Peter Ahrens

DFB und Özil Komplettversagen

Die Reaktion der Nationalmannschaft auf den Rücktritt von Mesut Özil: großes Schweigen. Aber nicht nur das Team gibt ein erbärmliches Bild ab - der DFB hat sämtliche denkbaren Fehler gemacht.
Mesut Özil

Mesut Özil

Foto: Andreas Gebert/ dpa

Diese Affäre ist ein Lehrstück. Ein Lehrstück, wie man es nicht machen sollte. Im Fall Özil-Erdogan-Grindel sind sämtliche denkbaren Fehler gemacht worden, und vielleicht ist das sogar das Gute im Schlechten. Deutlicher konnten all die Versäumnisse, Mängel und Missstände im Deutschen Fußball-Bund nicht offengelegt werden. Die vergangenen drei Monate waren ein Dokument des Komplettversagens eines Verbands. Und einer Nationalmannschaft dazu.

Integration, Zusammenhalt, Teamgeist: Das ist der Anspruch, den diese Mannschaft auf Werbebannern verkündet. Als es aber konkret darum gegangen ist, Stellung zu beziehen, einen Spieler, der sich offensichtlich allein gelassen gefühlt hat, zu unterstützen, war davon nichts zu spüren. Stattdessen: das Schweigen der Männer.

Mesut Özil hat fast zehn Jahre lang für diese Mannschaft gespielt, er hat viel, manche sagen sehr viel, zu den Erfolgen dieses Team beigetragen. Jetzt tritt er zurück, begründet dies mit rassistischen Erfahrungen - und niemand aus dem Führungskreis des Teams nimmt Stellung. Sonst sind sie nicht müde, aus dem Urlaub, Instagram- und Twitter-Posts mit Badehosen-Selfies zu schicken.

Video zum Özil-Rücktritt: Integrationsdebatte ist neu entflammt

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Aber nach dem Özil-Rücktritt meldeten sich bislang Jérôme Boateng, Julian Draxler und Antonio Rüdiger, um sich für die gemeinsame Zeit zu bedanken. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Kein Wort zu den Vorwürfen, weder Rückendeckung noch Distanzierung. Nichts vom Kapitän, nichts von den übrigen Spielern, die mit Özil Weltmeister wurden. Fast wäre man geneigt, Sandro Wagner im Nachhinein recht zu geben, der seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft vor der WM gewohnt vollmundig auch damit begründet hatte, dass es im Team keine Spieler mit einer eigenen Meinung gebe.

Von Joachim Löw ist nichts zu hören

Auch der Bundestrainer ist still. Joachim Löw und Mesut Özil vertrauen beide dem gemeinsamen Beraternetzwerk von Harun Arslan. Es ist schlecht vorstellbar, dass Löw nicht im Vorfeld von der harschen Erklärung seines langjährigen Lieblingsspielers informiert war. Aber auch von ihm ist nichts zu hören, wenn ein Leistungsträger, der die Ära Löw maßgeblich mitgeprägt hat, im Zorn seinen Abschied nimmt. Möglicherweise ist der Bundestrainer ganz froh, wenn sich Präsident und Spieler gegenseitig zum Sündenbock für das WM-Desaster erklären.

So, wie die Mannschaft und der Trainer es vorleben, so lebt der Verband es mit. Der DFB hat von Anfang an die Affäre nicht in den Griff bekommen. Erst jetzt, als es zu spät ist, klingt Selbstkritik durch. Immerhin. Zuvor jedoch hat er die Affäre über Wochen laufen lassen in der Hoffnung, irgendwann würde das kein Thema mehr sein. Der DFB hat all die Alarmzeichen nicht wahrgenommen oder wahrnehmen wollen. Spätestens bei den Pfiffen gegen Ilkay Gündogan beim letzten Testspiel vor der WM hätten alle Sirenen läuten müssen.

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Mesut Özil: Der Rückzug

Foto: Alexander Hassenstein/ Getty Images

All das, was Özil zum Erdogan-Foto am Sonntag erklärt hat, hätte er schon vor dem Turnier tun können - als das Kind erst dabei war, in den Brunnen zu fallen. Beim DFB haben sie ihn jedoch in Ruhe schweigen lassen. Die Medienabteilung war damals zu sehr damit beschäftigt, die Genesungsfortschritte von Torwart Manuel Neuer zu dokumentieren.

Nur der WM-Titel hätte das Thema beenden können

Je länger die Affäre jedoch vor sich hinwaberte, umso mehr verschlimmerte sie sich. Forciert von einer medialen Kampagne, getragen von einer gesellschaftlichen Anti-Stimmung, befördert vom sportlichen Misserfolg in Russland. Wahrscheinlich hätte nur die Titelverteidigung das Thema beenden können. Wenn beim DFB darauf einige spekuliert haben sollten, ist es erst recht fahrlässig gewesen.

Der DFB-Präsident hat, als die Erdogan-Fotos öffentlich wurden, zunächst auf den Tisch gehauen. Danach jedoch hat er die Faust wieder in die Tasche gesteckt und das Blümchengedeck auf den Tisch getan. Als es sportlich in Russland alles schiefgelaufen war, gab Reinhard Grindel plötzlich wieder den Özil-Kritiker. Wer so mäandert, kann für sich nur schwer Glaubwürdigkeit beanspruchen.

Ein Verband ist nur so gut wie seine Führung. Und er ist auch nur so schlecht wie sie.

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