Özil nach Uiguren-Statement Blubbern im Hintergrund

Mesut Özils Statement zu den Uiguren spielte bei Arsenals Niederlage gegen City keine Rolle. Der Boykott des chinesischen Staatsfernsehens zeigt allerdings, dass die Sache noch nicht erledigt ist.
Foto: FACUNDO ARRIZABALAGA/EPA-EFE/REX

Teile des Publikums im Stadion des FC Arsenal buhten, doch Mesut Özil sah bei seiner Auswechslung keinen Anlass, seinen Gang zu beschleunigen. Mit langsamen Schritten schleppte er sich gegen Manchester City nach einer knappen Stunde beim Stand von 0:3 vom Spielfeld. Als er an der Ersatzbank ankam, brachen die Emotionen aus ihm heraus. Er kickte einen seiner Handschuhe weg und musste von seinem Ex-Mitspieler und Arsenals aktuellem Assistenztrainer Per Mertesacker besänftigt werden.

Auf Twitter wurde gewitzelt, dass China jetzt einschalten könne - jetzt, wo Özil nicht mehr mitspiele.

Mit seiner Solidaritätsadresse an die muslimische Uiguren-Minderheit im chinesischen Nordwesten hatte sich Özil den Zorn der Chinesen zugezogen und seinen Klub dazu gebracht, sich von seinem Statement zu distanzieren. Der Staatssender CCTV hatte die Partie gegen Manchester City der regierungstreuen Zeitung "Global Times" zufolge kurzfristig aus dem Programm gestrichen.

Das zeigt, dass die brisante Angelegenheit noch lange nicht ausgestanden ist. China ist der größte Auslandsmarkt der englischen Premier League, die Liga unterhält dort einen lukrativen TV-Vertrag. Auch Arsenal pflegt Geschäftskontakte in das Land und hat dort viele Fans.

Rund um das Spiel kaum Thema

Weitere Strafen neben der öffentlichen Distanzierung seines Klubs muss Özil wohl erst einmal nicht fürchten, wie durch seinen Startelfeinsatz gegen Manchester City klar wurde. Trotzdem hat er sich mit der Partie weiter isoliert, so scheint es jedenfalls. "Ich wollte mehr Energie", erklärte Interimstrainer Freddie Ljungberg die frühe Auswechslung des deutschen Ex-Nationalspielers. Der Frust des Ausgewechselten sei Özils eigene Sache, sagte Ljungberg.

Seinen Ärger über den Spielverlauf ließ Özil an einem Handschuh aus

Seinen Ärger über den Spielverlauf ließ Özil an einem Handschuh aus

Foto: Ben Stansall/AFP

Die Buhrufe gegen Özil hatten eher mit seinem schwachen Auftritt und der grundsätzlichen Verzagtheit des Arsenal-Publikums zu tun, weniger mit den Verwerfungen um sein politisches Statement. Das Thema dominierte die Partie nicht, höchstens hing es wie ein schwacher Schatten über der Veranstaltung - oder wie es der Journalist James Benge von Football.London im Gespräch mit dem SPIEGEL formulierte: "Es blubberte im Hintergrund."

Der übertragende Sender (und Premier-League-Partner) Sky Sports ignorierte das Thema weitgehend. Dabei ist die englische Fußballberichterstattung derzeit politischer denn je. Rassistische Vorfälle wie in der Vorwoche beim Manchester-Derby werden ausführlich besprochen und dominieren die Sportseiten der Tageszeitungen.

"Schlagzeilen vor dem Spiel, aber nicht mit dem Spiel"

Natürlich lag es auch an seiner dürftigen Leistung und der Misere bei Arsenal, dass Özil nur eine Randerscheinung war. Die Partie bestätigte gleich zwei schmerzhafte Klischees: Der Klub ergab sich einem hochklassigen Gegner wieder einmal widerstandslos, und Özil verpasste es wieder einmal, eine wichtige Partie zu prägen. "Er hat Schlagzeilen vor dem Spiel gemacht, aber nicht mit dem Spiel", bilanzierte Sky-Kommentator Martin Tyler.

Die Premier League hat sich nicht zu Özils Statement positioniert, zumindest nicht öffentlich. Stattdessen formieren sich seit Tagen in den sozialen Netzwerken die Fronten. Auf der einen Seite steht die Fraktion derer, die dem Spieler die Vermischung von Politik und Sport vorhält, auf der anderen der Teil des Publikums, der Arsenal für seinen Umgang mit Özil kritisiert. Dazu gehört auch der ehemalige Hoffenheim-Profi Demba Ba. Er kommentierte den Vorgang ironisch: "Keine Überraschung. Arsenal distanziert sich generell von den Besten", schrieb er in Anspielung auf den jahrelangen sportlichen Verfall des Klubs.

Ba ist in der Angelegenheit gewissermaßen mehrfach betroffen. Er ist Muslim, spielte in der Vergangenheit beim chinesischen Vertreter Shanghai Shenhua und ist aktuell bei Basaksehir in Istanbul angestellt. "Jetzt machen sich schon Spieler über uns lustig. Leider stimme ich zu. Aus Angst um unsere Geschäfte in China haben wir uns entschieden, uns von einer klaren Haltung zu einer modernen Grausamkeit zu distanzieren", antwortete ein Arsenal-Fan auf Bas Tweet. Der "Telegraph" urteilte, der Umgang mit Özil trage zu dem Eindruck bei, "dass Arsenal mittlerweile mehr ein Business als eine Fußballmannschaft" sei.

Mit der Partie gegen Manchester City soll die Angelegenheit für den Verein abgeschlossen sein, so vermutet es Reporter Benge: "Der Klub will die Sache hinter sich lassen und nicht mehr darüber reden. Er will keine wochenlange Debatte anfachen." Tatsächlich gibt es für Arsenal im Moment ein anderes Thema - nämlich die sportliche Tristesse.