Möllers legendärer Strafraum-Fall Die Mutter aller Schwalben

Plötzlich hob er ab: Die Schauspieleinlage von Dortmunds Andreas Möller gegen den KSC gilt als Schwalbe des Jahrhunderts. Im Magazin "11FREUNDE" erinnert sich sein damaliger Gegenspieler Dirk Schuster an den seltsamen Vogel, der 1995 durch den Karlsruher Strafraum flog.
Möller vor dem DFB-Sportgericht: Nach seiner "Schwalbe" gegen den KSC

Möller vor dem DFB-Sportgericht: Nach seiner "Schwalbe" gegen den KSC

Foto: Stephanie_Pilick/ picture-alliance / dpa

Noch heute werde ich gefragt: "Was ist eigentlich eine Schutzschwalbe, Dirk?" Ich sage dann immer: "Ein Vogel, aber kein schützenswerter." Es war die Saison 1994/1995, der 26. Spieltag, und im Spiel zwischen meinem Karlsruher SC und Borussia Dortmund flog dieser Vogel besonders hoch. Dass Andreas Möller sich im Strafraum fallen ließ, hatte fatale Folgen: Im Endeffekt kostete seine Aktion uns die Uefa-Cup-Teilnahme und brachte dem BVB die Meisterschaft.

Vor dem Spiel waren wir noch ganz dicht dran an den internationalen Plätzen, saßen den Bayern direkt im Nacken. Thomas "Icke" Häßler, Sergej Kirjakow, Edgar "Euro-Eddy" Schmitt - diese Jungs konnten ein ordentliches Feuerwerk abbrennen. Und auch im Westfalenstadion sah es für uns zunächst recht gut aus.

Wir waren durch Gunther Metz in Führung gegangen und im weiteren Spielverlauf die klar bessere Mannschaft. Die Dortmunder Fans hatten schon die Finger im Mund, bereit zum Pfeifkonzert. In der 76. Minute drang Andreas Möller von Rechtsaußen in unseren Strafraum ein, ich wollte ihn am Torschuss hindern.

Zwischen ihm und mir hätte ein Kleinwagen parken können - da fiel er plötzlich hin. Fast aus dem Stand! Es ist ja bekannt, dass Fußballern viele Mittel recht sind, um den Vorteil für ihre Mannschaft zu erzwingen. Insofern war ich nicht sonderlich überrascht, als er abhob.

Das Gespann hatte wohl die Hosen voll

Schier fassungslos war ich aber, als Schiedsrichter Günther Habermann tatsächlich Elfmeter pfiff! "Das kann doch nicht wahr sein", dachte ich, "das muss der doch gesehen haben." Und bis heute bin ich davon überzeugt, dass mindestens der Linienrichter realisiert hatte, dass es zwischen Möller und mir zu keinerlei Kontakt gekommen war. Aber das Gespann hatte wohl die Hosen voll angesichts der furchteinflößenden Kulisse und ist eingeknickt.

Genau das würde ich heute, mit dem Abstand von 15 Jahren, allen Beteiligten zu Gute halten: In einem solchen Hexenkessel badet man im Adrenalin und ist nicht immer Herr seiner Sinne. Michael Zorc, der alte Routinier, blieb indes ganz cool und verwandelte den Elfmeter zum Ausgleich. Dadurch standen die Zuschauer wieder voll hinter ihrer Mannschaft. Wir gerieten in einen Strudel und verloren das Spiel durch einen 20-Meter-Schuss von Matthias Sammer noch 1:2.

Bei einer Ecke kurz vor Schluss stellte ich Möller und fragte ihn, was er sich denn bei seinem Hechtsprung gedacht habe. Er gab alles zu, sagte aber, dass der Zweck die Mittel heilige. Im Interview nach dem Schlusspfiff klang das ein klein bisschen anders. "Das war eine Schutzschwalbe. Ich dachte, dass Dirk Schuster mich voll umhauen würde", sagte Möller.

Zwei Spiele Sperre und 10.000 Mark Strafe

Wie aber hätte ich das überhaupt machen sollen? So weit, wie wir auseinander waren, kann man ja kaum grätschen! Und selbst wenn: Dann hätte es ja Elfmeter gegeben! Den gab es ironischerweise trotzdem.

Mittlerweile bin ich nicht mehr sauer auf Möller. Er ist damals vom DFB sogar nachträglich für zwei Spiele gesperrt und zu 10.000 Mark Geldstrafe verurteilt worden, Bundestrainer Berti Vogts nahm ihn kurzfristig aus der Nationalmannschaft. Und durch den massiven Imageschaden, den die Schutzschwalbe nach sich gezogen hatte, hat er genug gebüßt.

Auch aus der Privatfehde mit unserem Trainer Winfried Schäfer ging er als Verlierer hervor. "Bei jedem anderen wäre ich zum Schiedsrichter gegangen und hätte gesagt, dass es kein Elfmeter war, bei ihm jedoch nicht", hatte Möller gesagt. Das nahm Schäfer dankbar auf und machte eine moralische Diskussion daraus.

"Eben haben kleine Kinder meiner Mannschaft den Mittelfinger gezeigt. Das ist das Produkt von Möller." Heute ist über die Sache längst Gras gewachsen. Andreas hat sich entschuldigt. Und ein Gutes hat es: Ich weiß seitdem, was eine Schutzschwalbe ist.

Protokoll: Dirk Gieselmann
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