Arsenals neuer Trainer Mikel Arteta Neinsager und harter Hund

Guter Fußball braucht einen Grad von Rücksichtslosigkeit, glaubt Mikel Arteta. Der neue Trainer des FC Arsenal will auf dem Weg zurück an die Spitze keine Abweichler tolerieren.
Mikel Arteta: "Ich will niemanden, der sich versteckt"

Mikel Arteta: "Ich will niemanden, der sich versteckt"

Foto: Stuart MacFarlane/ Getty Images

In der Doku-Szene, die am meisten über Pep Guardiolas Gesinnung aussagt, kommt der genialische Trainer gar nicht vor. Es ist sein Assistent Mikel Arteta, der in einer Mannschaftsbesprechung in einem Satz erklärt, dass Manchester Citys wunderschönes Spiel bisweilen kleinere Schmutzigkeiten erfordert. "Wenn es zu einer Umschaltsituation kommt, müsst ihr das Foul machen", weist der Spanier die Mittelfeldspieler Kevin De Bruyne, David Silva und Ilkay Gündogan in der Amazon-Dokumentation über Citys Rekord-Meistersaison (2017/18) eindringlich an.

Guardiola, 48, und Arteta, 37, lagen in taktischen Details nicht immer auf einer Linie; Bayern Münchens Ex-Trainer hatte den früheren Arsenal-Spielmacher 2016 gezielt als gelegentlichen Neinsager in seinen Stab aufgenommen. Was beide jedoch eint und letztlich auch die Entscheider bei Arsenal dazu bewegte, Arteta am Freitag als aktuell jüngsten Premier-League-Trainer zu engagieren, ist die Überzeugung, dass dominanter, unterhaltsamer Fußball nur mit höchster Disziplin und einem Grad von Rücksichtslosigkeit erfolgreich sein kann.

"Man muss unerbittlich und stringent sein und die Kultur eines Vereins jeden Tag aufs Neue leben, um eine Siegermentalität zu entwickeln", antwortete er bei seiner Vorstellung auf die Frage nach der wichtigsten Lektion aus dreieinhalb Lehrjahren bei City. Passend dazu inszenierte die Internetseite des Klubs Arteta im Stile eines Quentin-Tarantino-Helden: Nach einem von Desorganisation, allerlei Unzulänglichkeiten und einer gewissen Schaumgummihaftigkeit geprägten Jahrzehnt unter Arsène Wenger und Unai Emery ist rund ums Emirates-Stadion die Sehnsucht nach einem harten, cleveren Hund mit klaren Vorgaben größer als je zuvor.

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Arteta, der im Sommer 2011 unmittelbar nach der historischen 2:8-Schmach bei Manchester United zusammen mit Per Mertesacker von den Gunners verpflichtete wurde, war schon 2018 ein aussichtsreicher Kandidat für den Trainerposten gewesen. Intern hatte der sympathische, aber stets hochprofessionelle Baske viele Fürsprecher, zahlreichen Spielern war er als eine Art heimlicher Trainer in Erinnerung geblieben, der während der Pause oft jene unbequemen Dinge ansprach, die Wenger schon nicht mehr sah, oder aus Rücksicht auf die Gefühle seiner Schützlinge lieber unerwähnt ließ.

Artetas Fußball: kombinationsstark und tough

Bekannte bezeichnen ihn als Fußballverrückten, der in seiner Wohnung in Manchester Taktik-Diagramme aufhängte und unablässig Spiele im Fernsehen verfolgte. Der Vorstand wollte das komplexe Erbe Wengers dann aber doch nicht einem Berufsanfänger anvertrauen. Emery galt als sicherere Wahl. "Die Zeit war damals eben noch nicht reif", sagte Arteta diplomatisch.

Mittlerweile ist allerdings offensichtlich geworden, dass die im Mittelfeld der Tabelle uninspiriert vor sich hin kickende Ansammlung von Partikular-Kickern dringend einen radikaleren Führungsansatz benötigt. Erfahrung ist dabei zweitrangig, vielleicht sogar hinderlich. Arsenal braucht einen sportlichen Leiter, der erst alles auseinandernimmt und dann alles gemäß eines konkreten, nicht verhandelbaren Plans wieder völlig neu zusammenbaut. Es dürfte mindestens zwei Jahre dauern, bis Arsenal annähernd so spielen kann, wie es Artetas Ideal entspricht: kombinationsstark und tough.

Mesut Özil: "Er ist ein wichtiger Spieler"

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Foto: Ian Walton/AP/dpa

Inwieweit Mesut Özil in dieses Programm passt, muss sich zeigen. Der neue Boss gab sich, auf den unbeständigen Techniker angesprochen, grundsätzlich versöhnlich ("er ist ein wichtiger Spieler, wenn es bei ihm klickt, bringt er der Mannschaft viel"), kündigte jedoch an, auf dem langen Treck zurück in die Spitze keine Nachzügler und Abweichler zu tolerieren. "Es geht darum, richtig zu leben und Respekt zu zeigen", sagte er bestimmt: "Wer sich danach richtet, ist dabei. Wer nicht, ist draußen. Ich will niemanden, der sich versteckt. Ich will Leute, die Verantwortung übernehmen." Letzteres war in den vergangenen Monaten mit das größte Problem. Kapitän Granit Xhaka hatte sich mit Unmutsbezeugungen gegenüber dem Publikum quasi selbst abgesetzt, seinem Nachfolger Pierre-Emerick Aubameyang fehlt der Sinn fürs Kollektiv komplett. Dem ehemaligen Dortmund-Stürmer werden Abwanderungsgedanken nachgesagt.

Arteta wird genau hinschauen, wer seinen Weg mitgeht. Und er weiß selbstverständlich, dass man die zu erwartenden Rückschläge automatisch an seiner mangelnden Praxis auf dem Chefsessel festmachen wird. Bis zu seinem ersten Heimspiel (29. Dezember gegen Chelsea) dürfte er immerhin das Teilziel erreichen, die "Energie im Verein zu verändern". Die Hoffnung bei den Fans ist in der Tat groß, dass Arteta mit seiner klaren Ansprache und imposanten Ausstrahlung der Trainer ist, der Arsenal wieder dauerhaft ansehnlich und konkurrenzfähig machen wird. Die erforderliche Konsequenz dafür bringt er zumindest mit.