Moderner Fußball Trainer sind die neuen Spieler

Drei Klubs suchen neue Trainer in der Bundesliga. Wie findet man den Richtigen? Vereine und der DFB machen es heute so wie früher nur bei Spielern: Sie scouten Kandidaten und entwickeln Talente weiter.

Salzburgs Marco Rose (l., mit seinem Assistenten Alexander Zickler)
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Salzburgs Marco Rose (l., mit seinem Assistenten Alexander Zickler)

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Wie wird man gefunden? Joe Zinnbauer hat sich über diese Frage den Kopf zerbrochen. Zu einer finalen Antwort ist der 48-Jährige bisher nicht gekommen. 2014 war er 23 Spiele lang Trainer des Hamburger SV in der Bundesliga, danach zwei Jahre beim FC St. Gallen in der Schweiz. Seitdem ist er arbeitslos. Und um das zu ändern, das weiß Zinnbauer, muss er sehr gut vorbereitet sein.

Deshalb schaut sich Zinnbauer viele Spiele an. Und er analysiert Kader von Klubs, bei denen ein Trainerwechsel anstehen könnte. "Wenn ich einen Anruf von einem Verein bekomme, muss es schnell gehen. Dann muss ich schon alles wissen und eine Strategie präsentieren", sagt Zinnbauer dem SPIEGEL. Aber er muss auch darauf gefasst sein, dass der Klub schon alles über ihn weiß.

In der Bundesliga fahnden gerade drei Vereine nach neuen Cheftrainern ab der nächsten Spielzeit: Schalke 04, der VfL Wolfsburg und nach der angekündigten Trennung von Pál Dárdai auch Hertha BSC. Mönchengladbach und Hoffenheim, die sich ebenfalls neu aufstellen müssen, sind mit dem gehypten Marco Rose aus Salzburg und dem Ajax-Co-Trainer Alfred Schreuder bereits versorgt.

Joe Zinnbauer (l.) als Cheftrainer beim FC St. Gallen
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Joe Zinnbauer (l.) als Cheftrainer beim FC St. Gallen

Wie aber finden Klubs heute den Richtigen? Und wie sorgen sie für die Zukunft vor, da ja sehr wahrscheinlich irgendwann wieder ein neuer Mann gebraucht wird?

Gab es in den Neunziger- und Nullerjahren oft den Reflex, aus einem Pool an immergleichen Trainern zu wählen, ist das Angebot auf dem modernen Trainermarkt üppiger und das Finden komplizierter. Zinnbauer hat erlebt, dass manche Klubs deshalb vorgehen, wie sonst eigentlich nur bei Spielern: Sie scouten Trainer.

Als er noch für St. Gallen arbeitete, schickte ihm ein deutscher Verein einen Scout ins Trainingslager. "In den Gesprächen mit der Klubführung später wurde mir dann eine Analyse meiner Arbeit vorgelegt. Mir wurden Zeitungsartikel über mich gezeigt. Und es wurden ehemalige Spieler von mir angerufen", erzählt Zinnbauer. Dass Vereine so detailliert vorbereitet sind, sei immer noch ungewöhnlich. Aber zwei-, dreimal sei das bei ihm schon vorgekommen.

"Wir brauchen eine Ausbildungsreform - auch bei Trainern"

Das hat auch damit zu tun, dass die Figur des Trainers seit ein paar Jahren stark aufgewertet wird. Lange hatte man sich in Deutschland darauf kapriziert, talentierte Spieler - wenn nötig an den entlegensten Orten und in sehr jungen Jahren - zu finden und sie zu hochpreisigen Profis zu entwickeln. Man hatte dafür allerorts Scoutingabteilungen inklusive datenbasierter Analysemöglichkeiten aufgebaut und ein Netzwerk von Beobachtern über den Globus gespannt. Jetzt wenden sich Vereine, aber auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verstärkt den Trainern zu.

"Der Trainer ist der entscheidende Faktor, also müssen wir auch dort investieren. Denn bessere Trainer bedeuten bessere Spieler. Und die erhöhen die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg bei unseren Mannschaften", sagt Meikel Schönweitz dem SPIEGEL.

Meikel Schönweitz, Cheftrainer der U-Nationalmannschaften des DFB
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Meikel Schönweitz, Cheftrainer der U-Nationalmannschaften des DFB

Schönweitz ist Cheftrainer der U-Nationalmannschaft beim DFB und soll mithelfen, dass der deutsche Fußball die Lücke zu den Branchenführern schließt, von denen er sich nicht erst bei der WM in Russland 2018 hat abhängen lassen. Ein vom DFB identifizierter, akuter Handlungsbedarf liegt im Trainerbereich. "Wir brauchen eine Ausbildungsreform - bei Spielern, aber auch bei Trainern", hat Schönweitz' Chef, DFB-Direktor Oliver Bierhoff, im Februar gesagt.

Schönweitz nennt das Beispiel England: "Dort wurde viel Geld in die Ausbildung von Trainern investiert. Spieler wie Jadon Sancho gab es auch früher. Aber heute sind auch die Trainer mit einem richtigen Plan da", sagt er. Um aufzuschließen, will der DFB einerseits die bereits im Verband befindlichen Trainer gezielt fördern und die Trainerausbildung an das digitale Zeitalter anpassen (mit mehr Seminaren daheim am Bildschirm etwa). Aber es geht auch darum, neue, besondere Trainertalente zu finden. "Wir haben in Deutschland nur eine Trainerbewertung, aber keine Trainerentwicklung. Dafür jedoch müssen wir erkennen, wen wir fördern wollen", sagt Schönweitz.

