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23. Juli 2018, 00:53 Uhr

Vom Foto bis zum Rücktritt

Chronologie der Özil-Erdogan-Affäre

Mesut Özil tritt aus der deutschen Fußballnationalmannschaft zurück - gut zwei Monate nachdem er an der Seite des türkischen Präsidenten posierte. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Es dauerte Wochen, bis Mesut Özil sich öffentlich zu der Affäre um das Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan äußerte - das Bild hatte seit dem 14. Mai für Schlagzeilen, Kritik und Aufregung gesorgt. Nun, Ende Juli, veröffentlichte Özil drei Erklärungen. Er kritisiert darin den DFB, prangert Rassismus an - und erklärt seinen Rücktritt aus der deutschen Fußballnationalmannschaft. Wie konnte es so weit kommen? Die Chronologie der vergangenen Wochen:

14. Mai

Einen Tag vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders tauchen Fotos auf, die die Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan in London mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigen. Gündogan schreibt auf sein Trikot-Geschenk: "Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll." Später am Tag erklärt er via Instagram: "Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben."

Der Deutsche Fußball-Bund reagiert pikiert, Präsident Reinhard Grindel sagt, das Duo habe sich für Erdogans "Wahlkampfmanöver missbrauchen" lassen. DFB-Teammanager Oliver Bierhoff sagt, er habe "nach wie vor überhaupt keine Zweifel an Mesuts und Ilkays klarem Bekenntnis, für die deutsche Nationalmannschaft spielen zu wollen und sich mit unseren Werten zu identifizieren".

15. Mai

Joachim Löw beruft Özil und Gündogan in sein vorläufiges WM-Aufgebot, obwohl auch er verstimmt ist. "Das war keine glückliche Aktion", sagt der Bundestrainer über die Fotos und kündigt ein Gespräch an. Sanktionen oder ein Verzicht auf beide sei aber "zu keiner Sekunde" Thema gewesen. Regierungssprecher Steffen Seibert erklärt im Namen von Kanzlerin Angela Merkel, es sei eine Situation gewesen, "die Fragen aufwarf und zu Missverständnissen einlud".

19. Mai

Özil und Gündogan unterbrechen ihren Urlaub, treffen in Berlin Löw, Grindel und DFB-Direktor Oliver Bierhoff zur Aussprache. Im Schloss Bellevue besuchen sie Frank-Walter Steinmeier. Der Bundespräsident sagt: "Beiden war es wichtig, entstandene Missverständnisse aus dem Weg zu räumen." Joachim Löw sagt in der ARD: "Es gab ein Gespräch, und von daher denke ich, dass wir jetzt so langsam über andere Themen reden können."

2. Juni

Beim Länderspiel in Klagenfurt gegen Österreich (1:2) sorgt Özil für die Führung. Er und Gündogan werden ausgepfiffen. Thomas Müller verteidigt das Duo, beide seien "wichtiger Teil unseres Teams. Für uns ist das Thema abgehakt".

5. Juni

Beim Medientag im Trainingslager in Südtirol stellt sich Gündogan den Fragen einiger Pressevertreter. "Einige Reaktionen haben mich getroffen, vor allem auch die persönlichen Beleidigungen", sagt er. "Ich verstehe, dass man die Aktion nicht gut finden muss." Özil schweigt.

6. Juni

Bundespräsident Steinmeier äußert sich in der "Zeit" befremdet über die Foto-Aktion, sie habe ihn "ein bisschen ratlos gemacht". Angesichts der Tatsache, dass beide Spieler in Deutschland groß geworden seien, hätte es sie "nicht überraschen dürfen, dass ihr Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Kritik auslöst". Ob die Spieler sich entschuldigt hätten, sei "eine Interpretationsfrage".

7. Juni

Oliver Bierhoff erklärt zu Vorwürfen gegen den DFB zum Umgang mit dem Thema: "Was hätten wir noch mehr machen sollen? Ich bin der Meinung, wir haben sehr viel gemacht - und jetzt reicht es dann auch."

