Bremens Maximilian Eggestein Der Jungstar, der seine Mitspieler besser macht

Maximilian Eggestein ist mit seinen Fernschuss-Toren Werders Shootingstar. Noch wichtiger als seine Treffer ist seine Mannschaftsdienlichkeit. Sie könnte ihn gerade für Joachim Löw interessant machen.

Maximilian Eggestein (M.)
imago/ Chai v.d. Laage

Maximilian Eggestein (M.)

Von Tobias Escher


Als Bremens Maximilian Eggestein in der 43. Minute den Ball am Schalker Strafraum erhält, weiß jeder Werder-Fan, was nun folgen wird. Mit einem kurzen Kontakt legt er sich den Ball vom linken auf den rechten Fuß. Noch während der Ball rollt, zieht er bereits sein Schussbein zurück. Der Schuss landet unhaltbar im Tor.

Eggestein, 21, trifft im Moment, wie er will. Vier Tore erzielte der Mittelfeldspieler in dieser Saison, eins davon sehenswerter als das nächste. Gäbe es Haltungsnoten im Fußball, Eggestein würde für seine Schusstechnik Bestnoten erhalten. Der 2:0-Siegtreffer gegen Schalke gelang ihm sogar mit seinem schwächeren linken Fuß. Doch auch wenn Eggestein aktuell in erster Linie für seine Tore gefeiert wird: Seine Stärken liegen eigentlich in Bereichen, die nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind. Er hilft mit seinen Laufwegen, seine Mitspieler in Szene zu setzen.

Noch vor wenigen Monaten maß sich Eggesteins Wert für die Mannschaft nicht an Toren, sondern an seiner Laufleistung. In der vergangenen Saison spulte kein Bundesliga-Akteur mehr Kilometer ab als Eggestein. Das Laufwunder stopfte Lücken für seine Mitspieler, störte den Gegner immer wieder aggressiv, machte manches Mal auch unnötige Laufwege.

An Kondition hat er in dieser Saison nichts eingebüßt. Noch immer steht er mit etwas mehr als zwölf Kilometern pro Partie auf Rang drei der Tabelle der laufstärksten Spieler. Doch unter Trainer Florian Kohfeldt folgt der Mittelfeldspieler klareren Vorgaben, was Laufwege und Raumbesetzung angeht.

Innerhalb von Bremens 4-3-3-System sollen die offensiven Mittelfeldspieler ihre Kollegen unterstützen. Immer wieder starten Eggestein und sein Kollege Davy Klaassen aus dem Mittelfeld nach vorne, immer wieder drücken sie damit die gegnerischen Mittelfeldreihen nach hinten. Sobald der Ball zu den Außenverteidigern geht, bieten sie sich auf den Flügeln als Partner für einen Doppelpass an. Sie sollen in erster Linie nicht selbst Chancen kreieren, sondern Freiräume für ihre Mitspieler schaffen. Das gelingt ihnen dank ihrer enormen Laufleistung.

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Diese unterstützende Rolle passt zu Eggestein. Trotz seiner tollen Schusstechnik ist er kein Edeltechniker. Sein erster Kontakt ist manches Mal schlampig, seinen Pässen fehlt häufig das Timing. Das zeigt auch der SPIX: Wenn Eggestein nicht gerade mit seiner Torgefahr brilliert, sind seine Werte eher durchschnittlich. Kein Wunder: Eggestein legt kaum Torchancen für sein Team auf, spielt wenige Pässe im letzten Drittel. Diese Werte gewichtet der SPIX bei offensiven Mittelfeldspielern besonders hoch, schließlich ist das Kreieren von Torchancen eigentlich die Hauptaufgabe eines offensiven Mittelfeldspielers.

Die besten offensiven Mittelfeldspieler der Saison

Nicht so bei Eggestein. Wenn er hinter die gegnerische Abwehr sprintet, dann nicht aus Eigennutz, sondern um Räume zu öffnen für Stürmer Max Kruse oder für die Außenverteidiger. Gerade Theodor Gebre Selassie profitiert von Eggesteins Laufwegen. Der Rechtsverteidiger weist sehr hohe Werte vor im Bereich der Chancenkreation.

