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Immer Zoff um van Gaal: Louis gegen den Rest der Bayern-Welt

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Münchener Zoff General van Gaal pöbelt sich ins Abseits

Louis van Gaals zwischenmenschliche Bilanz fällt dürftig aus: Den Vorstand hat der FCB-Trainer vergrätzt, den Sportdirektor düpiert und Stammspieler wie Mark van Bommel ausgebootet. Die Bruchstellen beim Rekordmeister sind kaum noch zu übersehen - und könnten den Trainer den Job kosten.
Von Sebastian Winter

Louis van Gaal gehört zu den Trainern der robusteren Art. Der Niederländer eckt gerne mal an und trifft seine Entscheidungen mitunter einsam nach Feldherrnart. Und so hat man sich beim FC Bayern München fast schon daran gewöhnt, dass der Coach die Konfrontation pflegt. Uli Hoeneß gegen van Gaal, Rummenigge mal für, mal gegen van Gaal, van Gaal gegen Spieler, van Gaal gegen alle. Zuletzt hieß es van Gaal gegen Mark van Bommel: Der Kapitän sah sich offensichtlich nicht mehr gebührend gewürdigt und verkündete seinen Wechsel zum AC Mailand.

Bei all dem Streit konnte sich der Trainer bislang auf einen Akteur verlassen: Sportdirektor Christian Nerlinger hatte sich stets auf seine Seite geschlagen. Doch auch das ist jetzt vorbei.

Das Zerwürfnis begann am Freitagnachmittag der Vorwoche zunächst ganz harmlos. Louis van Gaal kam pünktlich zum Pressegespräch, sein Gang war aufrecht und stolz, der Blick mürrisch und streng. Bayern Münchens Trainer setzte sich und rührte stoisch braunen Zucker in seinen Milchkaffee. Nach ein paar Minuten sollte er eine Prognose geben, wann der verletzte Franck Ribéry wieder einsatzbereit sein könnte. Eine Frage mit Hintergedanken, denn Sportdirektor Nerlinger hatte zuvor angekündigt, dass Ribéry wohl später als geplant wieder fit sei.

Und was sagte van Gaal dazu? "Der Trainer entscheidet, wann er wieder spielen kann, nicht der Doktor oder der Sportdirektor." Das war deutlich.

Nerlinger jedenfalls hat die Herausforderung angenommen, das zeigt seine Retourkutsche via "Bild"-Zeitung am Sonntagabend: "Es ist nicht die Aufgabe des Trainers, meine Aussagen öffentlich zu kommentieren. Als direkter Vorgesetzter und auch sportlich Mitverantwortlicher ist es mein Recht und auch meine Pflicht, mich zu solchen Dingen zu äußern."

Und so bestimmt jetzt nicht der 5:1-Erfolg der Bayern gegen Kaiserslautern die Schlagzeilen, sondern ein weiterer, in aller Öffentlichkeit ausgetragener Disput sowie die schließlich bestätigten Wechselgerüchte um van Bommel - und das ausgerechnet nach dem höchsten Liga-Erfolg der Bayern in dieser Saison.

Nerlinger konnte gar nicht anders reagieren. Er steht noch immer im Schatten seines Vorgängers Uli Hoeneß und muss sich profilieren. Die Machtworte waren also eher der Pflicht geschuldet, nicht das Gesicht zu verlieren. Sie passen sehr gut zur derzeitigen Stimmungslage an der Säbener Straße, zu einem Verein, dessen Binnenverhältnis zwischen Trainer und Vorstand mittlerweile so tiefe Bruchstellen aufweist, dass man sich fragt, wie diese noch zu kitten sind.

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Mit dem Ärger zwischen Trainer und Sportdirektor hat die Streitkultur bei den Bayern nun eine neue Dimension erreicht. Nie war bislang auch nur ein kritisches Wort Nerlingers über den Trainer in der Öffentlichkeit zu hören gewesen. Doch van Gaals Alleingänge und seine herrische Art haben nun auch bei ihm großen Unmut provoziert, und das könnte Folgen haben. Sollten die Bayern in den kommenden Wochen keinen Erfolg haben, erscheint eine Trennung nach etlichen, öffentlich ausgetragenen Machtkämpfen zusehends realistisch.