8. Juni

Bierhoff fordert die Medien in der ARD auf, das Thema zu beenden. Bei der WM-Generalprobe in Leverkusen gegen Saudi-Arabien (2:1) wird Gündogan vom Zeitpunkt seiner Einwechslung an ausgepfiffen. Löw reagiert getroffen, die massive Ablehnung habe ihn "geschmerzt", sagt er.

9. Juni

Gündogan twittert, er sei "immer noch dankbar, für dieses Land zu spielen".

10. Juni

Kanzlerin Merkel sagt in der ARD: "Ich glaube, die beiden Spieler haben nicht bedacht, was das Foto auslöst mit dem Präsidenten Erdogan." Sie sei überzeugt, dass beide Spieler die deutschen Fans in keiner Weise enttäuschen wollten.

15. Juni

DFB-Direktor Oliver Bierhoff sagt zwei Tage vor dem WM-Auftaktspiel gegen Mexiko: "Ich sehe nicht die Notwendigkeit, das Thema hier noch mal aufzugreifen."

17. Juni

Beim 0:1 gegen Mexiko steht Özil in der Startelf, Pfiffe sind im Stadion nicht zu vernehmen. Gündogan sitzt 90 Minuten auf der Bank. Nationaltorwart Manuel Neuer spricht über den Einfluss des Wirbels auf die WM-Vorbereitung: "Am Anfang hat das schon ein bisschen gestört in der Mannschaft, war sogar belastend."

27. Juni

DFB-Präsident Reinhard Grindel kündigt an, die Affäre nach der WM mit einer "zielführenden Diskussion" gründlich aufzuarbeiten: "Wir müssen gemeinsam mit der sportlichen Leitung überlegen, wie wir die Spieler noch stärker sensibilisieren können", sagt er in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Am selben Tag scheidet der amtierende Weltmeister gegen Südkorea (0:2) aus dem Turnier aus.

29. Juni

"Ich werde einige Zeit brauchen, um darüber hinwegzukommen", schreibt Özil auf Twitter über das WM-Aus.

5. Juli

DFB-Direktor Oliver Bierhoff räumt Fehler im Umgang mit der Erdogan-Affäre ein. "Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet", sagt er in der "Welt". Einen Tag später rudert er zurück und meint, er habe sich "da offenbar falsch ausgedrückt". Was genau er hatte sagen wollen, bleibt unklar.

8. Juli

Mesut Özils Vater reagiert in der "Bild am Sonntag" auf die Äußerungen von Bierhoff: "Diese Aussage ist eine Frechheit. Sie dient meiner Meinung nach nur dazu, die eigene Haut zu retten." DFB-Präsident Grindel fordert Mesut Özil zu einer öffentlichen Stellungnahme für die Zeit nach dem WM-Urlaub auf. Die Fans seien enttäuscht, weil sie noch keine Antworten auf ihre Fragen erhalten hätten, sagt Grindel dem "Kicker".

11. Juli

Ex-Kapitän Philipp Lahm sagt in einem Interview mit der "Zeit": "Jetzt ist die Zeit zu analysieren: die Leistungen auf dem Platz, den Umgang mit dieser Affäre. Und danach muss man mit seiner Haltung an die Öffentlichkeit gehen. Das wäre die richtige Aufarbeitung."

18. Juli

Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool, nimmt Özil und Gündogan in Schutz: "Wir sollten nicht vergessen, dass die beiden nun mal türkische Wurzeln haben, auch wenn sie hier in Deutschland aufgewachsen sind."

22. Juli

Özil äußert sich erstmals öffentlich zum Thema - und tritt aus der Nationalmannschaft zurück. "Schweren Herzens und nach gründlicher Überlegung werde ich wegen der zurückliegenden Vorkommnisse nicht länger für die deutsche Nationalmannschaft spielen", schreibt er und kritisiert "Rassismus und fehlenden Respekt" (die Erklärung im Wortlaut können Sie hier nachlesen). Außerdem greift er Grindel scharf an: "Ich äußere mich jetzt nicht wegen Grindel, sondern weil ich es will. Ich werde nicht länger der Sündenbock für seine Inkompetenz sein."

aar/dpa/sid

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