MSV-Weckruf Manasseh, schieß bitte wieder Tore!

Wenn er doppelt trifft, gewinnt der MSV: Manasseh Ishiaku ist der beste Schütze der Duisburger in der Bundesliga. Leider werden seine Tore seltener, der Club ziert einen Abstiegsplatz. Schluss damit, Manasseh muss endlich wieder jubeln! Ein offener Brief an den Stürmer.

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Lieber Manasseh,
wenn der Erfolg ausbleibt, setzt die Erinnerung wieder ein, heißt ein altes Sprichwort, und so habe ich mir in den vergangenen Wochen oft Deine Jubeleinlagen angeschaut. Radwende, Flic Flac und Salto mit Schraube, die Landung etwas breitbeinig, aber das macht schon ordentlich Eindruck bei einem wie mir, der in der Schule Mühe hatte, überhaupt halbwegs in den Handstand zu kommen. Gerade an Deinen ersten Auftritt denke ich gerne zurück: Saisonstart in Dortmund, flirrende Atmosphäre, tolles Spiel, 3:1 gewonnen, zwei Tore von Dir. Und die Sekunden nach Deinem 3:0 werden irgendwann in meiner "Top 10 der erlebten Fußballmomente" auftauchen, ganz sicher.

"Eigentlich dürfen wir diese Saison gar nicht mehr zum MSV gehen", sagte mein Kumpel direkt nach der Partie, besser konnte es ja nicht mehr werden. Ich hab's trotzdem getan und musste mir zwei Heimniederlagen gegen diese Gurkentruppen aus Wolfsburg und Berlin anschauen. Kein Tor von Dir, kein Salto, keine Punkte. Stattdessen wachsende Ernüchterung. Die Spielkultur und die Euphorie aus der Dortmund-Partie würden wir MSV-Anhänger nicht jedes Wochenende geboten bekommen, das war klar, aber nun steht schon nach neun Partien eine Art Endspiel an, bei der selbst ernannten "Ekeltruppe" aus Cottbus. Wenn auch diese Partie auch den Bach runtergeht, wird die Erinnerung an den Sonntagabend im August noch schneller vergilben.

Glaubensbekenntnis
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Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
Dann muss ich nachher noch tiefer in der Schublade kramen und an die Anfangzeiten meiner Anhängerschaft zurückdenken. Damals, als mich mein Vater - Achtung, Klischee! - ständig mit ins Wedaustadion schleppte und Sonntag vormittags oft noch zur Westender Straße, wo die A-Jugend der "Zebras" spielte und damals noch zu den besten Teams der Bundesrepublik zählte (dreimal deutscher Meister!). Der MSV erreichte in der Bundesliga schon in seinem ersten Jahr als Meidericher SV seinen Zenit, für die Vizemeisterschaft unter Riegel-Rudi Gutendorf kam ich jedoch zehn Jahre zu spät auf die Welt.

Aber immerhin durfte ich mich als Steppke noch an Bernard Dietz erfreuen, der den Verein wie kein anderer Spieler prägte und dem selbst seinen Wechsel zum FC Schalke nach dem Abstieg 1982 kein Fan krumm nahm. 394 Einsätze, 70 Tore und gerade mal elf Gelbe Karten - dabei war der Mann Libero! Seine vier Tore gegen Sepp Maier beim 6:3 gegen die Bayern im November 1977 kenne ich leider nur aus Erzählungen. Aber, Mana, ich verspreche Dir, wenn Dir das gegen die Münchner und Olli Kahn auch gelingt, stelle ich Deine Salti bei Youtube für die Nachwelt rein!

Ach, verzeih mir, Mana, jetzt werde ich doch ein wenig nostalgisch und denke zurück an die Helden meiner Kindheit, die "Rudi" Seliger hießen, Manfred Dubski, Herbert Büssers, Gerd Heinze oder Gregor Grillemeier. Männer, die schon aufgrund ihres Namens überhaupt nicht woanders spielen konnten als in Duisburg. Norbert Fruck etwa, der hat sogar bei uns in der Straße gewohnt. Und vor den Partien dudelte die schönste Vereinshymne aller Zeiten durch die Lautsprecher, der Zebra-Twist: "Wo Meiderich liegt, wo Meiderich siegt, ist überall bekannt!" Bei Dir doch auch, Mana, oder?

Nun verlor der MSV öfter als er gewann, stieg ab, stieg nochmal ab, scheiterte in der Oberliga Nordrhein an solchen Teams wie BV 08 Lüttringhausen, aber kam irgendwann wieder hoch, Michael Tönnies schoss in einer Saison voller Erinnerungen und an der Seite meines Lieblingsspielers Lothar Woelk in der zweiten Liga 29 Tore, es ging hoch und runter immer wieder, Friedhelm Funkel schaffte das Unmögliche und führte den MSV mit einem Haufen von Durchschnittskickern dreimal in Folge auf einen einstelligen Tabellenplatz in Liga eins. Respekt, Friedhelm!

Und, Mana, warst Du schon mal in Berlin? Zumindest nebenan, in Babelsberg, hast Du ja schon im Pokal getroffen, zweimal in der ersten Runde. Wenn Du das noch ein paarmal hinkriegst, darfst Du mit der Mannschaft ins Olympiastadion, wie das Team von 1998. Alle schönen Geschichten enden tragisch, deshalb verlor der MSV damals gegen Bayern 1:2 durch einen Basler-Freistoß in der letzten Minute. Trotzdem war es für uns Fans und auch die Mannschaft eine Riesensause. Jörg Neun, neben Woelk mein anderer Lieblingsspieler, soll damals bei der Ehrung fast besoffen vom Rathausbalkon gefallen sein. Später hat er seine Karriere beendet, weil er unter Wolfgang Frank Ingwerwurzeln essen musste.

Ja, die Trainer beim MSV, ein Kapitel für sich. Du hast es gut erwischt, Mana, der Rudi passt super zum Club. Wir hatten auch schon ganz andere, nicht nur Frank, sondern auch Pierre Littbarski oder Jürgen Kohler. Die dachten, sie könnten aus Duisburg einen Weltclub machen. Gottseidank hatten wir auch keinen dieser Brillenträger aus dem Südwesten der Republik, die nie höher als Kreisliga gespielt haben und nun meinen, sie hätten den Fußball neu erfunden.

Die Ist-doch-nur-Fußball-Gelassenheit des Trainers

Rudi Bommer dagegen ist bodenständig, bei ihm schwingt immer eine Ist-doch-nur-Fußball-Gelassenheit mit, die vielen anderen in seiner Branche völlig abgeht. Er macht nie einen Spieler in der Öffentlichkeit zur Sau und verzichtet auch auf andere Pseudo-Maßnahmen wie drei Profis suspendieren und dafür drei Amateure hochziehen und ähnlichen Schmus.

Klar, dass er jetzt in der Kritik steht, bei fünf Niederlagen in Folge. Aber er behält die Ruhe. Das wird sich auszahlen, schon am Freitag in Cottbus. Mana, dann bist Du natürlich auch gefordert. Die Anzahl der Tore oder Salti ist egal. Hauptsache die drei Punkte sind am Ende im Sack. "Zebrastreifen weiß und blau, ein jeder weiß genau, das ist der MSV!" heißt es in der letzten Zeile des Zebra-Twists. Dank Dir sollten das die Energie-Fans am Freitag auch wissen. Auf geht's, Mana!

Herzlichst, Dein Dirk



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