Özils Statements Warum eigentlich auf Englisch?

Mesut Özil tritt aus der deutschen Fußballnationalmannschaft zurück, weil ihm andere das Deutschsein absprechen. Seine Erklärung dazu veröffentlicht er ausschließlich in englischer Sprache. Was steckt dahinter?

Im Herbst des Jahres 2012 bin ich durch Indonesien gereist. Startpunkt war damals Medan, die drittgrößte Stadt des Landes, gelegen im muslimisch geprägten Norden der Insel Sumatra. Viel Urwald, noch mehr Motorräder, jeden Tag Reis und Fisch. Eine andere Welt. "Where are you from?" - ein Klassiker in fernen Ländern. "Aaaah, Germany!" Die Antwort "Deutschland" war bei den Einheimischen wiederum vor allem mit einem Namen verknüpft: "Mesut Özil".

Ausnahmslos jeder Indonesier schien den Namen des deutschen Fußballers zu kennen, der damals bei Real Madrid spielte. Auf Platz zwei der Reaktionen zu Deutschland folgte übrigens "Klaus Meine", der Sänger der Scorpions, die aus irgendeinem Grund auch in jener Zeit noch Stars auf Sumatra waren. Platz drei teilten sich dann "Helmut Kohl" und "Adolf Hitler", aber das sind andere Geschichten. Auf dieser Reise habe ich wahrscheinlich zum ersten Mal richtig begriffen, wie groß die Marke Özil weltweit ist.

Als Özil am Sonntag die viel diskutierte dreiteilige Erklärung über seine Social-Media-Kanäle verbreitete, tat er das nicht etwa in der Sprache des Landes, aus dessen Fußballauswahl er gerade zurückgetreten war, sondern auf Englisch. Das mag verwundern, zumal es um einen Konflikt geht, in dem es zum Teil gerade darum geht, dass Özil das Deutschsein abgesprochen wird.

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Ein Großteil von Özils Fans sitzt aber eben überhaupt nicht in Deutschland, nur ein winziger Teil seiner Social-Media-Follower dürfte überhaupt Deutsch können. Etwa 31 Millionen folgen ihm auf Facebook, 16 Millionen auf Instagram, 23 Millionen auf Twitter, das sind insgesamt 70 Millionen Accounts. Ein Blick auf die zehn reichweitenstärksten Fußballer - die drei großen Netzwerke aufaddiert - lässt ahnen, wie viele Millionen Özil mit jedem Posting erreicht.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Cristiano Ronaldo, Neymar, Lionel Messi - dieses Trio spielt in einer eigenen Liga. Auf Position fünf der Welt rangiert aber bereits Özil, erst auf Platz elf ist der zweite deutsche Spieler zu finden: Toni Kroos, der etwa halb so viele Follower in den drei großen Netzwerken hat. Es folgt Mario Götze auf Rang 20, der WM-Finaltorschütze von 2014 erreicht etwa ein Drittel der Kontakte Özils.

Nun mag es aus Vermarktungslogik heraus vernünftig sein, die Sprache zu wählen, die die meisten Empfänger sprechen oder zumindest verstehen. Dem Profi und seinem Beraterteam dürfte dennoch klar gewesen sein, dass diese Form der Veröffentlichung auch für Befremden sorgen würde. Özil betont gern, dass er auf den Bolzplätzen Gelsenkirchens das Fußballspielen gelernt habe. Das geschliffene Englisch seines dreiteiligen Statements könnte kaum weiter entfernt sein von dieser Fußballwelt.

Globale Zielgruppe vs. nationale Befindlichkeiten

Zudem birgt der Ausflug ins Englische immer auch die Gefahr von Übersetzungs- oder Verständnisfehlern, zumal Nachfragen nicht möglich waren. Eine Gefahr, die sich im Fall seines ersten Statements auch prompt realisierte: Die ersten Meldungen der Nachrichtenagenturen fassten zusammen, Özil würde das Foto mit Recep Tayyip Erdogan "wieder machen", obwohl er in dem Statement lediglich schrieb, er hätte unabhängig von den Wahlen in der Türkei das Bild "trotzdem gemacht". Auch SPIEGEL ONLINE veröffentlichte zunächst diese inhaltlich falsche Übersetzung und korrigierte sie wenig später.

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Mesut Özil: Der Rückzug

Foto: Alexander Hassenstein/ Getty Images

Den Vorwurf der Abgehobenheit, dazu die Gefahr von Missverständnissen - beides nimmt das Özil-Team in seiner Abwägung offensichtlich in Kauf. Die globale Zielgruppe scheint letztlich wichtiger zu sein als nationale Befindlichkeiten. Das ist ein bemerkenswertes Detail und könnte ein Beleg dafür sein, wie sehr sich Özil von Deutschland entfernt hat.

Offen bleibt jedoch die Frage, warum Özil seine Statements nicht einfach parallel in mehreren Sprachen veröffentlicht hat. Englisch, Deutsch, Türkisch, vielleicht noch Spanisch oder Chinesisch. Ein Zeitproblem dürfte es kaum gegeben haben.

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