Der DFB will als Trainer-Vermittler für Vereine auftreten

Der erste Trainer, den der DFB aktiv gescoutet hat, heißt Fabian Hürzeler. Mit nur 23 Jahren übernahm der ehemalige Jugendnationalspieler 2016 den oberbayerischen FC Pipinsried und führte ihn in die Regionalliga. Der DFB verpflichtete ihn 2018. Er soll als Co-Trainer der U20 die nächsten Entwicklungsschritte machen.

Ein besonderes Talent erkennt man an einem bestimmten Katalog an Kompetenzen, sagt Schönweitz: die fachlichen, die sozialen, die kommunikativen. "Die entscheidende Fähigkeit eines guten Trainers aber ist, dass er immer Lösungen für unterschiedliche Probleme parat hat", sagt der 39-Jährige.

Nach Spielern sucht der DFB von der U15 bis zum Männerbereich bereits in "mehr als 30 Ligen". Im Trainerbereich soll künftig ebenfalls ein Talentscouting installiert werden, sagt Schönweitz.

Der Verband will aber auch als Trainer-Vermittler für Vereine auftreten. Rund 1300 Honorartrainer beschäftigt der DFB aktuell, 80 davon etwa wechseln jährlich zu Vereinen. Der ehemalige Nationalspieler Heiko Westermann zum Beispiel wurde zur U17 von Fortuna Düsseldorf vermittelt. Ein Kandidat für höhere Aufgaben ist der ehemalige Bundesliga-Profi Hanno Balitsch. Derzeit ist Balitsch Co-Trainer der U18-Nationalelf. "Wir können eine Anlaufstelle sein. Und die Trainer, die bei uns im System sind, können wir anbieten. Davon profitiert am Ende auch der DFB", sagt Schönweitz.

Hoffenheim als Vorreiter

Fragt man beim DFB, welcher Verein bei diesem Thema fortschrittlich ist, dann bekommt man die Antwort: TSG Hoffenheim.

Dirk Mack ist seit 2015 Leiter des Nachwuchsleistungszentrums der TSG und zuständig für die Trainerentwicklung. "Um in Hoffenheim wettbewerbsfähig zu sein, müssen wir andere Wege gehen", sagt Mack dem SPIEGEL. "Wir haben vor einigen Jahren angefangen, das, was wir bei Spielern tun, auch auf Trainer anzuwenden. Viele Klubs haben diese Notwendigkeit noch nicht erkannt."

Hoffenheims Ziel ist es, die Trainer für die eigenen Nachwuchsteams, aber auch die Profimannschaft selbst auszubilden. Dafür sucht der Verein überall nach Talenten und schult sie gezielt. "Was wir bei Spielern individuell fördern, dass machen wir auch bei Trainern - über speziell ausgesuchte Fortbildungen", sagt Mack.

Julian Nagelsmann kam 2010 als Nachwuchstrainer zur TSG Hoffenheim
DPA

Julian Nagelsmann kam 2010 als Nachwuchstrainer zur TSG Hoffenheim

Besonders gelungen ist das bei Julian Nagelsmann - auch wenn den heutigen Cheftrainer kein Scout entdeckte, sondern die Verbindung 2010 durch persönliche Kontakte zum damaligen Nachwuchsleiter entstand. Von der U17 wurde Nagelsmann bis zu den Profis herangeführt. Aber auch Domenico Tedesco wechselte 2017 aus der Hoffenheimer Jugend in die Zweite Liga zu Erzgebirge Aue und danach zu Schalke.

Als Nagelsmann seinen Weggang zu RB Leipzig bekannt gab, schaute die TSG auf der Suche nach einem Nachfolger daher im eigenen Portfolio - und fand dort Alfred Schreuder. Der war zwischen 2015 und 2017 Co-Trainer des Hoffenheimer Profiteams.

Im modernen Fußball sind Trainer so etwas wie die neuen Spieler - sie werden gescoutet, gezielt weiterentwickelt - und es kommt vor, dass man sie verkauft. Für Marco Rose musste Gladbach angeblich drei Millionen Euro Ablöse an Salzburg zahlen. Irgendwann werden die Summer höher werden.

Auf diesem komplizierten Markt arbeitet Joe Zinnbauer weiter darauf hin, dass er gefunden wird. Der ehemalige HSV-Trainer träumt von der Bundesliga. "Es ist wie als Spieler", sagt er, "wenn man einmal in der höchsten Liga gespielt hat, will man wieder dorthin."



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totalausfall 19.04.2019
1. Konsequent
Hinter den Mannschaften ist ja heutzutage eine weitere "11 Mann" Mannschaft . Trainer, Cotrainer, Trainingsleiter, Analysten, Individualtrainer, Fitness, Medizin, Betreuer usw. usf. Da hat sich ja ein unglaublicher Wandel vollzogen. Diese "zweite Mannschaft" muss genau so abgestimmt und aufgebaut werden wie die, die auf dem Feld steht. Auch dort gibt es Talente oder Leute die besonders gut sind.
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