Mesut Özils politische Wortmeldungen Der Führungsspieler

Bei kaum einem anderen Sportler stehen Image und Realität in so einem starken Gegensatz wie bei Mesut Özil. Zeit, ihn als prägenden Athleten wahrzunehmen.
Foto: Julian Finney/Getty Images

Gut möglich, dass Mesut Özil der spannendste Fußballer seiner Generation ist.

Kaum ein anderer polarisiert dermaßen mit seinem Verhalten abseits des Platzes wie der 31-jährige Deutsche.

Und bei kaum einem anderen stehen sich Image und Wirklichkeit so diametral gegenüber.

Özil wurde in seiner Karriere oft kritisiert, manchmal zu Recht, manchmal nicht. Er wurde instrumentalisiert und hat das mit sich machen lassen. Er spielte immer wieder eine wichtige Rolle in der Diskussion um Integration und das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei. Es war Özil, der mit Angela Merkel ebenso für ein plakatives Foto posierte wie mit Recep Tayyip Erdogan. Mesut Özil hat mitgemacht.

Nun ist er wieder aufgetaucht auf der hochpolitischen Bühne, mit einem Instagram-Post zur Lage der Uiguren, der seinen Verein FC Arsenal dazu brachte, sich auf der chinesischen Plattform Sina Weibo vom Inhalt des Beitrags zu distanzieren (lesen Sie hier, warum Özils Statement so brisant ist.)

Özil, davon kann man ausgehen, wusste genau, zu welchen Verwerfungen sein Beitrag führen wird. Der Spieler hat einen Kreis an Vertrauten und Beratern, mit dem er solche Schritte abspricht.

Und es ist schließlich nicht das erste Mal, dass er sich in einer Art und Weise äußert, die ungewöhnlich ist für den modernen Profisport - und Özil viel Kritik einbringt.

Mehr als der schüchterne Typ, der nur Fußball spielen will

Eine weitere Besonderheit bei Özil: Er hat bei vielen Zuschauern noch immer das Image des schüchternen, introvertierten Typen, der am liebsten seine Ruhe will, den außer Fußball nichts so richtig zu interessieren vermag. Bei seinen Auftritten vor TV-Kameras nach einem Spiel kann man diesen Eindruck tatsächlich gewinnen. Dort arbeitet er die Pflicht meist mit leiser Stimme und ein paar Worthülsen ab.

Aber bei Özil gibt es mehr zu entdecken, als man auf den ersten Blick denken könnte. Das ist auch auf dem Platz so. An seiner Körpersprache arbeiten sich manche Journalisten seit Jahren ab. Für manche sah sein Verhalten auf dem Platz in der Vergangenheit oft nach Teilnahmslosigkeit aus, andere sagen, er schwebte halt einfach über den Dingen. Für manche schleicht er, für andere ist es Tänzeln.

Es ist erstaunlich, dass Özil in Deutschland in vielen Belangen unterschätzt wird, obwohl er Weltmeister wurde, fünfmal Nationalspieler des Jahres war, der beste Vorlagengeber einer gesamten Saison in allen Ligen, in denen er bisher gespielt hat.

"Ich bin kein Opportunist"

Und er kann durchaus laut sein, wenn er es für richtig hält. Bei Instagram, Facebook, Twitter postet er alles, was man auch bei Ronaldo, Lionel Messi oder Toni Kroos sehen kann: Fotos vom Training, aus der Kabine, von seiner Frau, viel Content zum Wohlgefallen der Sponsoren. Aber eben nicht nur. Immer wieder nutzt Özil seine Reichweite von gut 20 Millionen Followern, um auf Themen aufmerksam zu machen, die ihm wichtig sind, wie der Kampf gegen Rassismus.

Im jüngsten Fall ist vor allem sein Arbeitgeber wenig begeistert. Ob der Verein Özil für seinen Post in irgendeiner Form sanktionieren wird, ist bisher nicht bekannt. In den sozialen Medien (zumindest außerhalb Chinas) erfährt Özil viel Lob, sich öffentlich für die Uiguren stark zu machen. Brisant dabei ist vor allem die Tatsache, dass er dabei einen in China tabuisierten Begriff ("Ostturkestan") verwendete.

Foto: Michael Hanschke/ dpa

In Deutschland führte das Foto von ihm, Ilkay Gündogan und Cenk Tosun mit dem türkischen Präsidenten Erdogan vor der WM 2018 letztlich zu seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft - oder besser gesagt: der Umgang des DFB mit der heftigen Kritik, die nach dem Foto an Özil aufkam. In einem langen Statement erklärte Özil im Sommer 2018 seine Beweggründe. Er warf dem damaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel Rassismus vor und ging auch einige Mitspieler an.

In einem seiner seltenen Interviews erneuerte er im Herbst seine Kritik. Auf der Website The Athletic sagte er: "Ich bin kein Opportunist." Er werde tun, was er für richtig halte, egal welche Auswirkungen sein Handeln auf die Karriere haben könnte.

Zukunft bei Arsenal ungewiss

Mit 31 Jahren ist Özil auf der Zielgerade seiner Fußballerlaufbahn angekommen und es ist natürlich leichter, seine Karriere aufs Spiel zu setzen, wenn man den Großteil davon hinter sich und viel Geld auf dem Konto hat.

Es gab mal eine Zeit, da war Mesut Özil einer der besten Fußballer der Welt. Ein Spielmacher mit so viel Übersicht und Kontrolle, dass er seinen Gegenspielern mehrere Spielzüge voraus war.

Von dieser Form ist Özil im Moment ein gutes Stück entfernt, seit dem Abschied von Langzeittrainer Arsene Wenger spielte er unter Coach Unai Emery kaum noch eine Rolle. Nur sieben von 16 möglichen Spielen hat er in dieser Premier-League-Saison absolviert.

Emery ist inzwischen auch schon wieder weg, der neue Trainer Fredrik Ljungberg setzt wieder vermehrt auf Özil. Die Frage ist, ob sein Verein das weiter zulässt.

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