Mia Hamm Amerikas bester Fußballer ist eine Frau

Mia Hamm ist 27 Jahre alt und spielt seit ihrem 15. Lebensjahr in der amerikanischen Nationalmannschaft. Sie hat alle erdenklichen Titel gewonnen, fußballbegeisterte US-Girls tragen ihr Trikot, Nike hat ihr einen eigenen Schuh entworfen, Mia "Barbie Puppen" sind ein Renner in den Kaufhäusern. Jetzt soll die Mittelstürmerin ihr Team nur noch zum WM-Titel schießen.


"Niederlage" - für den größten US-Superstar des vergangenen Jahrzehnts, "his airness" Michael Jordan, ist das ein Fremdwort. Eigentlich. Doch auf einmal kommt es knüppeldick für Mr. Unbezwingbar: Nacheinander hat er beim Fechten, Laufen, Basketball (!) und Fußball das Nachsehen, und wird zuletzt beim Judo auch noch gnadenlos auf die Matte gewirbelt - in einem knallharten Duell Mann gegen, auch das noch, Frau.

"Zweikampfstark gegen Dänemarks Lene Terp Bjering."
REUTERS

"Zweikampfstark gegen Dänemarks Lene Terp Bjering."

Okay, so richtig fair ist das Ganze nicht, stand das Ergebnis doch schon vorher fest - im Drehbuch eines Webespots, der in den USA gerade Furore macht. Seine Botschaft lautet in etwa: "Der König ist tot - es lebe die Königin". Die Königin ist Mia Hamm, über die selbst die mit Superlativen für gewöhnlich sparsame "New York Times" befand: Sie ist nicht Amerikas beste Fußballspielerin. Sie ist Amerikas bester Fußballer." Im sportlichen Spot-Duell mit Michael Jordan verkündet sie in kessem musikalischen Refrain: "Anything you can do, I can do better" (Alles, was du kannst, kann ich besser).

Allein die Tatsache, daß kein geringerer als Superstar Michael Jordan neben der lieblichen Überzeugungskraft harter Dollar in diese freiwillige Niederlagenserie eingewilligt hat, zeigt den Stellenwert, den die für viele weltbeste Fußballerin in ihrer Heimat genießt. Sie ist das Gesicht, mit dessen Hilfe die Sponsoren Fußball in den USA zum endgültigen Durchbruch verhelfen möchten - und das nicht von ungefähr: Mia Hamm führt ein Team, das im Gegensatz zu dem der amerikanischen Männern absolute Weltklasse ist und bei den beiden bisherigen Spielen der Frauen-WM gegen Dänemark (3:0) und Nigeria (7:1) begeisternden Fußball zeigte.

Hamm hat entschieden mehr Sex-Appeal als ein Gerd Müller, führt den Ball eleganter als Oliver Bierhoff und jubelt genauso schön und telegen wie Jürgen Klinsmann. Dazu pflastern Titel, Tore und Rekorde ihre Laufbahn: Bereits mit 15 spielte sie im Nationalteam - ebenso Weltrekord auch bei den Männern sind die 111 Tore, die sie in 148 Länderspiel-Einsätzen erzielt hat. Mia Hamm wurde 1991 Weltmeisterin, 1995 WM-Dritte, 1996 Olympiasiegerin. Fünfmal in Folge wurde sie zur Fußballerin, dreimal sogar zum besten "Gesamt-Fußballer " des Jahres gewählt. Sie gewann vier College-Meisterschaften mit der Universität von North Carolina, auf der übrigens auch Michael Jordan studiert und gespielt hat.

Den Weg zum Soccer verdankt Mariel Margret Hamm, 1972 in Selma (Alabama) geboren, ihrem Vater. Air Force Colonel Bill Hamm entdeckte seine Leidenschaft fürs runde Leder, als er mehrere Jahre in Italien stationiert war. Während Mia damals noch fast ausschließlich mit Jungen bolzte, dient sie heute in den USA als Idol für 7,5 Millionen Frauen und Mädchen, die dort mittlerweile beim "Soccer Industry Council of America" registriert sind. Das sind immerhin über 40% aller Spieler. Fußball ist, gerade auf dem Lande, die Sportart mit den weitaus höchsten Zuwachsraten und gilt als Speerspitze der Gleichberechtigung im US-Sport.

"Amerikas Nummer 9 greift an."
AFP

"Amerikas Nummer 9 greift an."

Nicht zuletzt wegen Mia Hamm. Bei ihren Spielen kreischen Teenager wie auf Rockkonzerten, binden die Haare wie ihr Vorbild zum Pferdeschwanz zusammen und tragen das kultisch verehrte Trikot mit der Nummer 9. Die Zeitschrift "People" wählte Mia unter die 50 schönsten Menschen. Ausrüster Nike benannte nicht nur eines der Gebäude in der Firmenzentrale nach ihr, sondern entwickelte einen Sportschuh namens "Air ZOOM M9" (wie "Mia mit der Nr.9"), der die Namensgeberin mit dem Träger des Modells "R9" gleichstellte, dem brasilianischen Wunderstürmer Ronaldo. Und schließlich stand die brünette Mia sogar bei einer revolutionären Neuerung auf dem Puppensektor Pate. Nur bei der Farbgebung der Haare für "Soccer-Barbie" wich der Hersteller nicht von der Tradition ab: Das kickende Plastikspielzeug mit Schußfunktion ist blond.

Der Druck, der nun in diesen Wochen auf der 27jährigen Hamm lastet, ist gewaltig: Bei der dritten Fußball-Weltmeisterschaft für Frauen soll sie nicht nur das amerikanische Team zum zweiten Titel führen, sondern die Stadien füllen, das Fernsehen bei der Stange halten - alle 32 Spiele werden live übertragen - und die Weichen für eine Frauen-Profi-Liga ab 2001 stellen. Da es jenseits der College-Meisterschaften bisher noch keinen weiterführenden, regulären Spielbetrieb gibt, ist das hohe Niveau der "herausgewachsenen" amerikanischen Spielerinnen erstaunlich, die Erklärung noch verblüffender. Gefördert von Sponsoren spielen Mia Hamm und ihre Kolleginnen ausschließlich für das Nationalteam.

Aber ausgerechnet zu Beginn der akribischen geplanten Vorbereitungsphase auf das Unternehmen Titelgewinn zeigte der Mannschaft beste Spielerin Nerven. Achtmal hintereinander blieb Mia Hamm ohne Torerfolg - unvorstellbar. Doch gerade noch rechtzeitig meldete sich die Spielerin zurück, die bei großen Turnieren bisher ein wenig vom Andy-Möller-Syndrom befallen wurde und unter ihren Möglichkeiten blieb: In den letzten 5 Vorbereitungsspielen traf sie jeweils wieder, und das gelingt ihr auch im Ernstfall. Beim 3:0-Sieg im WM-Eröffnungsspiel gegen Dänemark und beim Erfolg gegen Nigeria erzielte sie jeweils die Führung. Und auch die nächste Vorgabe erfüllte Mia Hamm, denn das Eröffnungsspiel im Giants-Stadion von New York erlebten 78.972 Zuschauer. Niemals zuvor haben auf der Welt so viele Menschen einen Frauen-Sportwettbewerb besucht, und ganz nebenbei sind das immerhin doppelt so viele wie die größte Zuschauermenge, vor der ein anderer großer Sportler jemals seine Künste zelebrieren durfte: ein gewisser Michael Jordan...

Dominique Gradenwitz



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