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Fotostrecke: Die Zebras sind lahm geworden

Foto: A3724 Felix Heyder/ dpa

Traditionsverein MSV Duisburg Schimanski blutet das Herz

Dem MSV Duisburg droht am Abend der erneute Absturz in die Drittklassigkeit. Dabei waren die Zebras mal eines der großen Teams der Bundesliga. Daran erinnert nur noch das Vereinslied.

Zur Halbzeitpause wies wenig darauf hin, dass dieser 5. November 1977 in die Bundesligageschichte eingehen würde. Der große FC Bayern führte 2:1 standesgemäß beim MSV Duisburg, Gerd Müller hatte getroffen, es war also alles wie immer.

Dann kam die zweite Halbzeit.

Am Ende stand es 6:3 für den MSV Duisburg, Bernard Dietz hatte als Verteidiger vier Treffer erzielt, fünf MSV-Tore in einer Halbzeit gegen Nationaltorwart Sepp Maier. Ein Spiel ist zum Vereinsmythos geworden.

Ein 6:3 könnte der MSV Duisburg an diesem Abend gut gebrauchen. Nach dem 0:2 im Relegationshinspiel bei den Würzburger Kickers steht der Klub wieder einmal vor dem Abstieg. Für den MSV, diesen großen Traditionsverein, wäre es der nächste von so vielen Rückschlägen aus den vergangenen Jahrzehnten.

Man muss es den Jüngeren vielleicht noch einmal sagen, aber der MSV war mal eine der ganz großen Mannschaften in Deutschland. 24 Jahre hat der Verein der Ersten Bundesliga angehört. Er war Gründungsmitglied der Liga, im ersten Bundesligajahr unter Trainer Rudi Gutendorf und mit Weltmeisterlegende Helmut Rahn im Kader wurde der MSV Vizemeister. Eine so gute Platzierung hat er nie wieder erreicht.

MSV ist ohne Dietz nicht vorstellbar

Unter all den Abraumhalden aus Lizenzentzug, sportlichen Abstiegen und Finanzchaos glänzt eine große Vergangenheit. Die Siebzigerjahre in der Bundesliga sind ohne den MSV nicht vorstellbar. Und der MSV der Siebzigerjahre ist ohne Bernard Dietz nicht vorstellbar.

Der Bergmannssohn aus Bockum-Hövel kam 1970 als junger Kerl zu den Meiderichern. Als er zwölf Jahre später nach dem ersten Abstieg des Vereins Duisburg verließ, hatte er 394 Spiele für den MSV absolviert, er war der Kapitän der deutschen Europameistermannschaft von 1980, ein Typ, wie er im heutigen Geschäft nicht mehr vorstellbar ist. In den Zeitungen wurde der Verein damals in den MSV Dietzburg umgetauft.

Es war eine große Mannschaft in jener Zeit mit Ronny Worm und dem Schnauzbart Rudi Seliger im Sturm, dahinter kurbelte der unermüdliche Herbert Büssers die Offensive an, hinten hielt Kees Bregman, der Friseur aus den Niederlanden, die Abwehr zusammen. Im Tor flog Gerhard Heinze von einem Torwinkel in den anderen. Namen aus dem Goldenen Buch des Vereins.

Neben Borussia Dortmund, Schalke 04 und dem VfL Bochum war der MSV, der Klub vom Rande des Ruhrgebiets, die vierte Größe im Revier, der Klub "aus der Stadt Montan", wie WDR-Hörfunkreporter Jochen Hageleith in seinen Liveübertragungen so gerne in die Mikrofone sang. Duisburg, die Stadt von Horst Schimanski, den alle den Schmuddelkommissar nannten und der so gut zu dieser Stadt und ihrem Image passte, dreckig, verraucht, immer die Ärmel hochgekrempelt.

Pino Steininger, der Mann mit der Imbissbude

Zu so einem Verein passten Typen wie Franz-Josef "Pino" Steininger, der erst 368 Spiele für den MSV abriss und danach eine Imbissbude in Duisburg betrieb. Oder der Stahlkocher Joachim Hopp. Zu dem Verein passt auch, dass Dietz der Bundesligaspieler ist, der die meisten Niederlagen kassiert hat: 221. Keiner hat öfter verloren.

Der MSV Duisburg war nie ein Gewinnerverein. Nach der Vizemeisterschaft 1964 war ein sechster Platz das Höchste der Gefühle in der Bundesliga, es gab ein paar Höhenflüge wie 1994, als der MSV unter Trainer Ewald Lienen sogar mal nach 22 Spieltagen an der Spitze stand. Uwe Weidemann führte im Mittelfeld Regie, vorne ließ der Paradiesvogel Peter Közle die Haare fliegen, hinten räumte der legitime Bregman-Nachfolger Alfred Nijhuis alles ab. Aber am Ende der Saison war man dann doch wieder nur Neunter.

Die Höhenflüge wurden mit der Zeit immer seltener, die beiden Pokalendspiele 1998 und 2011 gehören dazu. 1998, und wieder die großen Bayern als Gegner, und wieder lag die Überraschung in der Luft, als Bachirou Salou die MSV-Führung erzielte. Aber Fußball war damals schon sehr viel anders geworden als 1977. Die Bayern drehten das Spiel routiniert um.

Und über das Endspiel 2011 gegen Schalke möchten MSV-Anhänger am besten nicht mehr reden. Es war das letzte Spiel von Manuel Neuer im Schalke-Trikot, und er hatte sehr wenig zu tun. Sein Gegenüber David Yeldell musste fünfmal den Ball aus dem Tor holen.

Davor und danach all die Abstürze. In den Achtzigerjahren kickte der MSV drei Jahre lang in der Oberliga Nordrhein gegen Viktoria Goch und den VfL Rhede, 2013 wurde dem Verein die Lizenz entzogen, jetzt droht wieder der Gang in die Drittklassigkeit.

Heute erinnert eigentlich nur noch das Vereinslied an die große Zeit. Der berühmte Zebra-Twist, geschrieben 1964 von Henri Valentino, genau, das ist der von dem Schlager "Im Wagen vor mir sitzt ein junges Mädchen". Der Zebra-Twist gilt als ältestes Vereinslied der Bundesliga. Und heute gegen die Würzburger werden es wieder 30.000 im Wedaustadion singen: "Zebrastreifen weiß und blau, Zebrastreifen weiß und blau, ein jeder weiß genau: Das ist der M-S-V." Und Horst Schimanski wird am Tresen an irgendeiner abgeranzten Bar sitzen und ein Tränchen verdrücken.

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