Bereits Anfang November hatte Präsident Uli Hoeneß van Gaal Beratungsresistenz vorgeworfen und ihn vor einer "One-Man-Show" im Verein gewarnt. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge pfiff van Gaal ein paar Wochen später zurück, als dieser einen Tabubruch beging: Der Trainer hatte dafür plädiert, die Identifikationsfigur Bastian Schweinsteiger im Sommer bei einem Scheitern von dessen Vertragsgesprächen zu verkaufen. Am vergangenen Samstag festigte Hoeneß seine kritische Haltung gegenüber van Gaal in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung": "Es ist die Frage, ob man immer mit dem Kopf durch die Wand muss." Hoeneß bezog sich auf van Gaals einsame Entscheidung, den in der Vorrunde konstanten Torwart Hans-Jörg Butt auf die Bank zu setzen und Ersatzkeeper Thomas Kraft spielen zu lassen.

Während Butt die Degradierung stillschweigend und zähneknirschend ertrug, auch weil er sich nach seiner aktiven Zeit eine Weiterbeschäftigung beim Club erhofft, zog Mark van Bommel die Konsequenzen. Der bisherige Kapitän sah nach der Verpflichtung des Brasilianers Luiz Gustavo und dem Verlust seiner Stammplatzgarantie in München keine Perspektive mehr. Dass ein bald 34-Jähriger in den Zukunftsplanungen eines Trainers keine Rolle mehr spielt, ist zwar kein ungewöhnlicher Vorfall im Profi-Fußball. Der Abgang fügt sich jedoch ins Bild eines Vereins, in dem sich altgediente Profis nicht mehr vom Coach respektiert sehen.

Van Gaals Shock-and-Awe-Strategie geht nur gut, solange der Erfolg da ist. Die Bilder vom Feierbiest und vom tanzenden Louis auf dem Rathausbalkon, nach Gewinn von Meisterschaft und Pokal in der vergangenen Saison, haben die Verantwortlichen noch nicht vergessen. Doch sie verblassen angesichts der aktuellen Tabelle, in der ihre Mannschaft 14 Punkte hinter Dortmund auf Platz vier steht. Die Champions-League-Qualifikation ist in Gefahr.

Am Mittwoch ist ein Erfolg im Viertelfinale des DFB-Pokals bei Alemannia Aachen (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) Pflicht, bereits einen Monat später wollen sich die Bayern im Champions-League-Achtelfinale gegen Inter Mailand für ihre im Endspiel 2010 erlittene 0:2-Niederlage revanchieren. Ein Unterfangen, das dieser Tage so unrealistisch erscheint wie der Gewinn der Meisterschaft. Denn ihre Form des vergangenen Frühjahrs haben die Bayern noch längst nicht erreicht. Vielmehr zeigte sich gegen Kaiserslautern erneut, welch Klassenunterschied zwischen Rückkehrer Arjen Robben und vielen anderen Bayern-Spielern besteht.

Die Mannschaft hat sich bislang immer hinter ihren Trainer gestellt, doch offenbar verpasste der Verein ihr nun einen Maulkorb. Jedenfalls wollte der zurzeit so erfolgreiche Stürmer Mario Gomez am Montag nichts zum Führungsstreit sagen. Auch nicht, nachdem er im Schneegestöber bei einem Fotoshooting zitternd auf dem Trainingsgelände posierte. Auch von van Bommel waren nach Bekanntwerden seines Wechsels keine bösen Worte zu vernehmen. Es wäre auch eine Katastrophe für den Verein, wenn sich nun auch ehemalige oder aktuelle Spieler ihren Mund verbrennen würden. Das haben bereits andere getan.

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