Wie China auf Özils Uiguren-Äußerungen reagiert Zu populär für einen Boykott

Pekings Parteipropaganda ließ scharfe Attacken auf das Statement von Mesut Özil über die Uiguren folgen. Droht seinem Klub Arsenal nun eine Bestrafung in China? Für Sanktionen könnte der Kicker zu beliebt sein.
Mesut Özil vom FC Arsenal: In China sehr beliebt

Mesut Özil vom FC Arsenal: In China sehr beliebt

Foto: Yong Teck Lim/AP/dpa

Es werden viele chinesische Fußballfans an diesem Wochenende trauern. Sie glauben, sich entscheiden zu müssen: Zwischen ihrem Land und ihrem Star, zwischen China und dem deutschen Weltmeister Mesut Özil. "Es kommt mir vor, dass ich von dir Abschied nehmen muss, obwohl ich über ein Jahrzehnt dein Fan war", schreibt einer von Özils vier Millionen Followern in China auf der Webseite Weibo.

Der Grund: Der Fußballer vom FC Arsenal hat sich auf Facebook, Twitter und Instagram für die von Peking unterdrückte uigurische Minderheit in China eingesetzt. Mehr noch: Er hat seine Botschaft visuell mit der blauen Fahne der uigurischen Nationalisten unterlegt, die für ein unabhängiges "Ostturkestan" (Özil) kämpfen. Özils chinesische Fans verzweifeln deswegen, und ihre Verzweiflung dürfte noch größer werden, denn auf den deutschen Fußballstar wird nun ein chinesisches Propaganda-Gewitter heruntergehen.

"Er geht weiter als Morey", titelte die Webseite der Pekinger Tageszeitung "Global Times". Gemeint ist der US-amerikanische General Manager vom NBA-Klub Houston Rockets, Daryl Morey. Der 47-Jährige hatte im Oktober die chinesische Hongkong-Politik kritisiert, allerdings eher vorsichtig. Daraufhin kündigten chinesische Unternehmer ihre Sponsorenverträge für die NBA, und das staatliche CCTV-Fernsehen setzte Live-Übertragungen von Basketballspielen in den USA aus. Wird nun die englische Premier League ebenso hart bestraft?

Erst einmal gingen die chinesischen Medien auf Özil los. "Individuelle Sympathie" dürfe nicht das "nationale Interesse" überwiegen, begründeten die Manager des Online-Forums Tieba die Schließung ihres Özil-Fanklubs. Offenbar hatte es zuvor einige Teilnehmer gegeben, die Özil trotz allem die Treue halten wollten. Die großen chinesischen Fußballmedien aber folgten schnell der vermutlich von den Zensurbehörden diktierten Linie: Özil "habe eine Grenze überschritten", ließ der populäre Fußball-Online-Dienst "Dong Qiu Di" wissen und begründete damit auch, weshalb er Özils Statement nichts ins Chinesische übersetze. "Özils Aussagen verletzten die Gefühle des chinesischen Volkes, eine solche Haltung kann nie akzeptiert werden", verlautbarte "Dong Qui Di" in der üblichen Propaganda-Sprache.

"Wir sollten nicht überreagieren"

Es ist selten, dass sich eine populäre Fußballseite wie "Dong Qui Di" solchen Zensur-Übungen hingeben muss. Eben deshalb ist sie bei vielen Chinesen so beliebt: Wenigstens beim Fußball kann man sich auch in China bisher in der Regel auf ungefilterte, vollständige Informationen verlassen. Wird der Fall Özil nun das Gegenteil beweisen?

"Wir müssen Özil widersprechen, aber wir sollten nicht überreagieren", sagte der Soziologe Lu Xiang von der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in Peking gegenüber der Hongkonger Zeitung "South China Morning Post". Lu sagte voraus, dass Peking den Fall herunterspielen werde. Schließlich gäbe es viele Türken in Europa mit einer ähnlichen Haltung, so Lu. Doch die sind in China in der Regel nicht so bekannt wie ein deutscher Fußballweltmeister, der es in der Volksrepublik mit der deutschen Kanzlerin aufnehmen kann, was die Bekanntheit betrifft. Könnte es also sein, dass Peking die Propaganda-Linie bald wieder zurücknimmt, weil Özil hier viel zu populär ist, mehr als ein Manager aus der NBA?

Bisher gibt es jedenfalls keine Anzeichen dafür, dass das Spiel zwischen Özils Klub FC Arsenal und Manchester City am Sonntag in China nicht live übertragen wird.

Darüber dürften viele Beteiligte froh sein. Die Premier League hat immerhin einen Dreijahresvertrag über 700 Millionen US-Dollar mit der chinesischen Online-Firma PPTV laufen, es ist ihr größter Auslandsvertrag. "Es kann viel schlimmer kommen als mit der NBA", warnte hingegen die "South China Morning Post".

Der FC Arsenal unterhält zudem eine Restaurant-Kette in China. Möglicherweise ist das ein gewichtiger Grund, weshalb sich Arsenal schnell von den Äußerungen Özils distanzierte, was der Klub in vergleichbaren Fällen - etwa bei politischen Äußerungen seiner Spieler im britischen Wahlkampf - bisher nicht tat.

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Özil hat durch seine Äußerungen allerdings auch Fans gewonnen. Der Sino-Australier Badiucao, einer der weltweit bekanntesten regierungskritischen chinesischen Karikaturisten, veröffentlichte auf Twitter eine Zeichnung Özils im Trikot der Farben Ostturkestans, mit der Aufschrift: "Zu Özil stehen, für die Uiguren beten!"

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes stand, dass Daryl Morey Trainer der Houston Rockets sei. Korrekt ist, dass er dort der General Manager ist.