VfB-Coach kontert Scholl-Kritik "Das ist grenzwertig, und das weiß er auch"

Trainer verbieten Kreativität, der Verband betreibt "Gehirnwäsche": Die Generalkritik von Mehmet Scholl hatte es in sich. Einige der Betroffenen haben nun reagiert.

Mehmet Scholl
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Hannes Wolf vom Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart hat die Generalkritik des früheren Nationalspielers Mehmet Scholl an seiner Trainergeneration zurückgewiesen. "Ich mag ihn sehr, seine Kreativität, seinen Humor. Aber dass er sich als Ex-Profi über Trainer stellt, die selbst keine Profis waren, ist grenzwertig. Und ich glaube, das weiß er auch", sagte Wolf nach dem 0:2 (0:1) des VfB gegen Bayer Leverkusen am Freitagabend.

Scholl hatte in seiner Radiosendung im Bayerischen Rundfunk die sogenannten "Systemtrainer" wie Wolf oder Domenico Tedesco (Schalke 04) kritisiert. "Die Tedescos, die Wolfs - sie sprießen aus dem Boden, und der deutsche Fußball wird sein blaues Wunder erleben", hatte er gesagt.

Diese Trainer seien "nicht wirklich an den Menschen interessiert". Letztlich werde deshalb ganz oben nur noch "eine weichgespülte Masse ankommen, die erfolgreich sein, aber niemals das Große gewinnen wird", sagte Scholl. Die Trainerausbildung in Deutschland hält der 46-Jährige für "Gehirnwäsche": "Die Kinder müssen abspielen, sie dürfen sich nicht mehr im Dribbeln ausprobieren. Sie bekommen auch nicht mehr die richtigen Hinweise, warum ein Pass oder ein Dribbling nicht gelingt. Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärts laufen und furzen."

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Mehmet Scholl: Vom Fußballplatz auf die Flimmerkiste

DFB-Chefausbilder Frank Wormuth sagte der "Bild": "Inhaltlich entbehren diese Aussagen jeglicher Grundlage. Ich sehe nur einen Hilferuf eines Enttäuschten." Scholl, der nach seiner Karriere vor allem als TV-Experte in Erscheinung trat, hat auch selbst als Trainer gearbeitet. Zwischen 2008 und 2013 war er in den Jugend- und Reservemannschaften von Bayern München tätig. Danach hatte der Ex-Bayern-Star allerdings keinen Job als Trainer gefunden. Seine Zeit als ARD-Experte endete im vergangenen August, nachdem Scholl sich geweigert hatte, über Doping im russischen Fußball zu sprechen.

Wolf, 36, besuchte einst gemeinsam mit Scholl den Trainerlehrgang und nannte den ehemaligen Bayern-Star einen "offenen Typen mit vielen Ideen". Hier könne er Scholl aber nicht folgen. "Ich finde schon, dass der deutsche Fußball gute Spieler hervorgebracht hat, seit es Nachwuchsleistungszentren gibt", sagte er. Auch VfB-Sportchef Michael Reschke konterte Scholl: "Das ist Unsinn. Ich hoffe, dass er selber weiß, was für eine Grütze er da erzählt hat."

