Instagram-Post zu Uiguren Warum Özils Statement so brisant ist

Hat Mesut Özil sich schlicht für eine verfolgte Minderheit ausgesprochen oder doch eine terroristische Organisation unterstützt? Wie wichtig ist China für den FC Arsenal und die Premier League? Die Hintergründe.
Mesut Özil

Mesut Özil

Foto: ANDY RAIN/EPA-EFE/REX

Was ist passiert?

Kurz gesagt: Mesut Özil hat in den sozialen Medien  die Verfolgung der Uiguren und das Schweigen mehrheitlich muslimischer Staaten dazu angeprangert. Sein Verein, der englische Premier-League-Klub FC Arsenal, hat sich von Özils Beitrag distanziert: "Die Inhalte sind Özils persönliche Meinung. Als Fußballklub hat sich Arsenal immer an den Grundsatz gehalten, sich nicht politisch zu engagieren", heißt es in einem Klubstatement, das unter anderem auf der chinesischen Plattform Weibo veröffentlicht wurde. Zuerst hatte der englische "Guardian" darüber berichtet .

Hier finden Sie das Statement von Özil im Wortlaut.

Wer sind die Uiguren?

Die Uiguren sind eine turkstämmige, mehrheitlich muslimische Minderheit aus China. Sie sind seit mehr als tausend Jahren in der Autonomen Region Xinjiang beheimatet, die China seit dem 18. Jahrhundert formal kontrolliert. Schätzungen zufolge leben dort rund elf Millionen Uiguren.

Für Peking ist die an Bodenschätzen reiche Region auch deshalb so wichtig, weil Chinas Vorzeigeprojekt, die Neue Seidenstraße, dort hindurchführt. Seit einigen Jahren versucht China, die Uiguren zu assimilieren, indem gezielt muslimische Bräuche verboten sowie kulturelle und historische Stätten zerstört werden. Experten der Vereinten Nationen vermuten, dass China ein bis zwei Millionen Uiguren in Straflagern in Xinjiang festhalte.

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In China sind offenbar vor allem um den von Özil prominent verwendeten Begriff "Ostturkestan" Diskussionen entbrannt. Warum?

Özil hat seinem Statement durch die Ansprache "Oh Ostturkestan" eine weitere Komponente hinzugefügt, die in Chinas sozialen Medien Furor ausgelöst hat. Ostturkestan ist in China ob der beschriebenen Problematik ein tabuisierter Begriff. Er wird von politischen Gruppen verwendet, die sich für die Unabhängigkeit der Region Xinjiang von China einsetzen. Der Ausdruck hat historische Wurzeln, wird aktuell aber auch mit dem East Turkestan Islamic Movement assoziiert. Diese Bewegung, auch Turkistan Islamic Party genannt, wird in zahlreichen Staaten als terroristische Organisation eingestuft.

Özil lenkt den Blick also einerseits auf das Schicksal der Uiguren und prangert Menschenrechtsverletzungen an. Er tut dies aber, indem er sich an das Volk Ostturkestans wendet. Durch die spezielle Ansprache macht er deutlich, dass es nicht um Uiguren in China allgemein geht, sondern speziell um Uiguren in ihrem eigenen, ihrer Ansicht nach besetzten Land.

Warum sah sich Arsenal zu der Distanzierung gezwungen?

Der chinesische Markt ist sehr wichtig für die Premier League. Chinas Präsident Xi Jinping möchte das Land zur Fußball-Großmacht machen und investiert massiv. Davon profitiert auch die englische Liga. Mit dem chinesischen Streamingdienst PP Sports hat sie den lukrativsten TV-Vertrag im Ausland geschlossen. Die auf drei Jahre angelegte Partnerschaft, die seit dieser Saison läuft, bringt der Liga laut verschiedenen Medienberichten insgesamt 700 Millionen US-Dollar , umgerechnet also knapp 630 Millionen Euro - rund das Zehnfache des vorherigen TV-Vertrags in China.

China ist der größte Auslandsmarkt für die Premier League. Laut Fachleuten ist die Premier League die beliebteste ausländische Liga in China. Mehr als die Hälfte der chinesischen Fußballfans sind demnach auch Fan eines (oder mehrerer) Klubs aus England. Vom Premier-League-Boom in China will auch Arsenal profitieren.

Welche Verbindungen hat Arsenal nach China?

Der Klub war mehrmals zur Saisonvorbereitung in China, zuletzt vor zwei Jahren, als er Testspiele in Schanghai (gegen den FC Bayern) und Peking bestritt. Der Klub hat für den asiatisch-pazifischen Raum ein Büro in Singapur eröffnet und zählt außerdem das chinesische Technologieunternehmen BNN zu seinen Partnern.

"Wir haben eine große und unglaublich leidenschaftliche Fan-Basis in China", sagte vor zwei Jahren Arsenals damaliger Marketingchef Vinai Venkatesham (mittlerweile zum Klub-Direktor aufgestiegen) und verwies auf mehr als fünf Millionen Follower auf Arsenals chinesischen Social-Media-Kanälen.

Im Sommer des vergangenen Jahres eröffnete der Verein die erste eigene Arsenal-Sportbar der Welt - und zwar in Schanghai. "Das Restaurant läuft wirklich gut", sagte Hadrien Perazzini, der für Arsenal den asiatisch-pazifischen Raum betreut, im Januar der "Financial Times"  und kündigte die Eröffnung einer zweiten Bar in China an.

Wie hat sich Arsenal in vergleichbaren Fällen verhalten?

Arsenals Reaktion auf Özils Statement zeigt, wie wichtig für den Klub die guten Beziehungen nach China sind, hat sich der Verein doch gerade erst anders verhalten. Als Außenverteidiger Héctor Bellerín am Tag der britischen Parlamentswahl junge Leute dazu aufrief, wählen zu gehen, und sein Statement auf Twitter mit dem eindeutigen Hinweis #FuckBoris versah, gab es vom Verein keine Reaktion. Es war nicht das erste Mal, dass sich Bellerín kritisch zu Boris Johnson äußerte.

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Welche Auswirkungen kann der Streit haben?

Das ist noch unklar. Es gab jedoch bereits einen ähnlich gelagerten Fall in der nordamerikanischen Basketballliga NBA. Vor einigen Wochen hatte Rockets-Manager Daryl Morey seine Solidarität mit den Demonstranten in Hongkong bekundet und damit den größten Auslandsmarkt der Liga erzürnt. Die Reaktionen aus Peking nahmen derartige Ausmaße an, dass sogar chinesische Großsponsoren der Rockets absprangen. Fanprodukte verschwanden von chinesischen Websites, das Staatsfernsehen CCTV stoppte die Übertragung zweier NBA-Vorbereitungsspiele, eine Wohltätigkeitsveranstaltung der NBA wurde abgesagt.Für eine teils panisch reagierende Liga ging es plötzlich um Millionen.

Wie bei jenem Fall geht es erneut um nationale Einheit und territoriale Integrität, ein Punkt, den China wie keinen anderen mit allen Mitteln verteidigt. Ein Hinweis darauf, dass dieses Thema ob seiner historischen Dimensionen größere Ausmaße annehmen könnte: Auf dem von staatlicher Seite überwachten Kurznachrichtendienst Weibo, der nach eigenen Angaben im ersten Quartal 2017 340 Millionen registrierte Nutzer hatte und den Arsenal für seine Erklärung gewählt hatte, sollen Diskussionsstränge rund um das Statement von Özil gelöscht worden sein.