Metzelder-Interview "Ich hoffe auf Italien"

Bleibt Jürgen Klinsmann Bundestrainer? Am Ende der wohl spektakulärsten Siegesfeier eines WM-Dritten zeigt sich Christoph Metzelder skeptisch. Im Interview spricht der Innenverteidiger über den verpassten Finaleinzug, die Sympathiewelle und die Zukunft des Bundestrainers.


Frage: Herr Metzelder. Was empfindet man als Spieler bei solch einem rauschenden Fest?

Christoph Metzelder: Ich glaube, dass da jeder von uns noch einmal daran gedacht hat, was passiert wäre, wenn wir den Titel geholt hätten.

Frage: Was wäre denn passiert?

Metzelder nach dem Portugal-Spiel: "Das hier in Potenz"
REUTERS

Metzelder nach dem Portugal-Spiel: "Das hier in Potenz"

Metzelder: Wahrscheinlich das hier in Potenz. Aber wir dürfen eigentlich nicht unzufrieden sein. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass man sich nach dieser enttäuschenden Niederlage gegen Italien gleich wieder voll auf das Spiel um Platz drei konzentrieren kann. Dass es so gut geklappt hat, macht einen natürlich zufrieden. Dazu eine halbe Million Menschen in Berlin, um mit uns zu feiern – ich glaube, das hat noch keiner von uns je erlebt, das wird keiner vergessen.

Frage: Dennoch klingen Sie, als empfänden Sie den dritten Platz eher als Trostpflaster?

Metzelder: Ich glaube, dass in ein, zwei Wochen bei allen die Enttäuschung kommt, weil wir die historische Chance hatten, ins Finale zu kommen. Und dabei nur so knapp gescheitert sind.

Frage: Kann Jürgen Klinsmann denn inmitten dieser Euphorie um sich und seine Mannschaft überhaupt hinschmeißen?

Metzelder: Ich glaube, man hat in den letzten Jahren gemerkt, dass er seine Entscheidungen durchzieht. Wenn wir ein Mal mehr gewonnen hätten, hätte er aufgehört. Die Meinung der Mannschaft ist ihm wichtig. Ganz klar, aber letztlich wird er für sich entscheiden. All die Kritik und all die Polemik der letzten Jahre ist jedenfalls nicht spurlos an ihm vorbei gegangen.

Frage: Sie würden es jedenfalls bedauern, wenn er nicht weitermacht?

Metzelder: Nicht nur ich. Er weiß, dass wir alle voll hinter ihm stehen und dass der Weg dieser Mannschaft noch nicht beendet ist. Er ist als Reformer und Motivator weiterhin wichtig. Es wird vielleicht einfach davon abhängen, ob er zurückgezogen leben oder weiter ein öffentlicher Mensch in Deutschland sein will.

Frage: Was meinen Sie, wer wird heute Abend Weltmeister?

Metzelder: Italien, hoffe ich.

Frage: Sie hoffen?

Metzelder: Dann wären wir wenigstens gegen den späteren Weltmeister ausgeschieden. Das war einfach keine WM der Superstars, sondern der Mannschaften, die am diszipliniertesten aufgetreten sind. Von der Dramaturgie her wünsche ich mir einfach, dass Italien Weltmeister wird. Ich glaube einfach, dass diese Mannschaft im Zenit ist. Uns fehlen da nur noch ganz wenige Prozent.

Frage: Haben Sie eigentlich schon verinnerlicht, dass die WM für Sie jetzt endgültig vorbei ist?

Metzelder: Nein, ich kenne das ja von 2002. Wenn man so lange als Mannschaft zusammen ist, dauert es ein paar Tage, bis man wieder runter kommt.



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