mon/sid



insgesamt 48 Beiträge
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Bueckstueck 09.12.2017
1. Scholl baut sich ein Problem
Statt jetzt bewerten zu wollen ob er recht hat, teilweise richtig liegt oder kreuzfalsch daneben liegt, möchte ich lieber darüber schreiben wie Scholl sich mit seinen verbalen Übertreibung selbst ein Glaubwürdigkeitsproblem bastelt. Denn er macht es den Adressaten leicht vom Kern der Botschaft abzuweichen und sich über deren Verpackung zu echauffieren - das hat man an diesen Reaktionen wieder gesehen. Die Funktionäre von DFB und VfB schiessen ähnlich und fast beleidigend zurück während Wolf freundlich und höflich bleibt, aber Scholl eine Aussage in den Mund legt, etwa indem er sagt, er glaube sehr wohl daran das es gute Fussballer gibt. Scholl hat dabei nur gesagt, dass sie Erfolg haben werden aber nicht den ganz Grossen. Man wird sehen ob das stimmt, aber er behauptet keineswegs das es keine guten Fussballer gibt und geben wird. Scholl sollte seine Thesen weniger durch Effekthascherei promoten sondern durch klare fundierte Aussagen. Es ist nämlich wichtig, dass es eine Debatte über die Zukunft der Ausbildugn von Trainern und Spielern gibt. Aber so wird das nix, so wird die Sau ein paar Tage durchs Dorf getrieben bis die Medien damit durch sind und weiter gehts im gewohnten Trott.
goat777 09.12.2017
2. Teilweise hat er Recht
Scholl hatte zwar keinen all zu großen Erfolg als Trainer, den hatte aber Wormuth genauso wenig. Die "Erfolge" der Jahrgangsbesten der Tainerausbildung sprechen ja für sich und auch für Scholls These.
Seraphan 09.12.2017
3.
Ich bin weder Trainer noch war ich mal Bundesligaspieler. Ich kann also keine Erfahrung einbringen. Wir kennen Mehmet Scholl als Dampfplauderer mit mehr Tiefgang und Hintergrund als bei anderen seiner Art. Seine Aussage unreflektiert mit einer persönlichen Attacke "Ich sehe nur einen Hilferuf eines Enttäuschten." zu beantworten, macht den DFB weder sympathischer noch professioneller. Ich kann Scholl's Aussage nachvollziehen, wenn es tatsächlich so ist, dass ein Pass dem Dribbling vorgezogen werden soll. Fußball lebt von Ideen, und viele Spiele werden durch individuelle Aktionen entschieden. Mir ist die Nationalmannschaft auch zu weich gewaschen, auch wenn sie Weltmeister ist. Sie kann in 99% der normalen Partien bestehen, aber es fehlen mir die Prozente über 100, die andere Mannschaften aufbringen können, wenn es um etwas geht. Dies hat uns seit 2006 viele Titel gekostet.
Franke aus Hamburg 09.12.2017
4. Scholl hat...
... Recht und wieder auch nicht. Richtig ist, dass schön anzusehende Dribblings Piel aussterben wird. Richtig ist aber auch, dass dem Spiel mit einstudierten Systeme die Zukunft gehören wird. Gucke ich in die Glaskugel, dann sehe ich in den Profiligen One-Touch-Fußball mit einer Fehlpassquote von 10 Prozent. Da dribbelt keiner mehr.
kalsu 09.12.2017
5. Scholls Kritik
"Danach hatte der Ex-Bayern-Star allerdings keinen Job als Trainer gefunden." - Woher wie der Verfasser das denn wissen? Schon mal überlegt, das es auch sein kann, dass der Scholl gar nicht danach gesucht hat? Der hatte doch genug zutun. "Scholl sich geweigert hatte, über Doping im russischen Fußball zu sprechen." ist auch nur die halbe Wahrheit. Scholl ist schließlich Fußball- und kein Doping-Experte. Und ich bin sicher, dass er sich dazu äußern würde - vielleicht bei Anne Will, Sandra Maischberger oder Maybritt Illner - aber eben nicht als Fußballexperte bei einer Länderspiel-Übertragung. So ganz falsch liegt er mit seiner Kritik auch nicht. Wie sieht ein Fußball-Spiel am Ende aus, wenn die Trainer alle vom Selben gelernt haben, alle das gleiche System spielen und alle die selbe Trainingsmethodik anwenden? Dann sind Stadien werden so zu Fast-Food-Filialen: äußerlich unterschiedlich, drinnen gibt es aber immer die gleiche (schlechte) Kost. Die Mannschaften sind beliebig austauschbar. Jeder Spieler passt zu jeder Truppe und zu jedem Trainer, weil überall das gleiche Stück gegeben wird. Das ist, was gewünscht ist - Uniformität und Austauschbarkeit.
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