ersten Drei zu. Diese Konstanz ist angesichts des nur sechstgrößten Personaletats auf der Insel (148 Millionen Euro im Kalenderjahr 2017) höher einzuschätzen als ein etwaiger Erfolg in den nationalen Pokalwettbewerben. Sie ist dank der damit verbundenen Gelder aus der Champions League (61 Millionen Euro im vergangenen Jahr) auch die größte Triebfeder für den Aufstieg der lange als launische Versager belächelten Spurs zum Meisterschaftskandidaten. Die Millionen der Uefa ermöglichten es Geschäftsführer Daniel Levy, Stars wie Harry Kane und Dele Alli (beide gegen Dortmund verletzt) mit üppigen Gehaltserhöhungen zu halten.

"Trophäen sind gut fürs Ego, aber sie bringen dich nicht auf den nächsten Level", hat Pochettino die Gesetzmäßigkeiten des modernen Fußballs zusammengefasst, gegen die auch die stärkste Universalenergie auf Dauer wenig auszurichten vermag: "Am wichtigsten für die Spurs ist, wieder unter die ersten Vier zu kommen." Da in der Königsklasse in diesem Jahr deutlich höhere Beträge ausgezahlt werden, könnte seine Elf mit dem Einzug ins Viertelfinale knapp 100 Millionen zusätzlich einnehmen, und damit erstmals seit zwei Jahrzehnten die Lokalrivalen des FC Arsenal in der Umsatztabelle überholen. Die "Gunners" müssen sich mit der weniger lukrativen Europa League zufriedengeben und dürfen wohl auch im nächsten Jahr nur am ungeliebten Donnerstag das Flutlicht einschalten.

Königliches Interesse an Pochettino

Die Frage ist nur, wie lange sich der ehemalige Profi von Espanyol mit Erfolgen der betriebswirtschaftlichen Art zufriedengeben wird. Der Neubau der Heimspielstätte hat sich wegen Verzögerungen auf knapp eine Milliarde Euro verteuert, die gesteigerten Kosten werden dem sich selbst tragenden Verein noch Jahre anhängen und Möglichkeiten auf dem Transfermarkt beschränken. Als einziger Klub in Europa verpflichtete Tottenham keinen neuen Spieler für die laufende Saison. Um aber die Liga zu gewinnen, müssten die ultrasparsamen Spurs "einen anderen Weg" einschlagen, mahnte "Poch" kürzlich dezent an.

Wenn es heute Abend abermals unglücklich ausgeht - und Real Madrid nicht gegen Ajax überzeugt - wird die Verlockung eines Ortswechsels für den einflussreichsten Spurs-Trainer der Neuzeit noch bedeutend größer werden. Die Königlichen sehnen sich ja ebenfalls nach einem großen Erneuerer auf der Bank. Pochettino wird sich entscheiden müssen, ob er den Kampf gegen das finanzielle Ungleichgewicht in Liga und Europa weiter kämpfen will, oder nicht doch lieber zu einem "blue chip"-Unternehmen wechselt, das seinem Status als aufkommende Spitzenfachkraft entspricht.

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