Ob Eggestein mit dieser Mannschaftsdienlichkeit auch der Nationalmannschaft helfen kann? Laut "Bild" soll Bundestrainer Joachim Löw Eggestein beobachten. Die Konkurrenz im DFB-Mittelfeld aber ist ihm technisch eine Klasse voraus. Ilkay Gündogan, Toni Kroos, selbst Gladbachs Senkrechtstarter Jonas Hofmann: Sie alle können dank ihrer Passtechnik aus dem Nichts Chancen kreieren. Das ist nicht Eggesteins Spezialität. Vielleicht fehlt aber gerade solch ein Spielertyp der deutschen Elf: Jemand, der mit seinen Laufwegen im Mittelfeld Räume öffnet für all die Edeltechniker.

Und dann wären da natürlich noch seine Fernschüsse. Mit ihnen ist er aktuell Werders Lebensversicherung. So spielstark sich die Bremer derzeit zeigen: Ihre große Schwäche ist das Kreieren von Torchancen. Oft versandet ihr gutes Aufbauspiel, sobald sie in die gegnerische Hälfte gelangen. Gegen Schalke hatte Werder gerade einmal fünfzehn Ballkontakte im gegnerischen Strafraum vorzuweisen. Ein Sieg gelang trotzdem - dank Eggesteins Fernschüssen.

Eine Mannschaft, die Spiele zwar dominiert, aber kaum Gefahr im gegnerischen Strafraum ausstrahlt? Fans der deutschen Nationalmannschaft kennen das nur allzu gut.

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insgesamt 6 Beiträge
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YoRequerrosATorres 23.10.2018
1. Interessant für Löw?
Ich will ja keinen Grundgesetzverstoß begehen, aber spielt der denn auch für Bayern? Nee, nicht? Löw hat doch den null-Tore-null-Vorlagen Mann Uth berufen und Kramer, Hofmann, Neuhaus von BMG, den ein oder anderen Augsburger und viele andere gute Leute konsequent ignoriert, die allesamt in guter Form sind. Wieso sollte er denn bei Eggestein dann plötzlich hinsehen wollen?
tomkey 23.10.2018
2. Löw ändert sich?
Löw wird solche Spieler wie Eggestein wohl erst nominieren, wenn er auf Grund des öffentlichen Drucks nicht mehr an ihnen vorbei kann. Siehe seine schlechte WM-Analyse und die daraus erfolgten Spiele gegen Frankreich, Peru und die Niederlande.
spon1899 23.10.2018
3.
Mir fällt eine Verteidigung von Löw langsam auch schwer. Eggestein wird sicherlich mal nominiert werden, aber ein seit Jahren bei Werder starker Max Kruse wird ignoriert. Der ist sicher besser als ein Draxler, Uth und seit einem Jahr auch als ein Müller.
aurichter 23.10.2018
4. Dieser Artikel
mit den direkt und indirekten Vergleichen zu ME, wie auch zum SVW ist mir zu konfus. Werder hat mit den Spielern endlich zum passenden und erfolgreichen System gefunden. Ich hoffe, dass Werder damit in nächster Zeit noch reichlich Punkte einfährt, um evtll in der nächsten Saison in Europa zu spielen. Nicht zwingend, aber wäre, gerade für den Norden mit den zahlreichen Fans, doch sehr schön, wenn auch Mal wieder ein internationaler Flair an der Weser weht. Das "traditionell" Spieler aus dem Norden der Bundesliga Republik eher selten berücksichtigt werden in der Nationalmannschaft, dies weiss man nicht erst seit heute oder gestern, hat wohl etwas mit Kurzsichtigkeit und Nebel an der Küste zu tun. Bei der Ignoranz hätte das Sprachrohr aus dem Süden bereits Zeter und Mordio geschrien, der Norden ist da "traditionell" zu bescheiden und ruhig.
gerechtzz 24.10.2018
5.
Bei jedem Titelgewinn der NM 90, 96, 14 waren geborene Nordlichter Stützen des Teams: Andi Brehme, Dieter Eilts, Per Mertesachker. Das es nicht mehr sind liegt vielleicht daran, dass Werder mit anderen Nationalitäten erfolgreich war. Im Gegensatz dazu der VfB 2007: Khedira, Hitzelsberger, Gomez, Cacau.
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