Mourinho-Abgang Gefällt vom reichen Russen

Star-Trainer José Mourinho hat aufgegeben: Das gestörte Verhältnis zwischen dem Portugiesen und Chelsea-Chef Abramowitsch war nicht mehr zu kitten. Der Coach will jetzt eine Rekord-Abfindung in zweistelliger Millionenhöhe kassieren.

Von Pavo Prskalo


José Mourinho hatte sich etwas Überraschendes einfallen lassen. Im Trainingsanzug nahm der sonst so eitle Zeitgenosse am Dienstagabend in der Champions League auf der Bank des FC Chelsea Platz. Zweimal hatte seine Mannschaft zuletzt in der Liga nicht gewonnen, nun sollte Chelsea, angeführt von Kämpfer Mourinho, Rosenborg Trondheim vom Platz fegen, diesen Provinzclub aus Norwegen. Doch daraus wurde nichts. Chelsea mühte sich zu einem 1:1 - es war die letzte Partie von Mourinho beim Londoner Club. Stunden später informierte er seine Spieler per SMS über seinen Rücktritt.

Heute bestätigte der Club die Trennung. Die BBC berichtet zudem, dass Mourinho über eine Abfindung in Höhe von umgerechnet rund 35 Millionen Euro verhandelt. Mourinho , so heißt es, sei nach seinem Weggang sehr erleichtert. Er habe beim FC Chelsea zuletzt unter großem Druck gestanden

Was ist vorgefallen, dass es in dieser Ehe zwischen Star-Trainer und Star-Club nicht mehr funktionierte? Mourinho und Chelsea - das war jahrelang ein perfektes Duo. Seit seinem Dienstantritt 2004 führte er die Mannschaft überlegen zu zwei nationalen Meisterschaften, zwei Ligapokal-Erfolgen und einem Pokal-Sieg. Auf dem Platz ließ er seine Spieler mit einer Disziplin und Präzision agieren, die den Gegner regelrecht erdrückte. "I'm the special one - Ich bin der Besondere", pflegte der Portugiese zu sagen. Der Star bin ich, nicht die Spieler.

Eine eigenwillige Ansicht, wo doch Clubbesitzer und Milliardär Roman Abramowitsch mehr als als 500 Millionen Euro für Topspieler wie Didier Drogba, Ricardo Carvalho, Michael Essien oder Andrej Schewtschenko ausgegeben hatte - Handgeld für ablösefreie Spieler wie Michael Ballack nicht mitgerechnet. Mourinho nannte seine Wünsche, Abramowitsch nickte ab und zückte den Scheck. "Wir verstehen uns gut. Ich mache seine Träume wahr", sagte Mourinho einst über seinen Boss.

Doch Anfang des Jahres wurden Abramowitschs Träume nicht mehr wahr. Chelsea spielte schlecht, sein Geld schoss keine Tore mehr. Manchester United (ManU) übertrumpfte das Team in der Liga, in der Champions League schied das Team im Halbfinale gegen Liverpool aus. Bereits zum dritten Mal musste Mourinho seine Hoffnungen auf seinen zweiten Titel in der Champions League (nach 2004 mit dem FC Porto) vorzeitig begraben - und das, obwohl er Team und Fans versprochen hatte, zu zeigen, "wie die großen Siege schmecken".

Viel schlimmer als die Pleiten in der Königsklasse aber war für Abramowitsch, dass sein Liebling Schewtschenko, für den er vor einem Jahr rund 50 Millionen Euro hingelegt hatte, überhaupt nicht unter Mourinho zurecht kam. "Was auch immer passiert ist, die Situation mit Schewtschenko scheint der Kern zu sein", analysierte Sir Alex Ferguson, Coach bei ManU, die Missstimmung beim Konkurrenten. Nur vier Tore gelangen Schewtschenko in der abgelaufenen Spielzeit. Ein Jahr zuvor hatte er für den AC Mailand noch 19-Mal getroffen.

In dieser Saison ließ Mourinho den Angreifer bisher nur in zwei Pflichtspielen ran. "Ich weiß nicht, warum Mourinho mich nicht spielen lässt. Ich verstehe es nicht", klagte der 29-Jährige jüngst. Bereits in der vergangenen Saison machte sich Abramowitsch immer wieder für Schewtschenko stark, Mourinho dagegen forderte mal wieder neue Spieler: "Ich hätte gerne neue Spieler. Es liegt nicht an mir, dass keiner kommt. Dies ist nicht mein Club. Ich bin nur der Trainer." Das Tischtuch war zerschnitten. Abramowitsch drehte den Geldhahn zu.

Vor der Saison durfte Mourinho "nur" noch 25 Millionen Euro in die Akteure Florent Malouda (Lyon) und Juliano Belletti (Barcelona) investieren. Der Kader wurde mit ablösefreien Profis wie Steve Sidwell (Reading), Tal Ben Haim (Bolton) und Claudio Pizarro, der beim FC Bayern des Öfteren die Bank drückte, aufgefüllt. Mourinho, der einst behauptete, Chelsea zu führen wie Bill Gates Microsoft, dürfte dies überhaupt nicht geschmeckt haben.

Genauso wenig dürfte Michael Ballack vom Abgang seines Trainers begeistert sein. Zwar nominierte ihn Mourinho nicht für die Gruppenphase der Champions League, dies lag jedoch an der Aussage der Chelsea-Ärzte. Diese hatten erklärt, dass Ballack "noch lange" ausfallen werde, worauf Mourinho auf den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft zunächst verzichtete. Dennoch war der 44-Jährige bis zuletzt ein großer Fürsprecher Ballacks. "Ich will und brauche ihn zurück, und ich bin traurig, dass er keine Option für mich ist", hatte Mourinho noch am vergangenen Samstag nach dem enttäuschenden 0:0 gegen Blackburn erklärt.

Ballacks neuer Trainer ist der bisherige Sportdirektor Avraham Grant. Der Israeli wird zusammen mit Steve Clarke, dem bisherigen Co-Trainer, das Sagen haben - jedoch nur übergangsweise. Abramowitsch hat bereits einen neuen Coach im Visier: Guus Hiddink. Der Niederländer trainiert derzeit noch die Nationalmannschaft Russlands. Ein Engagement, das Abramowitsch eingefädelt hatte. Derzeit liegt Russland in der EM-Qualifikation nur auf Rang drei. Gut möglich, dass Hiddink bei einer verpassten EM-Teilnahme hinschmeißt - gerade wenn ein Job wie der bei Chelsea winkt.

Und Mourinho? Der könnte bald auf der Bank der portugiesischen Nationalelf sitzen. Der aktuelle Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari hatte im vergangenen Qualifikationsspiel gegen Serbien (2:2) einem Gastspieler mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Medien, Fans und Regierungsmitglieder fordern vehement den Rücktritt des Brasilianers, die Uefa sperrte Scolari inzwischen für vier Partien. Reizvoll wäre die Aufgabe für Mourinho. Als Clubtrainer hat er ohnehin bereits alles gewonnen. Zudem ist er in Portugal ein Volksheld, die Leute lieben ihn - anders als der schwerreiche Russe aus London.

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.