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Montpellier HSC: Außenseiter vor Sensation

Foto: BORIS HORVAT/ AFP

Montpellier vor der Meisterschaft Aus der Versenkung an die Spitze

In Frankreichs Ligue 1 kämpft Montpellier gegen den reichen Scheichclub Paris Saint-Germain um die Meisterschaft. Dabei hat der Außenseiter beste Chancen auf den ersten Titel in der Vereinsgeschichte. Nur einen Mann scheint der Erfolg wenig zu interessieren: Präsident Louis Nicollin.
Von Steffen Müller

Im "Stade de la Mosson" lief die vierte Minute der Nachspielzeit, als Karim Aït-Fana mit seinem Treffer zum 1:0 kollektiven Jubel auslöste. Denn der Sieg über Lille sicherte Montpellier HSC bereits am 37. Spieltag der französischen Ligue 1 die Teilnahme an der Champions League. Mit drei Punkten Vorsprung auf Paris Saint-Germain führt der HSC außerdem die Liga an und könnte mit einem Remis im letzten Saisonspiel am Sonntag beim Absteiger AJ Auxerre die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte feiern. Doch das interessiert einen Mann nur am Rande: Für Präsident Louis Nicollin steht der familiäre Zusammenhalt der Mannschaft über dem sportlichen Erfolg des Vereins.

Nicollin liebt das Understatement. "Ich wäre lieber Sechster oder Siebter geworden. Der Stress in diesem Jahr ist schrecklich. Ich leide. Alles, was ich erwarte, ist der Klassenerhalt." Selbstverständlich würde er sich auch über den Titel freuen, sagt der Clubbesitzer, aber er habe schon schönere Spielzeiten erlebt. "Die beste Saison war 1994. Auch wenn wir das Pokalfinale verloren haben, hatten wir eine tolle, junge Mannschaft." Es sind Sätze wie diese, die Einblick in Nicollins Gedankenwelt gewähren.

Seit 1974 leitet der Müllunternehmer die Geschäfte des MHSC. Der 68-Jährige führt den Verein wie ein Familienunternehmen. "Ich liebe meine Spieler. Montpellier ist meine Tochter", sagt er. "Wir sind ein Fan-naher Verein und wollen es bleiben." Deshalb gefalle ihm auch das gestiegene Medieninteresse nicht. "Wir mussten Zäune um das Trainingszentrum aufstellen, aber ich will, dass meine Spieler für die Fans immer zugänglich sind."

Frankreich gönnt Montpellier den Sieg

Der umstrittene Präsident, der wegen seiner vulgären Ausdrucksweise und homophoben Äußerungen immer wieder in die Kritik geraten ist, übernahm den Verein in der Viertklassigkeit. Noch immer ist Montpellier für Nicollin der Amateurclub von damals - er hält es nicht für nötig, den Glanz von Profifußball zu versprühen. Er polarisiert lieber, eckt an. Sympathien fliegen ihm selten zu. Im Oktober 2009 wurde er für vier Monate gesperrt, als er Benoît Pedretti von AJ Auxerre als "kleine Schwuchtel" bezeichnete.

Doch aus dem niederklassigen Club ist mittlerweile wieder einer der besten Frankreichs geworden, einer, der gegen Paris um die französische Meisterschaft kämpft. 75 Prozent der Franzosen gönnen Montpellier den Titel. Verfolger Paris Saint-Germain, der vor der Saison den Kader kräftig aufrüstete und einen Etat von 150 Millionen Euro zur Verfügung hat, genießt hingegen nur geringe Wertschätzung.

Im Vergleich zum Hauptstadtclub gehört Montpellier zu den kleinsten Vereinen der Ligue 1. Mit einem Etat von 37 Millionen Euro liegt der MHSC etatmäßig im unteren Drittel, lediglich zwei Millionen Euro investierte der Club vor Saisonbeginn in neue Spieler. Dass er trotzdem Erfolg hat, liegt für Nicollin am Mannschaftsgefüge. "Wir verfügen über einen guten Trainer, kompetente Mitarbeiter und junge Spieler. Die perfekte Symbiose."

Haare ab bei Titelgewinn

Coach René Girard, Frankreichs frisch gekürter Trainer des Jahres, hat eine Mannschaft geformt, die sich in der ersten Ligue-1-Saison 2009/2010 durch Kampf und Härte auszeichnete und mit Platz fünf für eine Überraschung sorgte. Nach dem 14. Rang im Folgejahr hat sich der Verein dank hoher spielerischer Qualität in der laufenden Saison wieder an die Spitze gearbeitet.

Aus einer stabilen Defensive heraus wartet Montpellier auf Fehler des Gegners um blitzschnell zu kontern. Schlüsselspieler sind Torjäger Olivier Giroud sowie Younès Belhanda. Belhanda glänzte bislang mit zwölf Treffern und fünf Vorlagen, fällt aber auch immer wieder durch Unbeherrschtheiten auf. Am 35. Spieltag kassierte der 22 Jahre alte Mittelfeldspieler gegen Evian nach einer Tätlichkeit bereits seine zweite Rote Karte und wurde bis zum Saisonende gesperrt.

Dass der Außenseiter am Sonntag trotzdem die Meistertrophäe in die Höhe recken darf, ist sehr wahrscheinlich. Im Falle der Sensation hat Nicollin keine großen Emotionen, sondern einen neuen, radikal-kurzen Haarschnitt angekündigt - und sicherheitshalber schon mal einen Termin gemacht: "Mein Frisör weiß Bescheid."